Geldstrafe gegen den SV Babelsberg und der Umgang der Vereine mit rechtsextremen Fankurven

Nichts gesehen

Der Nordostdeutsche Fußball-Verband blamiert sich bereits seit fast einem Jahr im Umgang mit dem SV Babelsberg 03.

Was in Babelsberg gerade passiert, könnte etwas verändern im deutschen Fußball. Denn selten ist so lange und ausdauernd über Nazis in der Kurve und über die Stumpfsinn eines Verbandes gesprochen worden. Es hat weltweite Aufmerksamkeit gegeben, Solidarität, Spenden – sonst ist die Aufregung über das Thema üblicherweise nach ein paar Tagen wieder durch.

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Man kann dem Nordostdeutschen Fußball-Verband (NOFV) deshalb ­eigentlich dankbar sein für seine fast ein Jahr währende und politisch ­unmögliche Posse einer Geldstrafe gegen den SV Babelsberg. Denn diese Posse hat dem Verein die Möglichkeit gegeben, über Rassismus zu sprechen. Im Mittelpunkt steht der Ruf »Nazischweine raus« aus dem Babelsberger Fanblock im Spiel gegen Cottbus im April vergangenen Jahres, wofür der Verein vom Verband eine Geldstrafe in Höhe von 7 000 Euro verurteilt wurde. Hinzu kommt, dass rechtsextreme Gesänge und Hitlergrüße einiger Cottbuser bis heute von keinem Sportgericht wirksam geahndet wurden. Dazu ein Richter, der vom Rassismus im Cottbuser Block nichts gewusst haben will.

Am 28. April 2017 bestritt Babelsberg 03 sein Heimspiel gegen Energie Cottbus. Die Partie war politisch brisant. Babelsberg ist bekannt für seine größtenteils linke Anhängerschaft, Cottbus hat seit Jahrzehnten Probleme mit Rechtsextremisten in der Kurve. Die Ereignisse waren absehbar. Vermummte Cottbuser stürmten den Platz, zwei Mal wurde die Partie unterbrochen, beide Seiten brannten Pyrotechnik ab. Und ein Teil der Cottbuser skandierte, wie sich auf Youtube nachsehen lässt, unter anderem: »Arbeit macht frei, Babelsberg 03« und »Zecken, Zigeuner, Juden«. Auch Hitlergrüße sind auf Video dokumentiert. Aus dem Babelsberg-Block rief jemand: »Nazischweine raus!« So zumindest protokollierte es der Schiedsrichter.

Der juristische Ausgang des Ganzen ist hochbrisant: Babelsberg soll 7 000 Euro Strafe zahlen, angeblich vor allem wegen des Abbrennens von Pyrotechnik. Im ersten Verbandsurteil steht aber als erster Punkt der Begründung der Ruf »Nazischweine raus«.
Cottbus dagegen muss wegen Vergehen in insgesamt drei Partien nur 6 000 Euro zahlen. Die rassistischen Ausfälle werden überhaupt nicht geahndet. »Bis zur Urteilsfindung wurde das Sportgericht von keiner Seite – auch nicht in den Stellungnahmen des SV Babelsberg 03 – auf rechte Parolen, Hitlergrüße etc. hingewiesen, somit waren ihm diese nicht bekannt und kein Bestandteil der erstinstanzlichen Urteile«, hieß es zur Begründung.

Aber offenkundig ist diese Begründung nicht richtig. Der SV Babelsberg hatte in seiner Stellungnahme, wie das Gericht später einräumen musste, sehr wohl darauf hingewiesen. Auch Energie Cottbus sprach nach der Partie von »Personen, die sowohl der losen als auch organisierten rechtsextremen Klientel zuzuordnen sind«. Der Verein benannte sogar explizit diverse beteiligte Fangruppen, unter anderem die berüchtigte rechtsextreme Gruppe »Inferno«. Zudem wurden die Vorkommnisse bereits unmittelbar nach dem Spiel ausführlich in der Presse diskutiert und sind auf mehreren Videos festgehalten – und der Fan, der den Hitlergruß zeigte, wurde im September von einem ordentlichen Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt. Um von all dem nichts mitbekommen, hätte der Richter das Jahr schon als Einsiedler in einer Almhütte ohne Internetanschluss verbringen müssen.

 

Ein Teil der Cottbuser skandierte, wie sich auf Youtube nachsehen lässt, unter anderem »Arbeit macht frei, Babelsberg 03« und »Zecken, Zigeuner, Juden«. Auch Hitlergrüße sind auf Video dokumentiert.

 

Babelsberg beschwerte sich in ­einem offenen Brief beim DFB, der sich einschaltete. Das ist die gute Nachricht. Der NOFV räumte daraufhin ein, dass es die rassistischen Vorkommnisse gegeben habe, und gestand ein, einen Fehler gemacht zu haben. In einem zweiten Verfahren wurde Energie Cottbus wegen eben dieser rassistischen Vorfälle ursprünglich zu einer Geldstrafe von 5 000 Euro verurteilt. Die schlechte Nachricht ist, dass das ­Urteil folgenlos blieb. Cottbus konnte erfolgreich Berufung einlegen, weil die Vorfälle bereits im ersten Verfahren bekannt gewesen seien und der Verein dafür juristisch gesehen nicht ein zweites Mal abgeurteilt werden darf. Eine Farce. Und ein Armutszeugnis für das Sportgericht. Der SV Babelsberg, der die Pyro-Strafe anerkennt, nicht aber die für den »Nazischweine«-Ruf, verweigert indessen bis heute die Zahlung. Und schuf dadurch erst Aufmerksamkeit für den Fall. Der NOFV drohte in ­einer Mischung aus Selbstüberschätzung und Plumpheit mit dem Ligaausschluss der Babelsberger, musste aber schnell einen Rückzieher machen. Der Druck ist zu groß geworden.

Der SV Babelsberg erregte ein Ma­ximum an medialer Aufmerksamkeit. Europaweit solidarisieren sich mittlerweile Fans mit dem Viertligisten, von Spanien bis England, und auch in der Bundesliga. Nach einem Spendenaufruf gewann der Verein knapp 200 neue Mitglieder. Das ist ein gutes Zeichen: Die Unterstützung aus vielen Fanszenen ist da. Immer wieder hörte man in den vergangenen Jahren die These, Nazis würden immer mehr die Macht in den Fankurven übernehmen, und es gab durchaus einzelne Beispiele dafür. Für die ­Gesamtheit der Fanszenen belegt ist es aber nicht, entschieden ist die Machtfrage in den Fankurven auch nicht. Die Reaktion auf das Babelsberg-Urteil zeigt Fanszenen, die in der Lage sind, zu reflektieren und sich zu wehren.

Erst kürzlich hat sich bei Energie Cottbus eine Facebook-Gruppe gegen Nazis gegründet. Im vergangenen Jahr wehrten sich Energie-Fans mit Sprechchören gegen die Rechtsex­tremisten in den eigenen Reihen, und die hinter den Kulissen weiterhin aktive Gruppe »Inferno« stößt in der Fanszene auf Widerstand. In Stadien überall in Deutschland sah man zuletzt Solidaritätstransparente für Babelsberg. Es ist vor allem diese Aufmerksamkeit, die den Nordostdeutschen Fußball-Verband in die Defensive zwingt.

Mittlerweile, nach dem großen öffentlichem Aufschrei, hat der NOFV eine ungelenke Wendung um 180 Grad hingelegt. Der »Nazi­schweine«-Ruf, der erst angeblich nur der Vollständigkeit halber im ­Urteil stand, soll nach neuester Version wegen eines EDV-Fehlers hineingeraten sein und nichts mit der Strafe zu tun haben. Der angedrohte Ligaausschluss ist erstmal ausgesetzt; Anfang März soll es ein klärendes Gespräch mit dem SV Babelsberg geben. Warum der Verband sich überhaupt in diesen seltsamen politischen Streit ritt, bleibt unklar. Viel wurde zuletzt spekuliert über die alten DDR-Kader im Verband, die auf dem rechten Auge blind seien. Da mag etwas dran sein. Fest steht: Energie Cottbus ist ein Topverein einer nicht immer attraktiven Liga, ein Club mit verblichenem Bundesliga-Glanz und ein Zuschauerliebling. Mit einem Schnitt von 5 000 Besuchern zieht er mit Abstand das größte Publikum der Re­gionalliga Nordost. Und wer will es sich schon mit denen verderben?

Dabei könnten vor allem empfindliche Geldstrafen helfen, damit sich eine Fanszene von Hetzern trennt. Denn wer spürt, dass seinem Verein dauerhafter Schaden droht, dürfte eher bereit sein, sich gegen Nazis in den eigenen Reihen aufzulehnen. Oder Sprechchöre zu verweigern. Es ist vor allem die Szene selbst, nicht so sehr die Vereinsführung, die Einfluss aufs Stadionpublikum nehmen kann. Und sonst? Bleibt zu hoffen, dass der SV Babelsberg für den Mut, sich mit ignoranten Funtionären anzulegen, nicht zusätzlich bestraft wird. Derzeit sieht es aber nicht danach aus.