Griechische Nationalisten brannten bei einem Mazedonien-Aufmarsch in Thessaloniki ein besetztes Haus nieder

Neonaziterror unterschlagen

Zehntausende griechische Nationalisten haben in Thessaloniki für das exklusive Recht auf den Namen Mazedonien demonstriert. Im Zuge der Proteste brannten Faschisten ein anarchistisches Zentrum nieder.

»Mazedonien ist griechisch«, »Mazedonien wird immer griechisch sein«, »Nur wir sind wahre Mazedonier«, skandierte die aus allen Teilen des Landes mit Bussen angereiste Menschenmenge. Zur Kundgebung vor der Statue Alexander des Großen an der Strandpromenade Thessalonikis am 21. Januar hatten nationalistische und rechts­extreme Organisationen, die nazistische Partei Chrysi Avgi und große Teile des orthodoxen Klerus aufgerufen. Die Polizei sprach von 90 000 Teilnehmenden, die Veranstalter gaben 300 000 an. Es war jedenfalls die größte Demonstration in Thessaloníki seit 1992, als aus demselben Anlass fast eine Million Menschen in einem nationalistischen Delirium die Stadt überschwemmten.

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Thessaloniki steht im Namensstreit zwischen der griechischen und der mazedonischen Regierung an exponierter Stelle, weil es die Hauptstadt der ­Region Makedonia ist, die große Teile Nordgriechenlands umfasst. Der Streit schwelt, seit die jugoslawische Teil­republik Mazedonien 1991 ihre Unabhängigkeit erklärte und den Namen Republik Mazedonien wählte. Griechenland blockiert seitdem die Aufnahme von EU-Beitrittsgesprächen und seit 2008 den Nato-Beitritt des Nachbarlands, das bei den Vereinten Nationen als Former Yugoslav Republic of ­Macedonia (FYROM) geführt wird. Aus Sicht Griechenlands ist der Name ­Mazedonien Teil des griechischen Nationalerbes.

Der UN-Sonderbeauftragte Matthew Nimetz hat griechischen Medien­berichten zufolge bei den vor drei Wochen in New York City wieder auf­genommenen Verhandlungen fünf Namensvorschläge unterbreitet. Alle ­sollen das Wort Mazedonien enthalten, unter anderem »Nord-Mazedonien« und »Neu-Mazedonien«. Nimetz gibt sich optimistisch, beide Seiten seien an einer Lösung interessiert. Der griechische Ministerpräsident Alexis ­Tsipras sagte der Athener Tageszeitung Ethnos vom 20. Januar, es sei »nicht ­unlogisch«, dass der Begriff »Mazedonien, mit einem geographischen oder zeitlichen Zusatz« im neuen Namen enthalten sein könnte. Die Regierungsübernahme von Zoran Zaev in Mazedonien im Mai 2017 wird allgemein ­positiv gewertet. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Nikola Gruevski gibt sich Zaev offen für Kompromisse, nicht zuletzt weil viele seiner Wählerinnen und Wähler hoffen, dass der Nato-Beitritt die schlechte Wirtschaftslage verbessert.

 

Es gab keine Festnahmen. Einem mitgeführten Transparent nach zu ­urteilen, handelte es sich bei einem Teil der Brandstifter um Hooligans des Fanclubs Makedones, nationalistischen Anhängern des Fußballclubs PAOK Thessaloniki.

 

Den griechischen Nationalisten geht indes jeder Kompromiss zu weit. Der als Hardliner und Anhänger von Chrysi Avgi bekannte Metropolit von Thessaloniki, Anthimos, rief am 21. Januar in einem Gottesdienst zur Teilnahme an der Kundgebung auf und stellte unmissverständlich klar: »Mazedonien ist Griechenland und Griechenland ist Mazedonien.« Vasilis Leventis, der Vorsitzende der im Parlament vertretenen Zentrumsunion, sprach von »Verrat«, sollte die griechische Regierung der Benutzung des Begriffs Mazedonien zustimmen. Chrysi Avgi witterte »Volksverrat« und war mit uniformierten Sturmtruppen an Ort und Stelle. Der Vorsitzende der größten Oppositionspartei Nea Dimokratia, Kyriakos Mitsotakis, betonte, er werde »unnachgiebig sein«, wenn es um die Nutzung des Begriffs Mazedonien für die FYROM gehe. Auch der christlich-nationalistische Juniorpartner der Regierungspartei Syriza, die Unabhängigen Griechen (ANEL), war mit viel Fußvolk und der Staatssekretärin im Innenministerium für die Angelegenheiten Mazedoniens-Thrakiens, Maria Kollias-Tsaroucha, vertreten.

Schon um 13.30 Uhr, kurz vor Beginn der Kundgebung, zogen Horden ­organisierter Faschisten durch die Stadt. Mit Steinen, Leuchtspurmunition und Molotowcocktails griff eine Gruppe von 60 bis 80 Personen das besetzte soziale Zentrum »Schule zum Erlernen der Freiheit« an. Nachdem sie von dort hatten vertrieben werden können, zogen sie zu dem seit 2008 bestehenden anarchistischen Zentrum Libertatia. Auch dort wurde der Angriff abgewehrt. In beiden Fällen beschränkten sich die Spezialeinheiten der Polizei darauf, den Angreifern den Rückzug zu sichern. Kurz nach dem Ende der Kundgebung zogen rund 100 vermummte Neo­nazis erneut zum Zentrum Libertatia, einem besetzten Haus, und zündeten das nun ungeschützte neoklassizistische Gebäude an, das bis auf die Grundmauern niederbrannte. Die dort befindlichen Polizeikräfte griffen nicht ein. Es gab keine Festnahmen. Einem mitgeführten Transparent nach zu ­urteilen, handelte es sich bei einem Teil der Brandstifter um Hooligans des Fanclubs Makedones, nationalistischen Anhängern des Fußballclubs PAOK Thessaloniki. Die Besetzerinnen und Besetzer Libertatias befanden sich zu diesem Zeitpunkt bei der antifaschistischen Gegenkundgebung.

»Die Angriffe und die Brandstiftung hätten ohne den Schutz der Mazedo­nien-Kundgebung nie geschehen können. Dort sind sie hin, von dort kamen sie zurück. Alle rechtsextremen und neonazistischen Gruppen haben dazu aufgerufen, doch niemand hat sich ­daran gestört, womit ihnen gesellschaftliche Legitimität verliehen und öffentlicher Raum für Wort und Tat zur Verfügung gestellt wurde«, hieß es ­später in einer Erklärung von Libertatia.

Eine antifaschistische Solidaritätsdemonstration für das Projekt mit 2 500 Menschen am folgenden Abend wurde von der Polizei mit Tränengas und Blendschockgranaten ­angegriffen. Bei den folgenden Auseinandersetzungen gab es viele Verletzte, fünf Menschen wurden verhaftet. Keine demokratische Partei verurteilte die Brandstiftung, in den Nachrichtensendungen wurde nicht darüber berichtet.