Hannes Bajohr, Literaturwissenschaftler, im Gespräch über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Literatur

»Ins Digitale verstrickt«

Der Literaturwissenschaftler Hannes Bajohr beschäftigt sich damit, wie sich Text, Rezeption und Autorenschaft im Zeitalter der Digitalisierung verändern.
Interview Von

Größere öffentliche Aufmerksamkeit erhielt die Lyrik zuletzt durch die Debatte um Eugen Gomringers Gedicht »avenidas«. Das Gedicht wurde inzwischen wegen seines angeblich sexistischen Inhalts von der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin entfernt. Zu Recht?
Das war eine unangenehm wirre Debatte, in der literarische, politische und institutionelle Ebenen völlig durcheinandergingen und alle Nuancen abhanden kamen. Die Einteilung in Freund und Feind, mit der sehr schnell agiert wurde, finde ich ebenso albern wie den Zwang, sofort eine Totalitarismusdrohung und das Ende der Kunstfreiheit bemühen zu müssen. Ich halte den Vorgang an der Hochschule einerseits für ein Beispiel gelungener innerinstitutioneller Demokratie und Selbstbestimmung und meine trotzdem, dass Eugen Gomringer ein sehr bemerkenswertes Werk geschaffen hat, das durch einen Text nicht entwertet wird, was mich wiederum nicht davon abhält, »avenidas« für zumindest diskussionswürdig zu halten. Literatur ist ja nicht zeitlos; dass man also ein Gedicht nach mehr als einem halben Jahrhundert anders liest und versteht – und damit noch nicht falsch versteht –, sollte eigentlich selbstverständlich sein.

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Sie haben Gomringers Gedicht »schweigen« in Ihren Gedichtband »Halbzeug« aufgenommen. Statt »schweigen« steht dort nun aber »goo.gl/J2nMnb«. Unter diesem Link kann man sich anhören, wie das titelgebende Schweigen klingt – samt der Leerstelle, die im Zentrum des Gedichts steht. Wie entsteht ein solches Klang­experiment?
Die Umwandlung in den Link ist das Endergebnis einer ganzen Reihe von Transformationen, die dafür stehen, wie man mit Text im Digitalen umgehen und was man unter »digitaler Literatur« verstehen kann. Für mein »schweigen« habe ich Gomringers »schweigen« einmal als Bild- und einmal als Textdatei abgespeichert. Beide Dateien habe ich anschließend im kostenlosen Audioeditor Audacity als raw data geöffnet – das Programm versucht, diese Daten auf Teufel komm raus als Klanginformationen zu lesen – und die Textdatei auf die linke, die Bilddatei auf die rechte Spur gelegt. Anschließend habe ich die »Konstellation« Gomringers – also das Schriftbild des Gedichts – mit dem genannten Kurz-Link zu der so entstandenen Sounddatei nachgebaut. Wenn Sie nun »goo.gl/J2nMnb« in Ihren Browser eingeben, können Sie »schweigen« hören.

Das Digitale bezeichnen Sie in Ihrem Buch als das »große Versprechen«, dass alles Text sei. »­Alles ist Text« – ist das nicht bloß eine hohle Phrase?
Wie das Gomringer-Beispiel zeigt: eben nicht. Denn die Transformationen von Text und Bild zu Ton ist nur möglich, weil im Digitalen ganz wortwörtlich alles Text, nämlich diskrete, alphanumerisch codierte Information ist. Das ist gerade nicht als hochgestochene Metapher, sondern als ganz konkrete, technische Wirklichkeitsbeschreibung gemeint: Jedes Bild, jedes Video, jedes Musikstück, das Sie im Internet laden, ist eine textlich manipulierbare Da­tenstruktur. Heute ist überall von den sinistren Algorithmen die Rede. Man vergisst aber, dass Algorithmen nichts als Regeln sind, die leerlaufen, wenn sie keinen Inhalt haben, auf den sie angewandt werden. In der Informatik hat Niklaus Wirth vor 40 Jahren die Gleichung aufgestellt: »Algorithmen + Datenstrukturen = Programme«. Die Datenstruktur einer Bilddatei etwa – ihr »Urtext« – wird nur dann tatsächlich auch als Bild angezeigt, wenn sie von einem Algorithmus – einer Ausleseregel – als Bild interpretiert wird; ist der Algorithmus stattdessen darauf getrimmt, Töne zu finden, kommt etwa der Krach heraus, der sich nun hinter »schweigen« versteckt. Dass alles Text ist, heißt also, dass man Bilder und Texte hören kann, weil Daten von ihren Interpretationsregeln getrennt sind. Das ist einerseits banal – wie gesagt: keine hochgestochene Metapher –, andererseits unsere digitale Wirklichkeit, die aber literarisch so gut wie nicht reflektiert wird. Und gerade die Literatur sollte diese Alltextlichkeit doch interessieren.

Vor vier Jahren diskutierte das deutsche Feuilleton ausführlich darüber, ob die Gegenwartsliteratur bieder und weltfremd sei. Die meisten jüngeren Schriftsteller, so der damals zuerst von dem Autor Florian Kessler erhobene Vorwurf, kämen aus besseren Hause und würden deshalb partout nichts schreiben, was ihr gutsituiertes Milieu irritieren könnte. Gibt es einen Mangel an Realismus in der Gegenwartsliteratur?
Was Florian Kessler, glaube ich, damals meinte, ist das Phänomen, dass die sozioökonomische Einheitlichkeit der Erfahrungswelt von Autoren nur diese Erfahrungswelt abbildet und eben nicht die anderer Schichten – dass es also eine Klassenliteratur ohne Klassenbewusstsein gibt oder eben nur insofern, als man es sich nicht mit den anderen des eigenen Milieus verscherzen will. Das ist sicherlich richtig, wobei ungleich ­verteilte Repräsentation natürlich ebenso wenig ein spezifisch literarisches Phänomen ist wie die Reproduktion von Schichten. Aber genauso müsste man die Frage stellen, ob Realismus nur in der Form des Gegenwartsromans zu haben ist – in dem einigermaßen plausible Figuren in einer einigermaßen wiedererkennbaren Umgebung einigermaßen wahrscheinliche Dinge tun –, und ob Milieuschilderungen die einzige Art von Realität erschließen, auf die es ankommt. Wenn es um Digitalisierungserscheinungen geht, wird damit ja Weltwahrnehmung quer durch alle Milieus berührt.

 

Sie behaupten, die digitale Literatur stehe »fester im Jetzt als all die monierten Schreibschulabsolventen und gelobten Echte-Welt-Romanciers«. Worin liegt der Realismus einer Literatur, die mit ­Algorithmen arbeitet?
Kessler schrieb damals von den wenigen Nichtmittelschichtskindern seines Gymnasiums: »In den gelingendsten Fällen wurden sie App-Entwickler«, nicht Schriftsteller. Wenn ich am gleichen Realismusbegriff festhalte, der den Gegenwartsroman bis auf wenige Ausnahmen bestimmt, müsste ich Kessler folgend eigentlich einen App-Entwickler-Roman schreiben. Das gibt es ja schon – mein Lieblingsbeispiel ist da immer Jonathan Franzens »Unschuld«, wo eine Snowden-artige Figur auftaucht –, aber er berührt nur den Inhalt von ­Literatur und den nur minimal: Jetzt verwenden plausible Figuren außerdem noch erkennbare moderne Digitaltechnik. Aber statt solche Technik nur zu beschreiben, würde ein digitaler Realismus auch noch die veränderte Wirklichkeitserfahrung selbst darstellen.

Für Ihr Buch »Glaube Liebe Hoffnung« haben Sie über drei Monate 282 596 Facebook-Kommentare der Pegida-Seite und ihrer Ableger gesammelt. Alle Kommentare, die mit »ich glaube«, »ich liebe« und »ich hoffe« beginnen, haben Sie alphabetisch sortiert publiziert. Warum sollte man das Buch lesen?
Das Projekt entstand mit Gregor Weichbrodt, mit dem ich zusammen das Textkollektiv 0x0a betreibe. ­Pegida organisierte zu dieser Zeit, das war Ende 2014, ihre Demonstrationen allein über Facebook-Seiten. Auf ihnen wurde auch kräftig kommentiert und da war für uns zum ersten Mal geballt diese Form von selbst­verstärkender Hate Speech sichtbar, die man vorher nur isoliert gesehen und nicht mit echter politischer Wirkmacht verbunden hatte. Seit Trump hat man sich ja fast daran gewöhnt, aber man vergisst leicht, wie jung diese allein über soziale Netzwerke vermittelte Entwicklung ist. Jedenfalls haben wir gesehen, dass die Organisatoren die Einträge nach wenigen Tagen immer löschten und damit auch alles Kommentierte. Zunächst aus Dokumentationszwecken schrieb Gregor ein Skript, das die Kommentare zweimal am Tag in einer immer weiter anwachsenden Datei speicherte. Am Ende waren das dann etwa 80 MB reiner Text. Dieser Korpus war so groß, dass er schon zur empirischen Analyse taugt, und in der Tat gibt es inzwischen einige soziolinguistische Studien zu Pegida, die auf Gregors Korpus beruhen. Der Nutzen hier ist offensichtlich. Aber wissenschaftliche Analyse ist nur eine Möglichkeit, sich solchen Textmengen zu nähern. Man kann »Glaube Liebe Hoffnung« als literarische Aufbereitung eines Forschungsergebnisses verstehen, das darin bestand, die Verteidiger des christlichen Abendlandes mit den christlichen Tugenden zu konfron­tieren. Auch das ist eine Form von Realismus, der digital ermöglicht worden ist und eine digitale Wirklichkeit darstellt.

Der ebenfalls mit digitalen Verfahrensweisen arbeitende Dichter Jörg Piringer sagt über die Lyrik der Zukunft: »die poetinnen der kommenden jahre werden nicht zusehen und konzernen die hoheit über die sprachalgorithmen überlassen. sie werden für rechenmaschinen schreiben. sie werden die computer umprogrammieren. die spracherkennungssysteme der mobiltelefone hacken. datenpoesie erstellen.« Wäre es nicht subversiver, den Rechner auszuschalten und wieder zum Bleistift zu greifen?
Das erinnert mich an Hans Magnus Enzensberger, der vor ein paar Jahren unter dem Titel »Regeln für die digitale Welt« dazu aufrief, statt E-Mails nur noch Postkarten zu schreiben. Soll er. Aber dann muss er auch wissen, dass das Digitale nicht bei der Postkarte endet, oder beim Bleistift, um mal bei Ihrem Literaturbeispiel zu bleiben. Sie dürften kein Manuskript mehr in Textdokumenten speichern, es nicht per E-Mail an den Verlag schicken, den Satz nicht mehr per Desktop Publishing gestalten und per Digitaldruck herstellen, die Datenbank des Verzeichnisses liefer­barer Bücher nicht mehr bewirtschaften und müssten das Postsystem umgehen, das wie alle kom­plexeren Wirtschafssysteme digital organisiert ist. Natürlich gibt es eine Bewegung, die so denkt, die etwa wieder auf Siebdruck setzt und Bücher ohne ISBN produziert. Mir erscheint das aber im besten Fall etwas romantisch und weltfremd und im schlimmsten reaktionär. Das heißt natürlich nicht, dass man Digitalisierung in allen ihren Facetten enthu­siastisch begrüßen soll, ganz im Gegenteil – aber aus Unwissen ist noch nie substantielle Kritik erwachsen. Das meint Piringer und darin stimme ich ihm zu: Digitale Literatur ist Literatur, die im Idealfall digitale Prozesse offenlegen kann, aber doch nur, wenn die Schreibenden wissen, wie sie funktionieren. Enzensberger wusste jedenfalls nicht, dass er auch jenseits des E-Mail-Schreibens unweigerlich ins Digitale verstrickt ist. Die Digitalisierung ist nicht weg, wenn man sie ignoriert, und Gegenwartsliteratur sollte sich mit ihr ­befassen.

 

Hannes Bajohr, 1984 in Berlin geboren, ist Übersetzer und Herausgeber von den Werken der US-amerikanischen ­Politologin Judith N. Shklars. Er wohnt in New York und Berlin und gehört zum ­literarischen Experimentalkollektiv oxoa.

Hannes Bajohr: Halbzeug – Textverar­beitung. Suhrkamp, Berlin 2018, 104 Seiten, 16 Euro