Der Roman »Im Herzen der Gewalt« von Édouard Louis

Rückkehr zur Gewaltfrage

Der autobiographische Roman »Im Herzen der Gewalt« von Édouard Louis schildert, wie schwierig es für Opfer ist, eine Vergewaltigung öffentlich zu machen.

Sein Name war Reda, berichtet Édouard Louis in seinem Roman »Im ­Herzen der Gewalt«. Reda sprach ihn an, in der Weihnachtsnacht auf dem Place de la République, und irgendetwas an ihm, sein Atmen, sein ­Humor, seine Schönheit, ließ Louis nachgeben. Die beiden gehen in Édouards Wohnung und haben Sex. Am Morgen danach wird Reda Édouard bestehlen, ihn mit einer Pistole bedrohen, mit einem Schal fast bewusstlos würgen und dann vergewaltigen. Als er geht bricht Édouard zusammen. Er fährt ins Krankenhaus, desinfiziert die Wohnung, schmeißt seine Kleidung weg, trifft Freunde, geht zur Polizei, zur Gerichtsmedizin, zu Psychologen, lässt sich anstecken vom institutionellen Rassismus, der sich in der Bezeichnung des Täters als Mann des »maghrebinischen Typus« in der Anzeige manifestiert, verlässt Paris und flüchtet zu seiner Familie in die Provinz. Diese Geschichte hat Louis als Tatsachenroman aufbereitet.

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Es ist der zweite des erst 24jährigen Autors. Seinen Durchbruch hatte er bereits 2014 mit »Das Ende von Eddy«, der sich allein in Frankreich über 200 000 Mal verkaufte. Auch »Im Herzen der Gewalt«, bereits im ­August erschienen, wurde vom Feuilleton gefeiert, auch in Deutschland singt man Hymnen auf den Autor. Als Frankreich im Oktober Gastland der Frankfurter Buchmesse war, war Louis der Shootingstar, auf den man sich einigen konnte.

Ein großer Teil der Faszination, die Louis auslöst, liegt auch an den ­Salonphantasien, die der Autor weckt: Die französischen Intellektuellen ­Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie sind in beiden Büchern präsent, als Freunde, weintrinkend und beistehend. Und wie sie da so zusammensitzen, die klügsten Köpfe ihrer Generationen, da erinnern nicht mehr nur die verdichtete Sprache, die kulturtheoretischen Gedankenblitze und Abschweifung an einen Autor wie Rainald Goetz. Louis dient dem deutschen Feuilleton nicht zuletzt als Projektionsfläche für die verlorenen Achtziger, für eine höhere Durchlässigkeit des Diskurses abseits vom konservativen Erbintellektuellentum der Generation Simon Strauß.

Denn es ist diese Undurchlässigkeit, die das deutsche Milieu im Vergleich zum französischen gerade recht muffig wirken lässt – nicht, dass das französische Universitätssystem besonders offen wäre, doch es hat schreibende Denker mit Herkunft aus der unteren Arbeiterklasse wie ­Eribon und Louis hervorgebracht, die nun die Klassenfrage, über die man hierzulande lieber schweigt, in den Fokus rücken. Eribons »Rückkehr nach Reims« war 2016 ein Überraschungserfolg: Eine Coming-­out-­Geschichte, aber keine, die sein Schwulsein verhandelt, sondern seine Scham über seine Herkunft als Sohn einer Putzfrau und eines Arbeiters. Auch Édouard Louis’ Debüt ­erzählt von einer erfolgreichen, aber kaum rückstandsfreien Ablösung. Der radikale Roman »Das Ende von Eddy« berichtet vom Verschwinden des Eddy Bellegeule aus dem Leben des Édouard Louis. Es ist sein eigener Name, den er im Dorf seiner Herkunft zurücklässt, als er noch als ­Jugendlicher den Ort verließ. Und mit ihm kehrte er auch dem Rassismus, der Gewalt, der Stupidität und dem Konformitätdruck des Dorfes den Rücken.

»Im Herzen der Gewalt« ist aber auch eine Rückkehr in die französische Region Picardie. Louis lässt im Buch wichtige Episoden seiner Geschichte von einer Agentin des dörflichen Terrors erzählen – seiner Schwester Clara. Sie wird dadurch, genau wie die Jugend des Eddy, in eine neue Perspektive gerückt: Immer wieder, wenn die Schwester ihrem Mann, einem schweigsamen Trucker, Édouards Nacht schildert, geht dessen neue Identität als Pariser nicht auf. Louis verdoppelt sich hier, der beendete Eddy wird als Teil des neuen Édouards sichtbar. Die Lesenden ­hören vom Verlauf der Nacht durch Claras Erzählung, die Louis’ lyrisches Ich hört, versteckt hinter einer Tür. Er selbst hat sie ihr erzählt, nun erzählt sie sie weiter, ergänzt um ihre Interpretationen – notwendigerweise ergänzt um Édouards, des Nacherzählers der Nacherzählung, Kommentare, Korrekturen und Einlassungen. Édouard Louis schont sich in diesem Buch nicht.

Würde das Motiv der Gewalt nicht den Roman dominieren, er wäre nicht weniger beeindruckend als Auseinandersetzung mit Sprachzwängen und Sprachmacht, damit, wie Wirklichkeit konstruiert wird durch Erzählungen von Wirklichkeit. In­folge der Entscheidung, die Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen, ist der Erzähler gezwungen, sie immer und immer wieder nachzuerzählen, und immer ist es das Gegenüber, das die Geschichte bestimmt, das Ordnung verlangt und dem Details offenbart oder verschwiegen werden. ­Ärztinnen und Polizisten, aber auch Freunde und Bekannte. Louis will ­reden, aber zugleich macht das Reden die Geschichte zu einer Performance. Weinen ist darin dann, zum Beispiel, nicht mehr Emotion, sondern Indikator für Glaubwürdigkeit. Louis’ Entscheidung, die Erzählung im Buch seiner Schwester zu überlassen, ist nicht nur ein gewitzter Kunstgriff, sondern vielleicht auch die einzige Möglichkeit, sie überhaupt so zu erzählen, wie er es zu wollen vorgibt: als eine wahre Geschichte.

Die Frage nach der Erzählbarkeit einer Gewalterfahrung hat die ­Debatte des zurückliegenden Jahres geprägt. Nicht zuletzt auch darum ist »Im Herzen der Gewalt« ein wichtiges Buch. Als mit Harvey Weinstein der erste Fall einer nicht enden wollenden Kette von Fällen sexualisierter und sexueller Gewalt von Personen des öffentlichen Lebens endlich zur Sprache kam, lautete die erste Frage vieler Menschen, vor allem Männer, warum nicht früher darüber gesprochen worden war, warum die Opfer geschwiegen hatten. Es hat #metoo gebraucht, um zu verstehen, dass es nicht nur ein Schweigen gibt, sondern auch ein Überhören. »Im Herzen der Gewalt« ist eine Er­innerung daran, wie schwer die Sprache sich anfühlt angesichts einer sprachlosen Tat und einer weghörenden Gesellschaft. Glücklicherweise hat sie sich hier durchgesetzt.

Édouard Louis’ Vergewaltiger wurde tatsächlich zufällig gefasst – zufällig. Er saß im Gefängnis, wurde aber, auch durch die Fürsprache von ­Louis, vorzeitig auf Bewährung entlassen.

»Hast du keine Angst, allein in der Wohnung zu sein?« fragt sein Freund  Geoffrey am Ende des Romans. Das Buch endet mit Szenen der Fürsorge, aber die Frage des Freundes weist über das Buch hinaus. Was blieb von dieser Nacht, die in den dunklen Ecken des Gedächtnisses fortlebt? Geht Édouard Louis heute wieder nachts über den Place de la République? Sind die rassistischen Ge­danken von Édouard verschwunden?

 

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer, Frankfurt am Main 2017, 224 Seiten, 20 Euro