Die »Woche der Kritik«

Kritischer Zustand

Bei der parallel zur Berlinale stattfindenden »Woche der Kritik« diskutieren Autoren und Autorinnen ihr Verhältnis zum Kino, zum Publikum und zur eigenen Profession.

Die Dokumentation »Searching for Oscar« begleitet den argentinischen Filmkritiker Óscar Peyrou auf seinen wenig abenteuerlichen Reisen durch den Festivalzirkus des Gegenwartskinos. Beim Filmegucken und Kritikenschreiben sieht man den älteren Mann, der ein mehr oder minder wichtiges Amt bekleidet – er ist Präsident der spanischen Filmkritikervereinigung –, jedoch nicht. Stattdessen inszeniert der Filmemacher Octavio Guerra seinen Protagonisten in präzise komponierten Bildern als eine Art Kritiker von der traurigen Gestalt, der sein rotes Rollköfferchen durch Hotelflure zieht, melancholisch an Frühstückstischen sitzt und die Routinen von Podiumsdiskussionen, Interviews und Jurysitzungen mit ­einer Mischung aus anarchischem Geist und Ennui irritiert. So erklärt Peyrou etwa, die Acht-Uhr-Filme beim Filmfestival in Cannes vorsätzlich im halbwachen Zustand zu schauen: »Es macht den Film weicher.« Auch tritt er für eine Form von Kritik ein, die ohne die Betrachtung von Filmen auskommt und ihre Bewertung allein auf Grundlage der Plakate vornimmt  – das sei objektiver. »Searching for Oscar« ist sowohl das Porträt eines Künstler-Kritikers, der mit schläfrigem Sanftmut avantgardistische Ideen in die Filmkritik einzuschmuggeln versucht, als auch ein schelmischer Kommentar zum immer mehr ökonomisierten und professionalisierten Festivalbetrieb, dem sich auch die Journalisten und Journalistinnen immer mehr zu unterwerfen gezwungen sehen.

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Dass die vom Verband der Filmkritik ausgerichtete »Woche der Kritik« diesen Film in ihr Programm aufgenommen hat, liest sich wie ein Kommentar zum Image der eigenen Profession: Als im November vorigen Jahres die Zukunft der Berlinale-Leitung öffentlich diskutiert wurde und 79 Regisseure und Regisseurinnen eine programmatische Erneuerung forderten, handelten sich vor allem diejenigen Anfeindungen ein, die die kollektive Erklärung als Auftakt einer kritischen Debatte verstanden wissen wollten. Eimal mehr wurde das Bild der zwanghaft nörgelnden, spaß- und publikumsfeindlichen, Kopf-ab-schreienden Film­kritiker-Schreckschraube bemüht. Ein hässliches Klischee, dem eine Figur wie Óscar Peyrou widerspricht.

 

»Searching for Oscar« ist sowohl das Porträt eines Künstler-Kritikers, der mit Sanftmut avantgardistische Ideen in die Filmkritik einzuschmuggeln versucht, als auch ein schelmischer Kommentar zum immer mehr ökonomisierten Festivalbetrieb.

 

Die »Woche der Kritik« mag vielleicht vor vier Jahren tatsächlich eher als Parallelfestival denn als Gegenentwurf zur Berlinale konzipiert worden sein. Doch angesichts der derzeit wieder vorgebrachten Kritikpunkte – zu viele Filme, Unübersichtlichkeit, Profilprobleme und allzu schlichte Politikbegriffe – ist dem über sieben Abende kuratierten Film- und Debattenprogramm die Bezugnahme auf diese Debatte unweigerlich eingeschrieben. So fragt die Konferenz, die sich wie üblich als Prolog zum Filmprogramm versteht, unter dem Titel »Malen nach Zahlen?«, wie Vorstellungen vom Publikum die Arbeit von Fördergremien und Filmproduktionen bestimmen. Und auch der Eröffnungsfilm »Scary Mother« (Georgien/Estland 2017), der mit dem Begriffspaar »Kunst und Vertrauen« überschrieben wird – es diskutieren die österreichische Schriftstellerin Stefanie Sargnagel und der brasilianische Filmemacher Kleber Mendonça Filho – kreist um Fragen, die jede Programmauswahl betreffen: etwa die nach Deutungshoheit und den Grenzen künstlerischer Freiheit. In dem beunruhigend fiebrigen Debüt der georgischen ­Filmemacherin Ana Urushadze erschüttert eine Hausfrau, Ehefrau und Mutter dreier Kinder ihr familiäres Gefüge mit dem Schreiben eines autobiographisch grundierten Romans, der in ungehemmter Sprache ihre Abscheu gegenüber der eigenen Familie zum Ausdruck bringt. Während der Mann um den Verstand seiner Frau fürchtet und ihre Textproduktion angewidert als Pornographie verwirft, glaubt der Nachbar in der schreibenden Manana ein wahres Genie erkannt zu haben. In der Kulisse brutalistischer Betonarchitektur erzählt »Scary Mother« von der (nicht nur künstlerischen) Emanzipation einer Frau, die sich für ihre jahrelang unterdrückte Passion bis an die Grenzen des Wahnsinns vorwagt. Manananggal, eine mythische Kreatur, die nachts zu einem bedrohlichen Monster mutiert und tickende Töne von sich gibt, wird für die als Schriftstellerin Wiedergeborene zum Symbol ihrer Verwandlung.

 

Isabelle Huppert, »Madame Hyde« , Berlinale

Ihr Unterricht elektrisiert: Madame Géquil (Isabelle Huppert) als Lehrerin in »Madame Hyde«

Bild:
Woche der Kritik / Les Films Pelleas

 

Unberechenbar, widerspenstig und wenig zimperlich sind die Frauenfiguren auch in anderen Filmen. Das surrealistische Drama »Yet to Rule« (Rumänien 2018) von Mihaela Popescu folgt einer unerschrockenen Strafrichterin durch Berufsleben und Alltag. Dabei wird sie auf unheimliche Weise von einer schattenhaften männlichen Figur begleitet, die sich mitunter animalisch gebärdet. Mit formalem Wagemut – dazu gehören die wie von fremder Hand geführten 360 Grad-Kamera-Rotationen im Gerichtssaal – entwirft der Film ein Bild des rumänischen Rechtssystems, vermittelt durch eine Frau, in der die rationalen und instinkthaften Anteile Krieg miteinander führen.

»Hagazussa« (Deutschland 2017) von Lukas Feigelfeld ist das rare ­Beispiel eines deutschen Horrorfilms mit extravaganter Autorenhandschrift. Der Abschlussfilm des Absolventen der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin spielt in einer einsamen Alpengegend im 15. Jahrhundert. Albrun, eine junge Ziegenhirtin, deren verstorbene Mutter schon als Hexe gebrandmarkt war, wird gewaltsam von der Dorf­gemeinschaft verstoßen. Anstatt sich weiter peinigen zu lassen, nimmt die junge Frau ihre zugeschriebene Rolle auf wüste Weise Selbstermächtigung an. »Hagazussa« ist ein mons­tröses Werk, das Momente von Folklore, Black Metal und Body Horror miteinander verbindet. Auf der Tonspur dröhnt das griechische Trio MMMD a.k.a. Mohammad mit viszeralen Klängen.

Auf komplett konträre Weise – leichtfüßig, in kräftigen Farben und mit feinnervigem Slapstick – nimmt Serge Bozon, der seit Filmen wie »Mods«, »La France« und »Tip Top« für einen eigensinnigen Antinaturalismus steht, Momente des Horror­kinos auf (etwa Jacques Tourneurs Klassiker »I Walked with a Zombie«). Isabelle Huppert spielt in »Madame Hyde« (Frankreich/Belgien 2017) eine frustrierte und schwer überforderte Physiklehrerin an einer so genannten Problemschule – ihre Schüler sind überwiegend Jugendliche maghre­binischer Herkunft. Wie Manana und Albrun erlebt auch Madame Géquil eine Transformation, als der Blitz bei einem Physikexperiment in ihrem Labor einschlägt: die von allen Seiten bemitleidete Frau wird zum schlafwandelnden Starkstromwesen.

Das wirkt sich zum einen vorteilhaft auf ihre pädagogischen Fähigkeiten aus, wenn sie über die Projektarbeit an einem Faraday’schen Käfig plötzlich das Interesse der Schüler zu wecken vermag und sie zum eigenständigen Denken bewegt. Zum anderen legt »Madame Hyde« mit ihrer elektrischen – und zweifellos institutionskritischen – Energie aber auch Sitzbänke, Hunde und einiges mehr in Schutt und Asche. »Madame Hyde« ist eine bizarre Verschränkung von Schuldrama und Komödie, von Motiven des B-Movies und der Milieu­studie; die Erdung in der gesellschaftlichen Gegenwart und das Abheben sind für Bozon keine Widersprüche. Auch wegen dieser Freiheiten kann man »Madame Hyde« eigentlich nur lieben.


4. Woche der Kritik. Kino Hackesche Höfe. 14. bis 22. Februar 2018