Der letzte linke Kleingärtner entdeckt Gerechtigkeitslücken

Gerechtigkeits­lücken im Garten

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 39.
Kolumne Von

Der Kleingärtner taumelt von einem Gerechtigkeitsdebakel zum nächsten. Es geht mit der Tragödie des Regens los: zu viel. Zumindest in meinem Garten. Während es in östlichen und nördlichen Regionen Deutschlands knüppeltrocken ist – das sagt man so, wenn man es dramatisch formulieren will –, habe ich Wasser im Überfluss. Gepaart mit Wärme führt das dazu, dass manche Tiere und Pflanzen, die ich ökologisch unkorrekt als Schädlinge bezeichne, sich im Überfluss vermehren. Schnecken zum Beispiel und Unkraut. »Unkraut« gebe es gar nicht, meinen die Ökos. Gibt es doch, sagt der linke Kleingärtner. Und hier darf ich das ja wohl schreiben. Hier lesen keine Ökos – und wenn doch, dann nur wenige. Das kann man aushalten – obwohl die Kolumne ja dazu beitragen soll, dass hier mehr Ökos lesen.

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Solange dies aber noch nicht der Fall ist, rede ich weiter von Unkraut. Es wächst wie doof, ebenso vermehren sich die Nacktschnecken, die bevorzugt zarte, gerade keimende Salatblätter und Bohnenpflanzen vertilgen. Die Population dieser Spezies ist zwar durch die Mitarbeit meiner vier Hühner deutlich kleiner geworden. Aber bei zwei Wochen Wasser und Wärme im Überfluss lassen die Schnecken sich nicht dreimal bitten und vermehren sich wie verrückt. Also muss unsereiner ran, und zwar manuell. Ich kann schlecht meine Hühner in die Beete schicken. Die würden zwar die Schnecken ratzfatz erledigen, den Rest als Kollateralschaden ihres Scharrens und Herumlaufens aber auch. Nun denn, ein Messer gehört zur Grundausstattung eines jeden Kleingärtners. Manchmal sammle ich die Schnecken auch ein und werfe sie meinen Hühnern hin. ­Sozusagen ein Feierabend- oder Nachtzuschlag, auf den sie sich gierig stürzen.

Die Schnecken und das Unkraut erinnern mich an den häuslichen Abwasch. Du bist nie fertig. Selbst wenn du abends die Küche auf blitzblank getrimmt hast, wird dir die Genugtuung am nächsten Morgen wieder genommen. Alles wieder auf Anfang. Die Kinder, die Frau und was weiß ich wer noch alles, sie verursachen rund um die Uhr schmutziges Geschirr und missachten deine aufopferungsvollen Bemühungen. Das Leben meint es nicht gut mit uns Kleingärtnern. Aber wir geben nicht auf.

So langsam kommt die Sommerpause näher, was freilich ein absolutes Unwort für Kleingärtner ist. Anderer Leute Ferienzeit ist ­unsere Haupterntezeit – wenn das keine Ungerechtigkeit ist! Wir säen und rackern schließlich nicht, um mit Fotos von unseren Gärten in den blitzblanken Zeitungen der Bausparkassen und Lifestyle-Magazine zu landen mit ihren immer gleichen Berichten über das schöne ländliche Leben. Wenn ich mal, was selten genug vorkommt, meinen Garten verlasse, treffe ich um diese Jahreszeit garantiert auf jemanden aus der Gruppe der Anteilnehmenden. Diese Leute, meist gebildet und ökologisch interessiert, tun so, als wollten sie wissen, was ich denn alles so säe und anbaue.

Nein, das wollen sie nicht wissen, jedenfalls hören sie mir nie zu, wenn ich es erzähle und dabei selbst staune, dass ich alles in allem über 20 verschiedene Gemüsesorten anbaue sowie ein paar Beeren und Kartoffeln. Nein, das interessiert sie nicht. Sie wollen eigentlich nur ihr Expertenwissen loswerden. Mit Fragen wie »Hast du auch dieses und jenes angebaut?« lassen sie mich teilhaben an ihrem urlaubsinspirierten Halbwissen über Pflanzen fernab meiner gärtnerischen Welt. Sie, die in der Haupterntezeit abhauen, unsereinen allein an der Ernährungsfront lassen, schleimen sich vorher und nachher gerne ein mit Fragen, die kein Schwein interessieren. In der Ferne finden sie alles toll und schwärmen vom ursprünglichen Leben auf dem Land. Ich hoffe sehr, dass die Landbewohner sie ordentlich ausnehmen und ihnen irgendwelche Originalgerichte vierfach überteuert unterjubeln. Romantik in der Ferne gibt es nicht zum Nulltarif.

Und kaum zurück aus ihrem Urlaub labern sie einem die Hucke voll übers Säen: Sie hätten da noch eine Idee und noch eine. Wenn du dich auf diese Klugscheißer einlässt, ziehst du immer den Kürzeren, weil sie sich gar nicht für die reale Gartenarbeit interessieren oder gar für meine Wesensverwandten, die Bauern, sondern nur für die schöne idyllische Optik. Ja, ja, wenn die ökologisch interessierten Nachhaltigkeitsfuzzis wieder aus dem Urlaub zurück sind, steigen sie in ihre SUVs, fahren zu »ihrem« Hofladen des Vertrauens oder gleich zu einem Hof, der »solidarische Landwirtschaft« betreibt. Dieses Modell ist eigentlich eine vernünftige Sache, da Bauern dank der Vorfinanzierung alle produzierten Produkte loswerden und einen guten Schnitt machen. Doch hinter vorgehaltener Hand wünscht sich mancher Bauer oder manches Bauernkollektiv, das diese Art der Landwirtschaft oder einen Hofladen betreibt, einfach mehr normale Kunden, die in ihren Haupt- und Nebensätzen ohne »ökologisch« und »nachhaltig« auskommen. Das kann ich nachfühlen.