Der Wirtschaftsliberale Sebastián Piñera könnte wieder Präsident Chiles werden

Der Zombiekönig

Bei den chilenischen Präsidentschaftswahlen hat der ehemalige konservative Amtsinhaber Sebastián Piñera erneut gute Chancen.
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»Wie konnte ein so schändlicher Mensch Präsident werden?« fragte der Schriftsteller Ricardo Candia jüngst die Leserinnen und Leser der chilenischen Wochenzeitung El Ciudadano. Die Frustration ist leider berechtigt. Denn auch wenn in Chile erst am kommenden Sonntag gewählt wird: Der politischen Rechten wird im ersten Wahldurchgang eine satte relative Mehrheit von 45 Prozent vorausgesagt. Doch warum konzentriert sich Candia so verbittert auf den Kandidaten Sebastián Piñera? Sicher, dieser erfüllt das Klischee ­eines windigen, wirtschaftsliberalen Emporkömmlings. Noch während der militärisch-zivilen Diktatur (1973 – 1990) stellte er im Bankwesen die Weichen für seine späteren unternehmerischen Erfolge. Mit einer Kreditkartengesellschaft, Investmentfonds auf den Virgin Islands und in Luxemburg, dem lukrativen Erwerb bankrotter »Zombieunternehmen« – und deren steuerrechtlicher Ver­silberung – sowie einer Fluglinie brachte er es zum Milliardär – und schließlich zum Präsidenten. Von 2010 bis 2014 sorgte seine Regierung für Kontinuität beim Ausverkauf der Kupferreserven, bekämpfte die Studierendenproteste und beschleunigte die industrielle Ausbeutung der ohnehin hoffnungslos überfischten chilenischen Küstengewässer.

In Anbetracht dieses Lebenslaufs stellt sich die empörte Eingangsfrage neu: Gibt es denn wirklich niemanden, der einen besseren Präsidenten abgeben könnte als »Piraña« (Piranha) beziehungsweise der »Zombiekönig«, wie er genannt wird? Leider sind auch unter seinen immerhin sieben Mitbewerbern einige Untote: Der bereits zweimal angetretene sonny boy Marco Enríquez-Ominami scheiterte an Korruptionsvorwürfen; José Antonio Kast ist ein Erzreaktionär mit SS-Stammbaum; Eduardo Artés ist ein bekennender Stalinist und Befürworter der Todesstrafe; Alejandro ­Navarro von der linken Partei País bleibt ein blasser Mahner und die Christdemokratin Carolina Goic hat ebenfalls kaum Chancen, den ersten Wahlgang zu überstehen.

Damit bleiben der unabhängige, von der Sozialistischen Partei (PS) und der Kommunistischen Partei (PC) unterstützte Fernseh­moderator Alejandro Guillier und die Vertreterin des Bündnisses Frente Amplio (FA, Breite Front), Beatriz Sánchez. Guillier tritt für eine Fortsetzung der regierenden Mitte-links-Koalition ein und verspricht im Wahlprogramm mehr kostenlose Bildung, Arbeit und öffentliche Krankenkassen, höhere Löhne und weniger Kriminalität. Doch dass von ihm mehr als kosmetische Kurskorrekturen zu erwarten sind, glaubt aktuellen Umfragen zufolge nur ein Fünftel der Bevölkerung. Dazu passte, wie Guillier in Fernsehdebatten gekonnt Fragen zur wachsenden Ungleichheit, den Rechten der indigenen Mapuche, einer möglichen Zulassung von genetisch modifiziertem Saatgut und einer Reform der Rentenkasse umschiffte.

Anders hört sich da schon Sánchez an, die auf 14 Prozent der Stimmen kommen könnte und sich konsequent für das Recht auf kostenlose Bildung und grundsätzliche Reformen des Staatswesens einsetzt. Auch wenn das Bündnis FA politisch unerfahren ist und aus opportunistischen Gründen nicht immer offen als »links« auftritt, ist ihm am ehesten ein Wille zu wirklichen Veränderungen zuzutrauen – inklusive der Überwindung der aus der Diktatur ­Augusto Pinochets ererbten Verfassung, die demokratische Handlungsspielräume immer noch beschränkt.

Auch wenn die Zustimmungswerte für Piñera zu hoch angesetzt sein sollten, ruht Chiles letzte, vage Hoffnung vermutlich auf einem Schulterschluss zwischen alter und neuer Linkem im zweiten Wahlgang. Und wenn es keine Mehrheit für ein solches Zweckbündnis gibt? Vier von zehn Chileninnen und Chilenen geben an, ihren derzeitigen Lebensstandard unbedingt halten zu wollen. Es sei diese »Angst vor einer Veränderung, die Bewunderung von Macht als Selbstzweck und die bedingungslose Verherrlichung von Geld«, die in Chile alle vier Jahre zu einem »komplizenhaften Schweigen« führten, erklärte sich Candia den wahrscheinlichen Erfolg eines schändlichen Menschen.