Wohnen bei Aldi? Discounter-Wohnungen sind keine Alternative

Wir wollten das andere Leben

Die Pläne der Discounter-Kette für Berlin sind ein Anlass, über linke Wohn­vorstellungen und linke Wohnungspolitik zu sprechen.

Der Plan von Aldi Nord, in Berlin 2 000 neue Wohnungen zu bauen, ist nicht uneigennützig. Der Discounter möchte sein Frischwarensortiment vergrößern, und dazu braucht er neue ­Filialen. Zentral gelegenes Bauland ist allerdings knapp und gilt mittlerweile als an die traditionell eingeschossigen Supermärkte verschwendet – werden die alten aber abgerissen und die neuen auf bereits dem Unternehmen gehörenden Grundstücken errichtet und um Wohnungen ergänzt, wird das Ganze ziemlich günstig. Wie diese Wohnungen von außen aussehen könnten, zeigt sich in Hamburg-Rissen: Dort plant Aldi die Filiale mit weißen Aufbauten samt Flachdach, Rollrasen, kleinen Balkons mit Platz für anderthalb Plastikstühle oder einem Wäscheständer aufzustocken. Vermutlich gibt es die integrierte Kehrwoche oder zumindest ein großes Mittteilungsboard im Eingangsbereich, auf dem, säuberlich laminiert, die Grundzüge der Hausordnung noch einmal in Großbuchstaben aufgeführt sind. Mit anderen Worten: Nicht gerade das, wie man wohnen möchte.

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Denn wenn man es wollte, dann hätte man genauso gut in der Kleinstadt bleiben können, wo solche Wohnhäuser in Randlage, also dort, wo früher sumpfige Wiesen waren, als Auffangstationen für alle, die noch auf ein Eigenheim mit Geranienkästen an den Fenstern und Doppelgarage rechts neben der Haustür sparen, en vogue sind.

Wir wollten das andere Leben, das mit den vielen Möglichkeiten und den Altbauwohnungen, in denen schon vor 100, 150 Jahren Leuten lebten und wo man manchmal auf sieben, acht Tapetenschichten und damit auf Vorstellungen vom schöneren Wohnen aus sieben oder acht Jahrzehnten stieß. Wo man riecht, was der Nachbar gerade kocht, und wo im Hof gefeiert wird. Und wo manchmal, wenn es dabei zu laut wird, jemand ruft: »Ruhe, oder ich hol die Scheißbullen!«

 

Neidisch auf Aldi Süd schauen muss man jedoch nicht, die vom Discounter in Tübingen geplanten möblierten Studierendenwohnungen sehen aus, wie solche Neubauten eben aussehen: Weiß, gerade, viereckig, mit niedrigen Decken und günstig.

 

Ein guter Zeitpunkt, über linke Wohnvorstellungen und linke Wohnungs­politik zu sprechen. Fangen wir mit Letzterer an: Zum Beispiel in Berlin, wo 2004 der rot-rote Senat die im Jahr 1937 aus acht städtischen Wohnungsbaugesellschaften fusionierte GSW ­privatisierte. 65 000 Wohnungen (und einige ihr von der Stadt in den Jahren davor geschenkte Mietshäuser) plus die Schulden der »Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft« in Höhe von laut Senat 1,7 Milliarden Euro damals für 401 Millionen Euro an ein internationales Konsortium verkaufte. Die neuen Eigentümer hatten umfassenden Mieterschutz, keine Luxusmodernisierungen und den Erhalt der GSW-Arbeitsplätze versprochen. Außerdem versprachen sie Investitionen in Höhe von 450 Millionen Euro, aber irgendwie wurde vergessen, das auch in den Kaufvertrag (ausgehandelt von Thilo Sarrazin, damals Finanzsenator) zu schreiben – wie die Taz 2015 berichtete, wurden in den zwei dokumentierten Jahren 2009 und 2010 lediglich 29 Millionen in Modernisierungen gesteckt. Dafür hatte sich das Konsortium 2009 quasi den Kaufpreis wieder zurückerstattet, indem es 447 Millionen ausschüttete. 2010 sollte die GSW an die Börse gehen, was der Senat hätte verhindern können, aber eine Mehrheit aus SPD, FDP und Linkspartei stimmte dafür. Und dann kam es, wie es kommen musste: Im November 2013 wurde die GSW Immobilien AG von der Deutsche Wohnen übernommen. Im Januar schrieb die Mietergemeinschaft »Kotti & Co«, dass die Bewohner der nunmehr Deutsche Wohnen gehörenden mehr als 1 000 Wohnungen am Kotti unter anderem über »wahnwitzige Betriebskosten«, den schlechten Zustand der Häuser und nicht behobene Mängel klagten.

Bleiben die Wohnvorstellungen, in denen für die Realität kaum Raum ist. Wie die, dass es einfach nicht genug zentral gelegene Altbauwohnungen für alle gibt. Und dass es nicht eben logisch war, gegen die teilweise Bebauung des Tempelhofer Feldes zu sein und gleichzeitig zu beklagen, dass die schönen Altbauwohnungen nun an die Besserverdiener vermietet werden, die doch prima in solche neuen Wohnungen ziehen und dort ihr Klein-Stuttgart hätten leben können. Sonderbar, dass selten bedacht wird, dass der Kampf gegen Neubauten und für Bäume oft nur zu schicken Wohnbedingungen für die führen, die einen dann bald vertreiben werden.

Aber wir waren bei Aldi. 30 Prozent Sozialwohnungen für unter zehn Euro Miete pro Quadratmeter plant die Nordabteilung des Discounters in Berlin. Neidisch auf Aldi Süd schauen muss man jedoch nicht, die vom Discounter in Tübingen geplanten möblierten Studierendenwohnungen sehen aus, wie solche Neubauten eben aussehen: Weiß, gerade, viereckig, mit niedrigen Decken und günstig. Aber im Grunde ist es ja egal, wer die Wohnungen baut, in denen man nicht leben möchte, in die zu ziehen man aber vielleicht irgendwann gezwungen ist.