Platte Buch - Thomas Macho: Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne

Letzte Freiheit

Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Thomas Macho aus Wien hat eine europäische Kulturgeschichte des Suizids vorgelegt, die den Freitod zum Leitmotiv der Moderne erhebt. Macho konstatiert eine radikale Umwertung des Suizids seit dem fin de siècle. Die Entkriminalisierung des Suizids beginnt 1751 in Preußen und wird in Großbritannien erst 1961 vollzogen. In der Erfahrung einer radikalen Spaltung des Selbst in Subjekt und Objekt entdeckt Macho eine Konstante innerhalb suizidaler Phantasien. Suizid gilt ihm in Anlehnung an Michel Foucault als »›Selbsttechnik‹ schlechthin«, als eine Möglichkeit, das eigene Leben durch selbstbestimmtes Sterben zu formen und symbolisch zu verdichten. Diese Neubewertung sei auch eine Folge der Popularisierung vormals elitärer Techniken der Selbstreflexion infolge des Buchdrucks, der Schulpflicht, der Massenalphabetisierung und des Internets.

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Der Autor schlägt einen Bogen vom weisen Suizid antiker Philosophen über christliche Vorstellungen im Mittelalter und die Romantisierung des Freitods Ende des 19. Jahrhunderts bis zu seiner medi­zinischen Deutung im 20. Jahrhundert. Die Moderne erscheint dabei als Befreiung aus göttlichen, staatlichen und familiären Verfügungs­ansprüchen auf das eigene Leben. Durch die Liberalisierung der Sterbehilfe sei ein Punkt erreicht, an dem der Wunsch zu sterben nicht mehr pathologisiert werde. Macho erzählt von Schülersuiziden, politischer Selbstverbrennungen, suizidalem Terrorismus russischer Revolutio­näre und islamistischer Selbstmordattentäter, von Todessehnsüchten im Ersten Weltkrieg und apokalyptischen Auslöschungsphantasien seit der Shoah. Die Analysen von Literatur, Kunst und insbesondere Filmen sind detailliert, das Kapitel zu existentialistischen Philosophien beeindruckt besonders. Dagegen vernachlässigt Macho die enorme Bedeutung des präventiven Hilfesystems zur Suizidverhütung.

Thomas Macho: Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne. Suhrkamp, Berlin 2017, 532 Seiten, 28 Euro

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