»Is This the End?« Georg Seeßlens These vom Ende des Pop ist richtig

Das ist das Ende!

Georg Seeßlen hat recht. Er urteilt sogar noch milde über den zeitgenössischen Pop.
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Wer sich einmal an die verschlungene »Kritik des Alltagslebens« (1946) des marxistischen Philosophen Henri Lefebvre herangewagt hat, dem wird die Ähnlichkeit zu Georg Seeßlens Theorieband mit dem Titel »Is This the End?« ins Auge fallen. Nicht nur, dass Seeßlen Lefebvre des Öfteren herbeizitiert (obschon nicht ganz so häufig wie Antonio Gramsci) und ihm auch im Sprachduktus ähnelt; nein, wie Lefebvre auch gelingen Seeßlen immer wieder erschütternde kritische Miniaturen und komprimierte Einsichten. Im Fall von »Is This the End?« sind es Einsichten in die Wirkweise des »postmodernen Kapitalismus« (Fredric Jameson) und die Funktion der postmodernen Popkultur, deren Konsequenzen Seeßlen jedoch offenbar lieber nicht ausbuchstabieren möchte. Und auch hier Lefebvre ähnlich, dem die Analyse des Alltags immer wieder die Hoffnung auf die revolutionäre Spontaneität der Arbeiterklasse zu nehmen drohte, folgt bei Seeßlen aus diesen Miniaturen viel zu wenig: Gäbe er der eigenen kritischen Beschreibung der subjektiven wie objektiven Konsequenzen von Beschleunigung und Prekarisierung für die Popkultur nach, würde das unweigerlich dazu führen, dass die Frage des Buchtitels einer Feststellung (»This Is the End«) weichen und auch der Unter­titel anders lauten müsste.

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Denn der suggeriert eine Ambivalenz – »Pop zwischen Befreiung und Unterdrückung« –, die die analytischen Passagen des Buches negieren. Sie skizzieren den zeitgenössischen Pop vielmehr treffend als Apotheose des Hamsterrades, in das der disruptive Kapitalismus, der seit den späten siebziger Jahren alle gesellschaftlichen Einhegungen und Begren­zungen inklusive Gewerkschaften, Normalbiographie und sozialer ­Absicherung souverän zerstörte, die menschliche Existenz verwandelt hat.

Diese Lebensweise beschreibt Seeßlen bündig als »Exzess der inneren Unterdrückung« in einer Gesellschaft, die in ihrer scheinbaren Buntheit und Offenheit das sich selbst unterdrücken müssende Individuum nachgerade verhöhnt. Diese soziale wie psychische Grundkonstellation spiegelt sich in der Ikonographie wie auch in der zwanghaft-gleichförmigen Rhythmik des zeitgenössischen Pop wider, gleich ­übrigens, ob dieser Pop nun scheinprogressiv als Bekenntnis zum entgrenzten Markt und zur inversen Hierarchie der Identitäten, rechtsrebellisch als Ruf nach Wiederaufrichtung vergangener Hierarchien oder schlicht als disziplinärer Appell an Fitness und Lebenstüchtigkeit daherkommt. Viel wichtiger als dessen ­jeweilige textliche Botschaft ist vielmehr die umfassende ästhetische Normung des zeitgenössischen Popprodukts, die nicht mal sogenannte Entspannungsmusik oder auf Folk getrimmte Schnulzen ohne elektronische Dauersequen­zierung auskommen lässt (oder noch jede an sich bewegungsarme Szene eines Films mit sinnlos-hektischen Schnitten und Perspektivwechseln im wahrsten Sinne des Wortes mobilisiert); Pop als Taktung des unsichtbar-digitalen Fließbands verfolgt ­einen überall, ob im Zahnarztsessel, im Bahnhofswartesaal, selbst die Kurznach­richten im Radio verzichten nicht auf den Rhythmus­teppich. Ein befreiendes Element noch darin, also in der umfassenden »Aufladung der Unterdrückung mit Lust« (Seeßlen), erblicken zu wollen, dürfte demnach mehr als nur schwerfallen, oder um es in den ­Worten des Autors zu sagen: »Es ist also nicht nur so, dass eine wachsende Anzahl von prekarisierten Menschen den der Prekarisierung angemessenen Pop benötigt, sondern Pop seinerseits ist ein Motor der Prekarisierung.«

Tatsächlich popkritisch wäre demnach, immer im Auge zu behalten, wie sicht- und hörbar davon auch noch das politisch wie ästhetisch wohlmeinendste Popprodukt versehrt ist. Denn die postmoderne ­Produktionsweise und die entsprechende Subjektkonstitution haben die lineare Ordnung der Zeit, also den möglichen qualitativen Unterschied zwischen gestern, heute und morgen, längst aufgelöst, so sehr, dass das frisch Produzierte immer nur ein neues »Pastiche« (Jameson) aus den seit den späten Siebzigern invariant vorhandenen Ingredienzen darstellt; das jeweilige Produkt bildet also lediglich eine Durchlaufstation eines endlos scheinenden Recyclingprozesses. Auch darauf reflektiert Seeßlen übrigens, wenn er der gängigen Popkritik attestiert, in »einer Achtziger-Jahre-Zeitschleife« gefangen zu sein. Zu der düsteren Konsequenz, dass sie auch gar nicht anders kann, solange sie ständig ­Recyclingausstoß bewerben muss, lässt er sich nicht hinreißen.

 

»Is this the end?« fragt Georg Seeßlen in seinem Abgesang auf den Pop der Gegenwart. Lange machte man einen Unterschied zwischen Kulturindustrie und Pop. Was hatte Frank Zappa mit Dieter Thomas Heck zu schaffen? Pop sollte der dynamische Zwischenraum von Kunst und Alltagsverstand sein, Pop war auf der richtigen Seite. Aber das hat sich nun geändert, behauptet Seeßlen und spürt in allen ­gesellschaftlichen Bereichen nach, wohin sich Pop verflüchtigt hat. Aber stimmt die Diagnose von Seeßlen überhaupt?

 

Georg Seeßlen: Is This the End? Pop zwischen Befreiung und ­Unterdrückung. Edition Tiamat, Berlin 2018, 224 Seiten, 16 Euro