Zur in Frankreich geplante Neuauflage der antisemitischen Schriften Célines

Neuauflage des Judenhasses

Die Affäre um die Wiederauflage der Hetzschriften des französischen Autors Céline weist auf den strukturellen Antisemitismus in Frankreich hin.

Die Aufregung in Frankreich war groß. Der berühmte Nazijäger Serge Klarsfeld sprach im Fernsehsender Europe 1 von einer »Aggression gegen die Juden in Frankreich« und der Dachverband der jüdischen Organisationen in Frankreich (CRIF) diagnostizierte »eine unerträgliche Anstiftung zum antisemitischen und rassistischen Hass.«

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Was war geschehen? Die Vorwürfe richten sich gegen das Vorhaben des traditionsreichen Verlagshauses Gallimard, die verabscheuenswürdigen Pamphlete des großen Neuerers der französischen Literatur, Louis-Ferdinand Céline, wieder aufzulegen. Geplant waren Neuauflagen der Texte »Bagatelles pour un massacre« von 1937, »L‘École des cadavres« von 1938 und »Les beaux draps« aus dem Jahr 1941. In diesen Schriften propagierte Céline einen hemmungslosen und mörderischen Antisemitismus. Während der Nazizeit erschien 1938 auch eine stark gekürzte deutsche Übersetzung unter dem Titel »Die Judenverschwörung in Frankreich«, die inzwischen weitgehend vergriffen ist und antiquarisch zu Höchstpreisen gehandelt wird.

Wegen der harschen Einwände hat der Verlag sich inzwischen von dem Plan verabschiedet. Dessen Leiter Antoine Gallimard begründete diesen Schritt damit, dass die »methodologischen und erinnerungsgeschichtlichen Bedingungen nicht erfüllt« seien, »um dieses Projekt ernsthaft anzugehen.«

Kann das die Lösung sein? Müssten bei einem Autor von der Bedeutung Célines nicht sämtliche Schriften zugänglich sein, auch um sein übriges Werk angemessen einzuschätzen? Der deutsch-jüdische Essayist Benjamin Korn hatte schon 1994 in einem Essay in der Zeit vehement für eine Veröffentlichung der Hetzschriften plädiert. Sein Resümee damals lautete: »Frankreich zensiert Céline und mit Céline zensiert Frankreich seine eigene Geschichte: die seines Antisemitismus und der Kollaboration mit der Besatzungsmacht.«

 

Gerade um das Ausmaß des Judenhasses von Céline bekannt zu machen, wäre es sinnvoll, eine kritisch kommentierte neue Ausgabe der Pamphlete herauszugeben.

 

Der französisch-jüdische Schriftsteller und regelmäßige Mitarbeiter von Le Monde und des New Yorker Tablet Magazine, Marc Weitzmann, sieht das anders. Auf Anfrage der Jungle World erklärt er: »Zunächst ist es nicht Frankreich, das Céline zensiert, sondern Céline zensiert sich selbst. Er, und später nach seinem Tod seine Gattin Lucette, heute 105 Jahre alt, waren es, die die Wiederveröffentlichung der antisemitischen Pamphlete aus Gründen blockierten, die nur sie kennen. Es versteht sich von selbst, dass man die Texte wiederveröffentlichen müsste, wenn auch nur deshalb, um ein Gesamtbild von ­Célines Werk und seinem mons­trösen Wahnsinn zu erhalten.« Leider aber habe Gallimard sich bei seinem Projekt dafür entschieden, sich mit der Übernahme einer 2008 in Kanada veröffentlichten Edition zu begnügen, herausgegeben vom Verlag Editions Huit unter dem beschönigenden Titel »Écrits polémiques«. »Der Chef des Éditions Huit, ein gewisser Rémi Ferland«, verrät Weitzmann, »versteckt weder seine Sympathien für die extreme Rechte noch seine Judenfeindlichkeit. Die Frage ist dabei nicht so sehr, ob die antisemitischen Schriften Célines in Frankreich veröffentlicht werden dürfen, sondern warum die Éditions Gallimard sich entschlossen hat, dies einfach durch die Wiederauflage der Ausgabe von Éditions Huit zu tun. Bislang gibt es darauf keine Antwort.«

Tatsächlich liegen diese Texte nicht nur in Kanada vor, im Internet sind digitale Kopien des Buchs leicht zugänglich. Was Céline darin von sich gibt, ist haarsträubend. Gleich zu Anfang etwa heißt es etwa in den »Bagatellen« über Zeitungskritiker: »Sie sind Dummköpfe. Dreckige Arschlöcher, Juden eben. Alles Versager! Unersättliche Blutsauger! Mindestens fünfzehn Werke hat jeder von ihnen getötet! Sie rächen sich … sie krepieren … sie verdrießen … wimmeln wie Pusteln!«