Der Autor und Regisseur Milo Rau hat den Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum erhalten

Der Globalhumanist

Warum Milo Rau zum Herzensdramatiker der Bundesrepublik werden konnte.

Linksfühlende Aktivisten zitieren gern das Diktum Lenins, wonach die Deutschen, wenn sie Revolution machten, zuerst eine Bahnsteigkarte lösen würden. Dabei hat das auf den preußischen Obrigkeitsstaat zurückgehende Klischee vom Deutschen, der Ordnung und Pünktlichkeit liebt, spätestens mit dem Nationalsozialismus ausgedient. Mit diesem, der die deutsche Revolution ­gewesen ist, die manche immer noch von der Zukunft erwarten, ist der Gegensatz von Ordnung und Anarchie, Bürokratisierung und Desorganisation, Staatsterror und Staatszerfall ebenso negativ auf­gehoben worden wie der von Arbeit und Vernichtung. Der Sozialcharakter des preußischen Beamten war im »Dritten Reich« nicht zu sich selbst gekommen, sondern abgestreift worden, damit zum Vorschein kommen konnte, was unter ihm einstweilen verborgen geblieben war. Seitdem ist das bekannteste Exportgut der Deutschen die unvergleichliche Spontaneität, mit der sie zivilisierte Nachbarstaaten vor den Kopf stoßen und die ganze Welt als Vorzimmer des eigenen Souveräns behandeln.

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Solcher Staatlichkeit entspricht seit dem späten 19. Jahrhundert eine Kunst der Entgrenzung, die statt auf Durcharbeitung auf Sprengung der ästhetischen Form, statt auf Distanz zum Publikum auf dessen Einschmel­zung im »ästhetischen Ereignis« zielt. Eine Kunst also, die sich dadurch konstituiert, dass sie die Arbeitsteilung ablehnt, die sie gleichwohl voraussetzt: sowohl die zwischen Ästhetik und Politik wie die zwischen Rezipienten und Produzenten. Richard Wagners Gesamtkunstwerk und Hugo von Hofmanns­thals Ästhetik des Festspiels waren bürgerliche Erscheinungsformen solchen Strebens nach Entgrenzung, ihre Schmalzigkeit und Giganto­manie reflektierten die Tatsache, dass ihre Schöpfer sich die Transgression der Künste vorerst nur als deren Erweiterung, als Patheti­sierung und Totalisierung, vorstellen konnten: Die Schaubühnen wurden zu Palästen, die Bühnen riesig, die Sinnes­reize überwältigend, die Zuschauermassen unüberschaubar. Heutzutage, da die damals nötige Überbietungsmaschinerie schwerfällig und pompös wirkt und die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre nicht mehr künstlerisch überschritten werden muss, weil sie realgesellschaftlich kassiert wurde, nimmt die Neigung zum Gesamtkunstwerk ­andere Formen an.

Was Rau zur größten politischen Gefahr der Gegenwart zu sagen hat, überrascht vor diesem Hintergrund auch nicht mehr.

Auf der Höhe der Zeit inkarniert sie sich im Schweizer Regisseur, ­Theaterautor und Bourdieu-Schüler Milo Rau, der hierzulande populärer ist als in seinem Herkunftsland. Als Rau vergangenen Dienstag im Schauspielhaus Bochum für sein Schaffen den Peter-Weiss-Preis in der Kategorie Theater entgegennehmen durfte, fasste der zivilgesellschaftliche Verlautbarungsautomat Carolin Emcke zusammen, wofür Rau geehrt wurde: für sein »globalhumanistisches En­gagement« und seine »dezidiert politischen Inszenierungen«. Humanismus, selbst schon eine existentialistische Phrase, reicht nicht mehr aus, er muss mit Engagement und Globalität zusammengekleistert werden, damit ihn niemand mit altbackenem Weltbürgertum verwechselt, und dass Theaterstücke nur dann Bewunderung verdienen, wenn sie gründlich durch politische Meinung verdorben sind, ist ohnehin Konsens. Vorbild von Emckes »globalhumanistischem Engagement« ist der Freelancer-Legionär, der sich ohne staatlichen Auftrag oder privates ­Interesse mitten in die Barbarei begibt, um sie dem verwahrlosten Restwesten als Entwicklungsvorbild an­zubieten. Rau verkörpert diesen Typus exemplarisch. Er kann alles, schämt sich nie, hat alles erlebt und alles durchlitten, giert aber, ganz der erfahrungshungrige Unmensch, als den sich Deutsche den Menschenfreund denken, trotzdem nach immer neuen Erlebnissen, Überschreitungen und Provokationen. Seine künstlerisch-politisch motivierten Reisen führten ihn um die halbe Welt, nur nie dorthin, wo angenehme Menschen gerne leben. 2015 begab er sich ins kongolesische Bürgerkriegsgebiet, um für sein Stück »Kongo Tribunal« Beteiligte und Zeugen des Massenmordes zu rekrutieren, Reportagereisen führten ihn nach Ruanda, nach Südamerika, in den Irak und nach Syrien – zwecks Tuchfühlung mit den Kämpfern des »Islamischen Staats«.

 

Multifunktionale Ich-AG

Als Abenteuerreisender im Dienst theatraler Ethnographie betätigt sich Rau als multifunktionale Ich-AG, die nicht nur die Produktion, sondern auch die Rezeption, Kritik und propagandistische Verwertung des eigenen Kunstausstoßes besorgt. 2007 hat er das International Institute of Political Murder (IIPM) gegründet, eine von ihm selbst geleitete Produktionsgesellschaft, die mit einem ganzen Mitarbeiterstab die Herstellung und Auswertung seiner künstlerischen Arbeiten koordiniert. Als soziologisch, kunsttheoretisch und ethnologisch versierter Dozent für Regie und Kulturtheorie an diversen Hochschulen (in diesem Jahr erhielt er die Poetikdozentur für Dramatik der Saarbrücker Universität) orchestriert er selbst die Wahrnehmung und Interpretation seiner Werke. In der Theatersaison 2018/19, für die er zum Intendanten des Nationaltheaters Gent berufen wurde, möchte er ein »globales Volkstheater« etablieren. Im vergangenen November inszenierte er 100 Jahre nach dem Sturm auf den Winterpalast in Sankt Petersburg, mit dem Historiker die Oktoberrevolution beginnen lassen, in Berlin einen »Sturm auf den Reichstag«.

Zuvor hatte Rau an der Berliner Schaubühne seine »General Assembly« veranstaltet, die theatrale Simulation einer zivilgesellschaftlichen UN-Vollversammlung, die nach Art eines imaginären Weltparlaments unterdrückten Minoritäten des gesamten Erdballs eine Stimme verleihen sollte, ein subversiver Akt, der von der Kulturstiftung des Bundes mit 100 000 Euro gefördert wurde. Einige »Delegierte« des Schaubühnen-Parlaments traten mit Redebeiträgen auch beim »Sturm auf den Reichstag« auf, allesamt Lieblingskinder deutscher Zivilpropaganda: Ein Roma-Sprecher prangerte die Diskriminierung ethnischer Minderheiten in Europa an, ein amerikanischer Whistleblower denunzierte den Militarismus der US-Armee und anschließend wurde dann unter Parolen wie »Die Zeit des Zuschauens ist vorbei« der Reichstag gestürmt – symbolisch natürlich, und nicht etwa zur Verteidigung, sondern zur Denunziation der parlamentarischen Demokratie. Von der Vorgeschichte, die im Namen des Orts mitschwingt, war keine Rede. An sie zu erinnern, hätte manchem wohl allzu deutlich ins Bewusstsein gerufen, dass Raus Interventionstheater die ästhetische Avantgarde der Weimarer Republik nur insofern beerbt, als es deren demokratiefeindliche, protofaschistische Impulse aufnimmt und mit der reaktionärsten Form des deutschen Massenspektakels verschmilzt.

Was Rau zur größten politischen Gefahr der Gegenwart zu sagen hat, überrascht vor diesem Hintergrund auch nicht mehr. Nach dem islamistischen Massenmord an den Redakteuren von Charlie Hebdo veröffentlichte er im Schweizer Tagesanzeiger einen Artikel, mit dem er sich endgültig den deutschen Herzen einschmeichelte. Unter der Überschrift »Je suis Charlie, also bin ich« verhöhnte er Tote und Überlebende mit den Worten: »Es gibt bei uns im Westen etwas, das ich zynischen Humanismus nennen würde: Man bombardiert die muslimische Welt mit Drohnen, und gleichzeitig ist man schockiert, wenn in Paris 17 Menschen sterben. Der Kolonialismus (…) ist eine Realität. Die Drohnentoten sind es auch, und die Attentäter haben sie im Internet gesehen: Tatsachen, die ihren Hunger nach Heroismus und schließlich ihre Radikalisierung unterfütterten.« Während er in den »Märschen für die Meinungsfreiheit« die »Selbstvergewisserung eines Europa« zu erkennen meinte, »das sich gegen außen abschottet und gegen innen zusammenschließt«, ein nationalistisches und darum böses Projekt also, bewunderte Rau am Bekennervideo des IS-Attentäters Amedy Coulibaly »die an Weisheit erinnernde Ruhe (…), diesen selbst­bewussten Habitus, für den es in seinem Leben keine Realität gab«. Auf solche Leichenschändung ist Bourdieus Habitus-Begriff im Munde seines angesagtesten Schülers heruntergekommen: Politischer Wahnsinn und terroristischer Mord seien üble, aber verständliche Distinktionsgesten der Marginalisierten, der islamistische Terror sei die Antwort auf die Kolonisierung des Orients. Ein globalhumanistisches Delirium, dem der zynische Humanismus des Westens jederzeit vorzuziehen ist.