Zola Jesus: Okovi: Additions

Abgeschüttelte Fesseln

Im vorigen Jahr erschien mit »Okovi« das sechste Album der US-amerikanischen Singer-Songwriterin Nika Roza Danilova alias Zola Jesus. Vier Songs schafften es nicht aufs Album und sind jetzt gemeinsam mit vier Remixen unter dem Titel »Okovi: Additions« erschienen.

Der Frühlingsbeginn hat lange auf sich warten lassen, und auch was ­aktuelle Platten von Pop-Solokünstlerinnen anbelangt, herrschte die vergangenen Monate Dauerfrost. Chelsea Wolfes »Hiss Spun«, Zola Jesus‘ »Okovi«, Anna von Hausswolffs »Dead Magic« und »Plunge« von Fever Ray, teilen bei allen musikalischen Unterschieden eine Ästhetik des Kühlen, Morbiden und Theatralen. Das im September vergangenen Jahres veröffentlichte Album von Nika Roza Danilova, der unter dem Künstlernamen Zola Jesus auftretenden US-Amerikanerin mit osteuropäischem Migrationshintergrund ist ihr bisher düsterstes, auch wenn es von den vorgenannten Veröffentlichungen am hörbarsten mit Mainstreampop kokettiert. »Okovi« verbindet von Industrial und Goth-Rock ­beeinflusste elektronische Musik mit hochemotionalem Gesang und großzügig aufgetragenem Pathos.

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Benannt ist das Album nach dem slowenischen Wort für Fessel. Es ist das Resultat eines doppelten Rückzugs. Im wörtlichen Sinne zog sich die Musikerin für die Aufnahmen zurück in das ländliche Wisconsin ihrer Kindheit. Im musikalischen Sinne markiert »Okovi« den Abschied vom zugänglichen Pop des Vorgängers »Taiga« und sucht hörbar nach neuen Ausdrucksformen und Möglichkeiten, die titelgebenden Fesseln abzustreifen.

In seinen besten Momenten schneidet »Okovi« sich mit präziser Aggression angenehm unangenehm den Weg frei (»Exhumed«) oder aber bleibt – als musikalischer Gegen­entwurf – gespenstisch und kryptisch (»NMO«). Depression, Krankheit und Tod bestimmen die Texte Danilovas, die auf dem Album schmerz­liche Erfahrungen im persönlichen Umfeld verarbeitet. In den dazugehörigen Musikvideos inszeniert sich die Sängerin als geisterhafte Erscheinung und entwirft ein zwischen femme fragile und digitaler Hexe oszillierendes Bild von Weiblichkeit. So erinnert der von Jacqueline Castel inszenierte wackelig-körnige Clip zu »Exhumed« an das gehetzte Grauen von Filmen wie »The Blair Witch Project« oder »The Ring«, die aus der Schauerliteratur des 18. und 19. Jahrhundert bekannte Gruselmotive mit einer Metaebene mittels der technischen Reproduzierbarkeit von Bildern versehen. Über »Siphon«, die zweite Videoauskopplung des Albums, schreibt Zola Jesus, dass die Themen des Songs – die wiederholten Selbstmordversuche eines Familienmitglieds und die Trauer darüber, einen nahestehenden Menschen an die ­Depression zu verlieren – nur eine Art der Bebilderung zulassen.

 

Depression, Krankheit und Tod bestimmen die Texte Danilovas, die auf dem Album schmerzliche Erfahrungen im persönlichen Umfeld verarbeitet.

 

Ausschließlich rau, hässlich und grotesk könne das aussehen. So entwickelt sich die weichgezeichnete Nahaufnahme ihres Gesichts mit zunehmender Entfernung der Kamera zu einem Alptraum biblischen Aus­maßes: Es regnet Blut statt Wasser.
Christliche und mythologische Anspielungen finden sich – beim Künstlernamen Zola Jesus angefangen – allenthalben im Gesamtwerk der Künstlerin. »Okovi« bildet keine Ausnahme und erzählt von Wunden und Narben, Verfall und Wiederauf­erstehung. In der langen Tradition mit religiösen Bildern spielender Poptexte stehend, entwirft Zola Jesus mit jedem Song erneut ihre Vision von Endlichkeit (»Who will find you when all you are is dust?«) und dem Wert des Ankämpfens gegen das Unvermeidbare (»We’d rather clean the blood of a living man/we’d rather lean over, hold your warm, warm hand«). Zu Ende erzählt ist die Geschichte damit nicht: Vier Songs, die es nicht auf das Album schafften, wurden durch vier Remixe ergänzt und Anfang April als »Okovi: Additions« beim neuen alten Label Sacred Bones Records herausgebracht. Nach ihrem Abstecher zum Indie-­Giganten Mute Records ist Zola Jesus beim New Yorker Label, auf dem auch Marissa Nadler, Jenny Hval und Pharmakon veröffentlichen, in sehr guter Gesellschaft.

»Follow on the road back down«, singt Zola Jesus gleich im Opener »Vacant« und lädt zum erneuten Hinabsteigen ins schattige Tal. Der Track steht ganz in der Klangästhetik des Albums aus dem Herbst und kon­trastiert harte Industrialklänge mit ätherischem Gesang. Leider walzen die einsetzenden Drums mit ihrem Actionfilmpathos jeden interessanten Ansatz nieder und so bleibt es auch auf »Okovi: Additions« den skizzenhaft anmutenden Songs »Pilot Light« und »Bitten Wool« vor­behalten, die angestrebte Finsternis musikalisch überzeugend umzu­setzen. »Bitten Wool« ruft überraschend eine ein wenig ins Vergessene geratene Vorgängerin Zola Jesus‘ in Erinnerung: Auch auf den frühen Alben von Tori Amos nämlich lässt sich die Kombination aus hart angeschlagenen Tonfolgen mit einem ­natürlichen Stimmvibrato nachhören, die eine eigenartige Verletzlichkeit signalisiert, ohne ins Weinerliche abzudriften. In ihrer Stimmfestigkeit und dem kathartischen Ausstellen des eigenen emotionalen wie physischen Schmerzes im Rahmen ausschweifender Poprefrains erinnert Zola Jesus stellenweise auch an Lana Del Rey zu Zeiten ihres Albums »­Ultraviolence«. Del Reys melancholisch-verführerischer Dekonstruk­tion des American Dream mithilfe des freimütigen Gebrauchs pop­kultureller Codes von Hollywood bis HipHop entspricht bei Zola Jesus ein ebenso gezielter Einsatz von Anspielungen auf ehemals subkulturelle Strömungen wie Gothic und Black Metal. Kein Wunder, dass einer der vier Remixe auf »Okavi: Additions« von Aaron Weaver, Gründungsmitglied der erfolgreichen Ambient- und Black-Metal-Band Wolves in the Throne Room, stammt. Gemeinsam mit dem Produzenten Randall Dunn vergräbt er Danilovas sonst so präsente Stimme in einer lärmenden Wattelandschaft aus Schlagzeugkaskaden, viel Hall und schichtweise ­gehäuften Ambientflächen.

Einer ähnlichen Methode des Verdichtens folgend geht die New Yorker Produzentin Katie Gately (deren tolles Album »Color« von 2016 an dieser Stelle unbedingt eine erneute Empfehlung verdient) mit dem dramatischen »Siphon« um. Sie bemüht sich gar nicht erst, den Track zu entschlacken oder neu zu strukturieren, sondern türmt repetitive Phrasen zu einem entrückt-euphorischen Mantra von erstaunlicher Zuversicht auf. Johnny Jewel von den einflussreichen Bands Chromatics und Glass Candy wählt bei seinem Remix der düster dräuenden Ballade »Ash to Bone« den konträren Ansatz. Sein Remix macht das Original dank Klickerbeat und angedickten Bässen plötzlich radiotauglich. Vielleicht auch deshalb wurde es zur ersten Singleauskopplung mit dazugehörigem Video ausersehen.

Auch in diesem Clip bleibt Zola Jesus ihrer Bildsprache treu und tanzt im phosphorbemalten Body in einer Art VHS-Alptraumversion von Walt Disneys »Skeleton Dance« durch die menschenleere Stadt. Das alles hat etwas Altmodisches und in seiner Direktheit etwas Tröstliches. Nach der Apokalypse geht es weiter, scheint Zola Jesus sagen zu wollen, und auch auf gefrorenem Boden lässt es sich immer noch gut tanzen.

 

Zola Jesus: Okovi: Additions (Sacred Bones Records)