Alexander Schimmelbuschs Roman »Hochdeutschland«

Her mit der Obergrenze!

Alexander Schimmelbuschs Roman »Hochdeutschland« sagt der Wirklichkeit des Kapitals den Kampf an.

»Wo waren die roten Fahnen, wo ­waren die Mistgabeln? Warum ölte niemand eine Guillotine?« Für ­Victor, Teilhaber einer Frankfurter Investmentbank, ist die Unverschämtheit erstaunlich, mit der er und ­seine Kollegen seit Jahrzehnten jeder Idee gesellschaftlicher Solidarität ­zuwiderhandeln dürfen, während die allermeisten deutschen Kommunen zur »Schmerzensgeld-Shoppingmall« geworden sind.

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»Hochdeutschland« heißt der vielbeachtete Roman von Alexander Schimmelbusch. 1975 in Frankfurt am Main geborenen, in New York ­aufgewachsenen, studierte Schimmelbusch an der Georgetown University in Washington; D. C., und arbeitete dann fünf Jahre lang als Investmentbanker in London. Der Autor kennt sich also aus: Politisch ernstgenommen wird sein Roman jedoch kaum und selten einmal klar gesagt, worum es eigentlich geht. »Hochdeutschland« ist ein literarisch bedingungsloses und ökonomisch kluges Buch über das Verhältnis von Staat und Kapital. Es ist die poetische Anatomie einer modernen Gesellschaft und trotzdem zugleich das Experiment der Überwindung jener Totenstarre der politischen Einbildungskraft, die als Signum der Gegenwart gelten kann. Jean-Paul Sartre hat einmal ­behauptet, Literatur appelliere an die Freiheit des Lesers. Schimmelsbuschs schamlos politischer Roman ist ein ideales Beispiel dafür.

Die gegenseitige Abhängigkeit ökonomischer und politischer Entscheidungsträger wird im ersten Teil des Romans allegorisch ins Bild gesetzt, nämlich anhand von Victors Versuch, den deutschen Finanzminister zur Verstaatlichung eines Pumpspeicher­kraftwerks zu überreden. Dessen Verkauf an eine texanische Kapitalgesellschaft hatte seine eigene Bank einst beratend in die Wege geleitet. Die Bank profitiert in doppelter ­Hinsicht: an der Privatisierung wie an der Verstaatlichung. Victor aber hat sich jüngst politisiert und träumt von einem Angriff auf seine eigene Klasse. Mit Spott blickt er auf die Gemeinplätze des Liberalismus und durchschaut die illusorische Rhetorik des Wettbewerbs: Dass Victors ­gesellschaftliche Position und sein ökonomisches Eigeninteresse mit ­einer fundierten Kritik des Bestehenden einhergehen, konterkariert alle proletarisierenden Standpunkt-Theoreme und affirmiert den widerspruchsvollen Patchwork-Charakter postmoderner Subjekte. Zwar mag der elitäre Snobismus dieser Figur zunächst abstoßend wirken.

Einer Bankerserie wie »Bad Banks« ist »Hochdeutschland« jedoch insofern überlegen, als Schimmelbusch nicht in die Falle tappt, die Objektivität der Verhältnisse zu betonieren, wobei nur ihre unendliche Komplexität mystifiziert wird. Was Victor prognostiziert, ist nämlich, dass »das ewige Pendel von der Vermögenskonzentration wieder in Richtung der Kollek­tivierung sausen würde«. Dies wird – so die These dieses eindrucksvollen Thesenromans – auf jeden Fall ­geschehen, nur eben auf die eine oder auf andere Weise.

Eine mögliche Variante wird in der zweiten Hälfte des Romans vor­gestellt, in der die kritische bis zynische Geisteshaltung Victors in ein politisches Manifest mündet. Es entsteht in Form eines betrunken-­depressiven »Pitches«, entsprechend kommt es wie ein Werbetext daher, dem es aber nicht an sprachlicher Raffinesse fehlt und der eine beispiellose polemische Schärfe besitzt. In geradezu obszöner Weise wird die ohnehin knappe Romanhandlung nun jedenfalls unterbrochen und durch reine Programmatik ersetzt. Das Manifest, dessen Autor sich von einem »unternehmerischen Staat« erhofft, dem »Geldadel« an den Kragen zu gehen, nimmt rechte Regressionswünsche auf, grenzt sich von den »lachhaften Playmobil-Nazis aus den Reihen unserer Rechtspopulisten« aber explizit ab. Selbstverständlich zielt es nicht auf die Überwindung des Kapitalverhältnisses, sondern lediglich auf Umverteilung und Planphantasien. Die Programmatik ist ­erfrischend angstlos, etwa wenn es darum geht, eine Obergrenze für ­Privatvermögen einzuführen. Viktor ist eine Sieger- und Potenzphantasie, wie schon der Name andeutet, aber er ist auch ein Träumer, Nostalgiker, Porscheliebhaber und radikaler Hedonist. Gerade darin ist der Roman ­ehrlich, da er einen Houellebecq’schen Menschen zeigt, dem es schwerfällt, noch von irgendetwas wirklich überzeugt zu sein. Nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern der reinen Logik folgend  setzt Victor auf eine Zukunft ohne Massenarmut und Homophobie. Über dem Verfassen des Manifests gleitet er schließlich in seine eigenen Romanexperimente ab, während sein Politikerfreund Ali ­Osman bei den Grünen austritt und Viktors eilig hingeworfenes Programm verwirklichen will. Dass das utopische Projekt mit dialektischer Zwangsläufigkeit in das Gegenteil von Befreiung umschlagen muss, solange das Nationale (»Deutschland AG«) den institutionellen Rahmen des politischen Experiments darstellt, daran lässt ein kurzer, spekulativer Ausblick keinen Zweifel. Dabei gehört es zur Pointe, dass dieser Nationalismus ­gewissermaßen versehentlich zustande kommt, denn eigentlich verabscheut Victor Deutschland.

Schimmelsbuschs Roman versucht, wie es in Victors Manifest heißt, »die Friedhofsruhe des Spätkapitalismus zu stören«. Mit einem imperial-dystopischen Schlusskapitel wird die politische Unentschiedenheit des Romans jedoch zu guter Letzt zum Schreckensszenario vereindeutigt, wozu auch der aufgesetzte Titel seinen Teil beiträgt. Der Roman kehrt sich damit gegen sich selbst und bleibt so für jene attraktiv, die am Status quo festhalten wollen. Dagegen aber sollte die Radikalität von Alexander Schimmelbuschs »Hochdeutschland« hervorgehoben werden, die in dem Versuch zu suchen wäre, das politisch Wirkliche nicht mit dem Möglichen zu verwechseln.

 

Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland. Tropen, Stuttgart 2018, 214 Seiten, 20 Euro