Sama Maani, Autor, im Gespräch über Islamkritik, Kulturalismus und Rassismus

»Falsche Begriffe wie ›Islamophobie‹ reproduzieren den neuen Rassismus«

Sama Maani hält »Islamophobie« und »antimuslimischen Rassismus« für falsche Begriffe, die den neuen Rassismus reproduzieren, indem sie den »Islam» implizit als Eigenschaft von Menschen aus Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehrheit auffassen. Das ist für die heutige Linke ein Problem.
Interview Von

Als politischer Essayist und Schriftsteller publizieren Sie regelmäßig zum Thema Iran. Wie blicken Sie auf die jüngsten Erhebungen?
Neuartig an diesem »Winteraufstand« war die Breite. Es gab Proteste in über 80 größeren und kleineren Ortschaften, deren Namen zum Teil vielen in Teheran unbekannt waren. 2009 beschränkten sich die Demonstrationen vor­wiegend auf die Hauptstadt und andere große Städte. Losgetreten wurden sie dieses Mal von einer ersten Demonstration in Mashad, die vermutlich von konservativen Gegnern der sogenannten Moderaten um Präsident Hassan Rohani angezettelt wurde, dann allerdings aus dem Ruder gelaufen ist.

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Ein zentraler Kritikpunkt der Protestierenden ist die schlechte wirtschaft­liche Lage: Rohani konnte seine wirtschaftlichen Versprechungen nicht einlösen. Die erhofften Verbesserungen nach der Aufhebung der Sanktionen als Folge des Atomabkommens sind bei der Bevölkerung nicht angekommen. Was politische Reformen betrifft, fallen schon die Versprechungen Rohanis weit hinter das zurück, was Präsident Mohammed Khatami um die Jahr­tausendwende gefordert und – punktuell und vorübergehend – auch durchgesetzt hatte. Das heißt, selbst im Rahmen der Islamischen Republik ging schon einmal mehr.

Welche weiteren Unterschiede gibt es zu den Protesten von 2009?
Die Namen der beiden unter Hausarrest stehenden Führungsfiguren von 2009, Mir-Hussein Moussavi und Mehdi Karroubi, wurden bei den Protesten nicht erwähnt. Anders als 2009 gab diesmal es nicht nur keine Allahu-Akbar-Rufe, es waren sogar religionskritische und -feindliche Parolen zu hören. Bemerkenswert war auch die Parole »Unabhängigkeit, Freiheit, iranische Republik«, die es vereinzelt auch 2009 gegeben hatte und die weniger auf nationalistische Motive verweist, als auf die Forderung nach einer säkularen ­Demokratie, also: »Republik Iran« statt »Islamische Republik Iran«.

Verbreitet war auch die Ablehnung des außenpolitischen Expansionismus des Regimes in der Region, mit Parolen wie: »Weder Gaza noch Libanon, ich gebe mein Leben für den Iran«, wobei ich den nationalistischen Opferkult ­natürlich ablehne. Oder auch: »Lasst Syrien in Ruhe, denkt doch an uns« – die wir arbeitslos sind und hungern.

 

»Die meisten heutigen Linken können den neuen Rassismus nicht angemessen kritisieren, weil sie die Grundvoraussetzung des neuen rassistischen Diskurses mit den Hetzern von FPÖ, AfD und Co. teilen.«

 

Welche Rolle spielt das demonstrative Abnehmen der Kopftücher?
Das ist ein zentrales Moment dieser Proteste. Eine Herausforderung, die den Nerv des Regimes trifft. Inner- und außerhalb des Irans gibt es derzeit die Debatte, ob das System, sollte der Kopftuchzwang fallen, überleben würde. Die einen verweisen darauf, dass der Kopftuchzwang erst einige Jahre nach dem Sieg der islamischen Revolution eingeführt wurde. Dass es also schon einmal eine Islamische Republik ohne gesetzlichen Kopftuchzwang gab. Die anderen meinen, das Kopftuch sei mittlerweile so sehr mit der »Identität« der Islamischen Republik Iran verknüpft, dass eine Islamische Republik ohne dieses zentrale Symbol nicht ­vorstellbar sei.

Viele – wenn auch nicht alle – Repräsentanten des Regimes scheinen das ähnlich zu sehen.
Allein, dass es diese Diskussionen gibt, den Gedanken, das Tragen oder Nichttragen eines Stofffetzens könnte über die Existenz eines Systems entscheiden, das sich Jahrzehnte lang mit rücksichtsloser Gewalt an der Macht halten konnte, ist bemerkenswert. Es sollte dazu veranlassen, die Beziehung zwischen der symbolischen und der materiellen Realität neu zu überdenken. Man sollte sich, frei nach Adorno – ­gerade auch als linker Materialist –, mit der Bedeutung der »Realität des Scheins« auseinandersetzen.

Im Iran gibt es eine bemerkenswerte Diskrepanz: Einerseits die starke ­öffentliche Präsenz von Frauen, zum Beispiel an den Universitäten oder im Berufsleben. Andererseits ihre rechtliche und gesellschaftliche Schlechterstellung nicht nur in Verbindung mit dem Kopftuchzwang. Birgt dies nicht ein enormes politisches Konfliktpotential?
Dass die Frauen im Iran diese Diskrepanz buchstäblich am eigenen Leib ­erfahren, trägt sicherlich zu ihrer starken Präsenz bei den Protesten bei. ­Zudem zeigen sich auch sehr viele Männer mit den Frauen in ihrem Kampf gegen die Ungleichheit solidarisch. Frauen und Frauenrechtlerinnen spielten übrigens schon bei der liberalen konstitutionellen Revolution von 1905 bis 1911 eine wichtige Rolle.

Die iranische Frauenbewegung ist allerdings älter. Schon 1848 hat die berühmte Dichterin und Theologin Tahereh öffentlich ihren Schleier abgenommen. Die Aus­einandersetzung der iranischen Gesellschaft mit der Moderne reicht also bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Nicht zu vergessen ist hier, bei aller Kritik an der politischen Repression jener Zeit, die gesellschaftliche ­Modernisierung unter der Pahlevi-Dynastie, die tiefe Spuren in der iranischen Gesellschaft hinterlassen hat – der islamischen Revolution von 1979 zum Trotz.

Welches Licht werfen die »Kopftuchproteste« im Iran auf die Kopftuchdebatten in westlichen Ländern?
Dazu ließe sich viel sagen. Ich möchte hier aber nur einen Aspekt themati­sieren. Das Recht, in der Öffentlichkeit ein religiöses Symbol wie das Kopftuch zu tragen, fällt in die Kategorie Religionsfreiheit. Dass Musliminnen und Muslime in den liberalen Demokratien des Westens weit mehr Religionsfreiheit genießen als in vielen islamisch geprägten Gesellschaften – denken wir etwa an die Unterdrückung der Schiiten in Saudi-Arabien, der Aleviten in der Türkei oder der muslimischen Derwische im Iran –, gründet nicht auf ­einem interreligiösen Friedensschluss zwischen Christen und Muslimen, sondern auf der Emanzipation der Gesellschaft von Religion. Eine Emanzi­pation, die ohne die radikale Religionskritik der Aufklärer des 18. Jahrhunderts undenkbar wäre.

Falsche Begriffe wie »Islamophobie« oder »antimuslimischer Rassismus« reproduzieren nun – zum einen – den neuen Rassismus, indem sie den Islam implizit als unabänderliche, quasigenetische Eigenschaft von Menschen aus Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehrheit auffassen. Anders könnte ja die Furcht vor einer Glaubenslehre (»Islamophobie«) oder ihre ­Ablehnung (»antimuslimisch«) nicht »rassistisch« sein. Zum anderen und darüber hinaus suggerieren diese Begriffe, es gäbe zwischen kritischen, ­ablehnenden oder auch feindseligen Positionen gegenüber einer Glaubenslehre und dem Rassismus irgendeine denkmögliche Verbindung. Dass also auch Religionskritik rassistisch (sprich unmöglich) sein kann. So wird jene Religionskritik sabotiert, die der Religionsfreiheit zugrunde liegt – und paradoxerweise auch die Religionsfreiheit der Muslime hintertrieben, die die Vertreter dieser Begriffe ja schützen wollen.