Die sexuelle Revolution ist stehengeblieben

Vom Kitsch befreit

Die Mitglieder der Weiberräte des SDS kritisierten schon 1968 die Ignoranz ihrer männ­lichen Genossen. Eine wirkliche Revolution haben andere ausgelöst.

War die sexuelle Revolution der Beginn des großen Geschäfts mit der Ware Sexualität? War sie das Terrain des Sexratgebers Oswalt Kolle, der die Bundesdeutschen von der Prüderie der fünfziger Jahre befreite? Oder war sie ein patriarchalisches Vergnügen von Achtundsechzigern, die ihre Genossinnen zum Sex zwangen?

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Die erste der drei Annahmen ist richtig. Gegen Ende der sechziger Jahre trotzten Illustriertenmacher, Filmproduzenten, Werbefotografen und Pornographen den Zensoren und Saubermännern des postfaschistischen Deutschland mehr und mehr Toleranz für ihre Produkte ab. Schlechte Sexartikel, oberflächliche Sexfilme, verlockende Frauenfotos, entblößte Beine, Busen und Ärsche brachten glänzende Profite. »Sexwelle« hieß das damals und hört seither nicht auf, die Medien zu überfluten. Ganz oben auf dieser Welle schwamm eine Frau. Beate Uhse, einst Pilotin in Hitlers Wehrmacht, dann Pionierin der Vermarktung ansprechender Kondome, Sexspielzeuge und massenkompatibler Reizwäsche, wurde nach anfänglicher Verfolgung durch Polizei und Justiz mit ihrem Geschäft steinreich.

Ihre Utopie einer egalitären, Gesellschaft enthielt auch die der freien Liebe, die es im Hier und Jetzt vorwegzunehmen galt.

Auch die zweite der oben genannten Assoziationen entspricht der Wahrheit. Als den damals Herrschenden klar wurde, dass die für die Adenauer-Jahre typische Sexualmoral der Bundesrepublik nicht mehr zeitgemäß war, konnten die heimlichen Anhänger des zunächst extrem verteufelten US-amerikanischen Sexualempirikers Alfred Kinsey ans Licht der Öffentlichkeit treten. Es war die Stunde der Sexualreformer. Der Populärste wurde Oswalt Kolle, ein Liberaler, der Mitglied der FDP beziehungsweise deren niederländischer Schwesterpartei war. Seine ersten Bücher und Filme richteten sich an verheiratete Paare, deren Ehen durch erfüllenden, partnerschaftlichen  Sex zu stabilisieren er sich zur Aufgabe gemacht hatte.

Progressivere Sexualreformer sorgten sich um die sexuelle Aufklärung auch der Kinder und Jugendlichen, um die Erleichterung der Ehescheidung, die Aufhebung der Vorurteile gegen uneheliche Kinder, geschiedene Frauen und Homosexuelle. Darunter waren einige Frauen. Die Berliner Psychotherapeutin Hildegard Lange-Undeutsch beispielsweise bot schon 1965 Kolloquien zu Themen wie Empfängnisverhütung und vorehelichem Geschlechtsverkehr für Studenten an. Die Bild-Zeitung erklärte sie dafür zur Jugendverderberin.

Die dritte der stereotypen Vorstellungen von der sexuellen Revolution als einem sexistischen Treiben der Männer im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), dem erst die neue Frauenbewegung ein Ende zu setzen wusste, bedarf der Richtigstellung. Während es den Sexualvermarktern vor allem ums Geld ging und den Reformern um einen moderneren und humaneren Umgang mit Sexualität, hatten sich die jungen Sexualrevolutionäre von 1968 an Schulen und Universitäten nicht weniger vorgenommen als die radikale Veränderung der Gesellschaft und der eigenen Persönlichkeit. Sie revoltierten nicht nur gegen einen antiquierten Wissenschaftsbetrieb, gegen den Krieg in Vietnam und die geplanten Notstandsgesetze, sondern auch gegen sämtliche Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft, einschließlich der scheinbar unabänderlichen, sprich Ehe und Familie. Wie vor ihnen Frühsozialisten und Anarchisten oder Revolutionärinnen wie Emma Goldman und Alexandra Kollontai, wollten sie die soziale Revolution mit einer kulturellen und sexuellen verbinden. Ihre Utopie einer egalitären, basisdemokratischen Gesellschaft enthielt auch die der freien Liebe, die es im Hier und Jetzt vorwegzunehmen galt. Eine Liebe, die frei sein sollte von staatlicher wie kirchlicher Einmischung, frei von Jungfräulichkeitserwartungen, Monogamiegebot, Ehezwang, Gebärzwang und Verpflichtung zur Familiengründung. Als Alternative zur bürgerlich isolierten Lebensweise von Paaren oder Kleinfamilien strebten die politisch Aufbegehrenden mit der Gründung von Kommunen und Wohngemeinschaften ein auf gegenseitiger Unterstützung basierendes kollektives Leben an, das emotionale Abhängigkeit und klebrige Bindungen der Menschen verhindern sollte.

 

Gegen die Falle der Zweierbeziehung

Linksradikale Studenten, Schüler und Lehrlinge lösten sich aus unbefriedigenden Zweierbeziehungen, um mit Mehrfachverhältnissen oder Promiskuität zu experimentierten. Das taten keineswegs nur Männer. Da die körperliche Seite der Liebe aufgewertet wurde, konnten sich damals vor allem die Frauen vom romantischen Liebesschmalz aus Heimatfilmen, Kitschromanen und Schlagertexten befreien, vom Zuckerbrot, das man ihnen gab, um sie in ein Hausfrauendasein zu locken. Gegen diese Falle kämpften unzählige junge Frauen an, indem sie beschlossen, ihr Leben nicht auf einen einzigen Mann auszurichten. Sie beschafften sich die Antibabypille, wechselten ihre Partner, experimentierten mit ihrer Lust und versuchten, Sexualität als solche zu genießen. Durch das gemeinsame Interesse an Politik, durch die Aufhebung der Sexualtabus und die Absage an bürgerliche Lebenserwartungen verlor das Verhältnis zwischen den Geschlechtern seine für die prüden Zeiten typische verklemmt erotische Dauerspannung. Dreckige Witze unter Männern und zwanghafte Märchenprinzenphantasien unter Frauen schienen sich ebenso zu erübrigen wie der obszöne Männergriff unter den Frauenrock.

Je größer und populärer die Neue Linke wurde und je mehr die Medien sie dämonisierten und entstellten, desto attraktiver wurde ihre Botschaft von der freien Liebe auch für politisch liberale Männer. Solche mischten sich unter die Radikalen, in der – meist vergeblichen – Hoffnung auf die Gunst der Kommunistenweiber, die in Spießers Phantasie wahllos jeden nahmen. Werbefotografen, Radio- und Fernsehredakteure gaben sich als Linke aus, um Modelle, Schauspielerinnen oder Autorinnen ins Bett zu kriegen. Der Sexismus der unaufhaltsamen Sexwelle tat ein Übriges, um die politisch motivierte sexuelle Revolution zu korrumpieren. So, wenn Rainer Langhans während der entpolitisierten Spätphase der Kommune 1 Uschi Obermaier einen wandelnden Lustautomaten nannte. Oder wenn die Bild-Zeitung von Obermaiers Liebesnacht mit Jimi Hendrix berichten durfte.

 

Der Weiberaufstand im SDS

Der berühmte Weiberaufstand im SDS vom Herbst 1968 allerdings, der heutzutage oft als Geburtsstunde der feministischen Bewegung gegen sexualisierte Gewalt gehandelt wird, richtete sich keineswegs gegen busengrapschende oder Sex erzwingende SDS-Männer. Die spätere Filmemacherin Helke Sander, damals SDS-Mitglied und Gründerin antiautoritärer Kinderläden, betonte in ihrem Redebeitrag vor der 23. Delegiertenkonferenz des SDS, dass dieser die einzige Organisation sei, in der links engagierte Frauen wie sie eine Chance zur Kooperation sähen. Ihr Hauptanliegen war es, den SDS am eigenen Anspruch zu messen, der darin bestand, »innerhalb der bestehenden Gesellschaft Modelle einer utopischen Gesellschaft« zu entwickeln. Dem SDS warf sie damals vor, ein Spiegelbild der patriarchalischen Gesellschaft zu sein. Die legendären Tomaten flogen erst, nachdem die Männer am Podium sich geweigert hatten, über Sanders Beitrag zu diskutieren. Nur eines der Geschosse traf, und zwar ausgerechnet den schwulen, mickerigen und sehbehinderten Hans-Jürgen Krahl, der zwar ein prominenter Agitator und Theoretiker, aber alles andere als ein Macker war. Die SDS-Weiberräte, die sich danach in mehreren Städten bildeten, befassten sich mit der Situation proletarischer Frauen und der geschlechterspezifischen Ungleichbezahlung und lasen die marxistischen Klassiker. Sexualität, Sexismus und sexuelle Gewalt wurden erst gegen Mitte der siebziger Jahre zum Thema der neuen Frauenbewegung.

Die sexuelle Revolution im radikalen Sinn hat ebenso wenig stattgefunden wie die soziale Revolution. Vieles von dem, was die Reformer erreicht haben, wird heutzutage im Sinne eines mächtigen neuen Sexualkonservatismus revidiert. Die Sieger der Geschichte in Sachen Sexualität aber sind deren Vermarkter, zumal sie keinerlei Probleme haben, sich den veränderten Bedingungen anzupassen, einschließlich der am großen Geschäft beteiligten Frauen. Die Autorin von »Shades of Grey« oder die populäre SM-Ratgeberin Claudia Varrin zum Beispiel propagieren Monogamie, Ehe, Familie und die traditionellen Geschlechterrollen. In ihrer Vorstellung von Sexualität glorifizieren sie das Herr-Knecht-Verhältnis und feiern die Macht als Aphrodisiakum, eine Botschaft, die den Geist unserer Zeit kaum besser treffen könnte.