Wie Beschäftigte im Pflegesektor ihre Arbeitsbedingungen wahrnehmen

Kaputtgepflegt

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Also musste auch mal der Teller aufgegessen werden, obwohl der Bewohner nicht mehr konnte«, sagt Vogel. Der Body-Mass-Index (BMI) sei das Maß der Dinge gewesen. Im Pflegeheim und ambulanten Dienst sei die Arbeitsbelastung immer größer geworden, weil der Krankenstand so enorm hoch gewesen sei.

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Die personellen Lücken im Pflegesektor lassen sich durch verstärktes Anwerben von Arbeitskräften im europäischen Ausland nicht auf die Schnelle schließen. »Und die kulturellen Brüche sind nicht zu unterschätzen. Viele Kräfte aus armen Ländern verstehen die ­Sorgen deutscher Rentner mitunter überhaupt nicht«, sagt Goldbach.

Die Ansprüche an die Betreuung und Pflege stiegen in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich, wie Lars Pepic berichtet, der zusammen mit seinem Mann einen ambulanten Pflegedienst in Berlin gegründet hat. »Vor 20 Jahren lagen die Bewohner alle zur gleichen Zeit im Bett. Und die in den zwanziger und dreißiger Jahren sozialisierten alten Menschen waren eventuell noch durch das gemeinsame Singen von Volksliedern zu begeistern. Heute sind die Menschen viel individueller und ­anspruchsvoller.« Pepic arbeitete lange in Heimen, war damit aber unglücklich. Erst durch die Spezialisierung auf betreute WGs stellte sich bei ihm wieder Zufriedenheit mit der Arbeit ein. »In den WGs leben sieben Bewohner, so dass wir permanent präsent sein ­können. Einzeln zu Menschen zu fahren, ist zermürbend und nicht erfüllend, da man den Klienten überhaupt nicht gerecht wird. So verbringen wir viel Zeit mit den Bewohnern, kochen frisch und erleben den Job als erfüllend«, erzählt Pepic. Das Sozialamt würdige das Engagement jedoch wenig. »Das Sozialamt übernimmt für meine Klienten nur drei gekochte Mahlzeiten in der Woche. Mit der Begründung: Es wird ja auch für andere gekocht und im Schnitt passt es dann«, so Pepic. Er kocht dennoch jeden Tag frisch – und beutet sich so selbst aus. »Eine Zeit lang kann man diese vielen freiwilligen Leistungen abdecken, aber irgendwann wird es unrentabel.«

Pepic macht sich vor allem Sorgen, weil er kein geeignetes Personal mehr findet. Unter seinen zehn Angestellten seien auch Menschen, die die Arbeit sehr lustlos ausführten. »Man muss sich mal vorstellen, dass es in Serbien nur ausgebildete Pfleger gibt. Pflegehelfer oder Betreuungsassistenten wie in Deutschland gibt es dort nicht, obwohl Serbien bedeutend ärmer als Deutschland ist. Hier reicht ein Basiskurs über 120 Stunden, um in dem Bereich der Pflege zu arbeiten. Das finde ich skandalös«, sagt der 41jährige.

Er schätzt den Bedarf in den kommenden Jahren auf etwa 120 000 zu besetzende Stellen. »Da muss man gute Leute finden und nicht nur versuchen, besonders schwache Schüler, Menschen ohne Schulabschluss oder wenig talentierte Leute in Crashkursen zu qualifizieren«, so Pepic.

Entsprechende Mitarbeiter zu finden, dürfte bei Bezügen, die 600 bis 1 000 Euro unter dem Gehalt eines Krankenpflegers liegen und zum ­Leben eigentlich nicht mehr reichen, einen riesige Herausforderung sein. Vielleicht würde ein Blick nach Skandinavien oder in die Niederlande helfen. Dort liegen die Löhne in diesem Bereich bis zu 1 000 Euro über denen in Deutschland.