50 Jahre »Lustiges Taschenbuch«

Donald kifft nicht

Warum die Studentenbewegung nicht bis Entenhausen kam.
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Während die Kulturindustrie mit ihrer Transformation in Pop schon in den fünfziger Jahren die Jugend als Konsumentengruppe einzubinden verstand, gelingt ihr im Schatten von Achtundsechzig der warenkapita­listische Zugriff auf die Kindheit (zum einen auf »echte« Kinder, also kleine, junge Menschen, zum anderen auch auf infantilisierte Erwachsene). Dies einerseits durch die kulturindustrielle Erschließung neuer Produk­tionsbereiche real und medial (Spielwaren sowie Filme, Fernsehen, Hörspiel-Tonträger und Kinderliteratur), andererseits durch die Erweiterung der Kulturindustrie in die private, familiäre und damit auch »kindliche« Lebenswelt. »Kolonialisierung der Lebenswelt« nannte das Jürgen Habermas, Oskar Negt und Alexander ­Kluge sprachen daraufhin vom »Imperialismus nach innen«; unter ­anderem am Beispiel von »Pipi Langstrumpf« analysierten sie die Okkupation von »Kinderöffentlichkeit«; die Pädagogen Karl W. Bauer und Heinz Hengst diskutierten diesen warenökonomischen Zugriff auf Kindheit damals unter der Überschrift »Wirklichkeit aus zweiter Hand«.

Abgesehen von mittlerweile längst verstummten pädagogischen Debatten über »Kriegsspielzeug im Kinderzimmer«, »Schäden durchs Fern­sehen«, »verderbliches Comiclesen« und dergleichen vollzog sich die ­warenkapitalistische Durchdringung von Kindheit und Jugend weitgehend unbehelligt von jeder Kritik der politischen Ökonomie.

In der Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs von den Sechzigern zu den Siebzigern entstanden die Spielwelten von Lego und Playmobil, zogen Barbie, Big Jim und die Schlümpfe in die Kinderzimmer, brach die Hochphase der Modelleisenbahn an, kamen Disney-Filme wie »Das Dschungelbuch« (1967), »Aristocats« (1970) oder »Robin Hood« (1973) in die Kinos, während im Fernsehen die »Sesamstraße«, dann »Kimba«, »Heidi«, »Wickie« liefen.

Und es erschienen ab dem 1. Oktober 1967 im Ehapa-Verlag »Walt Disneys Lustige Taschenbücher«. Bereits Ende der vierziger Jahre hatte der Ehapa-Verlag die Rechte bei Disney für Europa erworben, ab 1951 war das »Micky-Maus«-Heft erschienen, zunächst monatlich, dann ab 1957 wöchentlich.

Die »Lustigen Taschenbücher« (ab 1987 »Lustiges Taschenbuch«) sind mehr als ein Beispiel der sich im Kapitalismus global ausweitenden Kultur- beziehungsweise Popkulturindustrie: Sie übernahmen die Figurengruppen einerseits um Micky Maus, andererseits um Donald Duck, die gewissermaßen vom Hauptgeschäft des Disney-Imperiums (neben dem Rechteverkauf sind das der Film und die Freizeitparks) entkoppelt ihr ­Eigenleben entwickeln. Zurückgegriffen wurde dabei auf die bereits markterfolgreichen Printerzeugnisse in und aus Italien; über lange Zeit bleiben Zeichner und Autoren wie Romano Scarpa, Giuseppe Perego, Gian Giacomo Dalmasso, Giovan Battista Carpi oder Luciano Bottaro ­federführend; mit dem weniger bekannten Luciano Gatto und dem ­beinahe unbekannten Attilio Mazzanti waren das alle, die auch für die ­Geschichten in Band 1 verantwortlich sind, der als Übersetzung der italienischen Ausgabe von 1966 übernommen wurde.

Indes kamen unter dem Titel «Der Kolumbusfalter und andere Abenteuer« auch gleich vier der besten Geschichten auf den Markt, nämlich eben »Der Kolumbusfalter«, »Die Zebramuschel«, »Der Gespensterschatz« und »Donald im Jahr 2001«. Es geht um private Querelen zwischen Dagobert Duck und Gitta Gans, Stoffmuster und deren Vermarktung, eine Schatzkarte auf Schmetterlingsflügeln, um Klopfgeister und schwarze Perlen, um noch mehr Schätze und eine Zukunft mit atomgetriebenen Autos, verlegt ins Jahr 2001. Und vor allem geht es um die drei Fragen: Wie kann Onkel Dagobert sein Geld vermehren? Wie kommen die Panzerknacker endlich an Dagoberts Vermögen? Und wie schafft es der tollpatschige, ebenso faule wie jähzornige Donald, sich aus Situationen (»Arbeit«) zu entwinden, in denen ihm Tollpatschigkeit, Faulheit und Jähzorn kaum helfen? Das alles in abwechselnd einer farbigen Doppelseite und einer schwarzweißen Doppelseite (ab April 1987 sind die alle paar Wochen erscheinenden Bände komplett farbig).

 

»Was alles so passieren kann«

»Auf jeden Fall sollte man nicht für möglich halten, was alles so passieren kann«, schreibt, unterschreibt und »wünscht Euch Euer Donald Duck« im Vor- oder Geleitwort zur ersten Nummer der »Lustigen ­Taschenbücher«. Gemeint mit »was alles so passieren kann«, war nichts, was die Welt damals bewegte (einschließlich Kulturrevolution in China, Vietnamkrieg und Mondlandung), sondern vergleichsweise wenig: Alles beginnt mit einer »Vorgeschichte« (solche Vorgeschichten erscheinen bis Band 79, also 1982; sie dienen als Einführung in die Hauptgeschichten und setzen sich als Überleitung zwischen diesen zumeist fort).
Und dann geht es los: Donald renkt den Hals nach oben, um die Höhe der Papierstapel zu ermessen, die sich auf seinem Schreibtisch türmen; ihm ist ganz schwindelig: »Ojeoje! Nichts als Rechnungen, Mahnungen, Zahlungsbefehle, von den Steuer­bescheiden ganz zu schweigen! Ich bin bis über die Ohren verschuldet.«

Schon im nächsten Bild bekommt Donald einen cholerischen Anfall sondergleichen, geht an die Decke, rast vor Wut: »Das ist zuviel für ­einen einzelnen Mann! … Sorgen, Sorgen, nichts als Sorgen! Ich weiß nicht mehr ein noch aus.« Doch dann kommt ihm die Lösung: Er zündet den riesigen Papierberg an – und legt sich, unmittelbar beruhigt durch seine Tat, erst einmal zufrieden in die Hängematte, die im Garten zwischen zwei Bäumen aufgespannt ist. »Na, Hauptsache, ich bin meine Sorgen los! Wo keine Rechnungen sind, da gibt’s auch keine Schulden.« Bald steht aber das ganze Haus in Flammen. Ein Nachbar entdeckt das Feuer, holt die Feuerwehr. Ein Wasserstrahl holt Donald aus der Mittagsruhe. Er denkt sofort an die Versicherung, die zahlen soll: »Da wär’ ich endlich wieder mal bei Kasse.« ­Donald ist sich keiner Schuld bewusst. »Mir kann niemand was vorwerfen«, triumphiert er fröhlich besten ­Gewissens. Und dreht kurzerhand der Feuerwehr den Hydranten zu.

Schließlich landet Donald wegen Versicherungsbetrugs vor Gericht; ­Professor von Quack will ihn verteidigen, argumentiert, dass Donald die Versicherung gar nicht betrogen haben könne, da er 23 Monate seine Versicherungsbeiträge nicht gezahlt habe und deshalb gar nicht versichert sei. Donald platzt dazwischen, wieder in Rage: »Die Versicherung muss zahlen!« Die Leute im Gerichtssaal lachen, einer kommentiert: »Der Kerl ist völlig bekloppt.« Donald geht ins Gefängnis (und legt sich dort mit dem Wärter an); Daisy besucht ihn und rät ihm, er soll die Ruhe seiner Gefängniszeit zur Erholung nutzen. »Denk an die böse ­Geschichte mit dem Kolumbusfalter«, sagt sie ihm. Nacheinander werden jetzt die Geschichten mal als Rückblenden, mal als Fortsetzung erzählt.

 

Karl Marx: »Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische«

Doch die Zeit steht still; wie so oft in solchen fiktiven Unterhaltungsuniversen ist auch hier die Geschichte ausgesetzt. Auch die »Lustigen Taschenbücher« kommentieren damit trivialliterarisch, was seinerzeit am Beispiel der Theaterstücke von Samuel Beckett als Postmoderne diskutiert wurde, ja kommentieren überdies den Befund des Posthistorischen, die These vom Ende der Geschichte, die in den Siebzigern von Soziologen wie Amitai Etzioni oder Daniel Bell unter dem Stichwort der »nachindustriellen Gesellschaft« bekannt gemacht wurde. Mithin: Auch wenn Entenhausen freilich irgendwie als »Gesellschaft« gezeichnet ist und sich auch die Figuren alle irgendwie »gesellschaftlich« verhalten, ist die Frage, ob es sich hierbei überhaupt um soziale Verhältnisse handelt, oder nicht vielmehr, mit den probaten Mitteln der Unterhaltung, eine ganz eigene, in ihrer spezifischen Struktur dann ­asoziale Mythologie geschaffen wird.

Es stehen ja die Tierfiguren im ­Disney-Universum im Vordergrund. Dennoch sind Micky Maus, Donald Duck und Goofy keine Fabelfiguren, keine Akteure, die in ihrem »tierischen« Verhalten »menschliche« Moral oder Unmoral vermitteln. Vielmehr gilt hier, was Marx lapidar in seinen Pariser Manuskripten über Entfremdung notierte: »Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische.« Aber, und das ist der entscheidende Punkt, an dem solche Mythologie wie die in den »Lustigen Taschen­büchern« entfaltete, gerade wo sie mittels Waren an ein Kinderpublikum adressiert ist, in Realideologie umschlägt: Als Einübung in not­wendig falsches Bewusstsein, dem die falschen Verhältnisse dann als notwendig richtige erscheinen.
Das ist jedoch keineswegs eine ausgeklügelte Masche, Kinder und ­Erwachsene, die an den Disney-Geschichten Freude haben, zu mani­pulieren, sondern setzt kulturell bloß fort, was die Gesellschaft des Spek­takels ohnehin durchherrscht: Der Kapitalismus ist vollends zur zweiten Natur geworden.

 

Auch vor fünfzig Jahren erschienen: Guy Debords »Gesellschaft des Spektakels

Vor fünfzig Jahren, 1967, im selben Jahr, in dem das erste »Lustige ­Taschenbuch« veröffentlicht wurde, erscheint auch Guy Debords »Gesellschaft des Spektakels«; es heißt dort zu Beginn: »Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine un­geheure Sammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.« Debord paraphrasiert hier Marx, der, sich selbst paraphrasierend, 100 ­Jahre zuvor, 1867, den ersten Band von «Das Kapital« ebenso beginnt: »Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktions­weise herrscht, erscheint als eine ›ungeheure Warensammlung‹, die ­einzelne Ware als seine Elementarform.« Die in der ungeheuren Sammlung von Spektakeln sich fortsetzende ungeheure Warensammlung verliert schließlich – gerade durch die ungeheure Gewalt der konsumistischen Gebrauchsgüterproduktion, mit der das gewöhnliche ­Leben zum vermeintlichen Glück gezwungen wird – ihre Ungeheuer­lichkeit: Das gewöhnliche Leben wird eben gewöhnlich.

Nicht nur bietet Entenhausen dafür den Modellfall, sondern Produkte wie die »Lustigen Taschenbücher« sich Teil dieses gewöhnlichen ­Lebens, dieser Normalität. Denn wie wenig »unheimlich« die spektakuläre Warenproduktion ist, zeigt sich wohl in keinem Bereich der Expansion kapitalistischer Konsumangebote so drastisch wie in dem der Kinder als Konsumenten adressiert – und damit Kindheit sukzessive dem Schematismus der spektakulären Warenproduktion unterwirft.

Allerdings: Inhaltlich bieten die Comicgeschichten genau das Gegenteil des gewöhnlichen Lebens, sie schaffen die Illusion von »Abenteuern«. Was daran begeistert oder schlechterdings unterhält, ist bloßer Eskapismus, Flucht aus der Gesellschaft des Spektakels in die Gesellschaft des Spektakels mit der Ge­sellschaft des Spektakels – ohne dass dieses Spektakel an irgendeiner Stelle als Gesellschaft erkennbar ist. Hier entfaltet die von Marx skizzierte Dialektik von Tierischem und Mensch­lichem ihren Sinn (oder Unsinn), wenn man eine Bemerkung aus der »Deutschen Ideologie« hinzunimmt: »Wo ein Verhältnis existiert, da existiert es für mich, das Tier ›verhält‹ sich zu Nichts und überhaupt nicht. Für das Tier existiert sein ­Verhältnis zu andern nicht als Ver­hältnis.«

So bildet ein Jubiläum wie »50 Jahre Lustiges Taschenbuch« einen geradezu bizarren Kontrast zu »50 Jahre 1968«; und zwar nicht nur deshalb, weil in 500 Ausgaben »Lustiges Taschenbuch« – von spärlichsten ­Reminiszenzen abgesehen – alles, was irgendwie mit der revolutionären Chiffre »1968« zu tun hat, nicht vorkommt, sondern weil die gut und aufwendig gemachte Inszenierung des LTB-Jubiläums in surrealer Weise die postbürgerlichen Inszenierungen zum Achtundsechzigerjubiläum spiegelt.