Wie ehemalige Nazigrößen auf einer Demonstration zu Randfiguren wurden

Worch, Wulff und »SS-Siggi« vor dem Ruhestand

Am Samstag demonstrierten unter der Parole »Europa erwache« etwa 600 Neonazis in Dortmund. Sie durften mitten durch die Innenstadt laufen. Die Kundgebung zeigte aber vor allem, dass die alten Funktionäre der Naziszene ausgedient haben.

Es sind traurige Szenen, die sich hinter dem Dortmunder Hauptbahnhof abspielen. Auf einem Mäuerchen am Straßenrand sitzen drei ältere Männer. Seit den siebziger und achtziger Jahren haben sie sich maßgeblich in der neonazistischen Bewegung in der Bundesrepublik betätigt – und nun braucht sie offensichtlich keiner mehr. Die Rede ist von Siegfried »SS-Siggi« Borchardt, Thomas »Steiner« Wulff und Christian Worch.

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Die drei Männer von Mitte 50 bis Mitte 60 sind verdiente Kameraden. Borchardt hat das Nazimilieu in Dortmund maßgeblich mitaufgebaut, trat 2014 für die Kleinpartei »Die Rechte« zur Kommunalwahl an und errang sogar ein Mandat im Stadtrat. Das musste er allerdings schnell wieder abgeben. Er fungiert mittlerweile nur noch als Maskottchen des Dortmunder Nazinachwuchses. Doch auch Maskottchen können sich nützlich machen: Irgend­jemand hat Borchardt an diesem Samstagnachmittag Vordrucke in die Hand gedrückt, mit denen er Unterschriften sammelt, damit »Die Rechte« bei den Europawahlen antreten kann. »SS-Siggi« genießt immerhin eine Art Kult­status, viele junge Nazis, die sich zur Demonstration unter dem Motto »Europa, erwache!« eingefunden haben, begrüßen ihn und unterschreiben sofort.

Wulffs und Worchs politische Anstrengungen mögen zwar wichtiger für das deutsche Nazimilieu gewesen sein als diejenigen Borchardts. Aber die beiden sind nicht so volkstümliche Kumpeltypen wie »SS-Siggi«. Worch, der den Dortmunder Neonazis nach dem Verbot des »Nationalen Widerstands Dortmund« im Jahr 2012 mit der Gründung von »Die Rechte« eine neue Betätigungsmöglichkeit verschafft hat, wirkt an diesem Tag besonders verloren. Vom Vorsitz seiner Partei ist er im Herbst zurückgetreten, nachdem es Streitigkeiten mit den Kameraden aus Dortmund gegeben hatte. Bei den Vorstandswahlen vor wenigen Wochen übernahmen diese auch offiziell die Parteiführung. Auf der Demonstration, an der etwa 600 Personen teilnehmen, läuft Worch immer wieder mit einem blauen Schnellhefter in der Hand durch die Reihen.

Bezeichnend für seinen Bedeutungsverlust ist wohl eine Szene, die sich vor Beginn des Aufmarschs ­abspielte. Michael Brück, mittlerweile Bundesvorsitzender von »Die Rechte« und Anmelder der Demonstration, sprach mit der Polizei, Worch stand einige Schritte daneben. Nachdem Brück sein Gespräch mit der Polizei beendet hatte, sprach Worch ihn an. Nach wenigen Sätzen ließ der junge Naziführer den alten Mann jedoch ­einfach stehen, der daraufhin griesgrämig und etwas ziellos herumlief. Sein alter Kamerad Thomas Wulff hatte es da noch etwas besser getroffen, zusammen mit einigen belgischen und französischen Nazis durfte er ein Transparent mit der Aufschrift »Refugees not welcome!« tragen. Doch weder Borchardt noch Worch oder Wulff gehörten zu den Rednern der Demonstration, gegen die insgesamt etwa 4 000 Menschen auf den Straßen Dortmunds protestierten.

So zeigte der Dortmunder Aufmarsch vom Wochenende deutlich, dass die ­alten Funktionäre der neonazistischen Bewegung ausgedient haben. In den vergangenen Jahren waren ihre Kontakte und juristischen Kenntnisse noch nützlich. Das ist mittlerweile anders. Die jungen Neonazis haben alles Wissenswerte gelernt. Sie brauchen die ­alten Herren nicht mehr.