Der georgische Schriftsteller Aka Morchiladzes im Gespräch über sein Buch »Reise nach Karabach«

»Ein überwältigendes Gefühl der Freiheit«

Endlich auf Deutsch erschienen: Aka Morchiladzes 1992 veröffentlichter Roman »Reise nach Karabach« gilt in Georgien als das Kultbuch der postsowjetischen Generation. Für den damals jungen Autor war es der Beginn seiner Karriere als Schriftsteller. Ein Gespräch über politische und persönliche Unabhängigkeit.
Interview Von

Die Regierung ist zerbrochen, der Präsident außer Landes geflohen. Paramilitärs patrouillieren durch Tiflis. Gio lässt sich von seinem Freund Goglik dazu überreden, im Lada nach Aserbaidschan zu fahren, um Drogen zu kaufen und nach Georgien zu schmuggeln. Unterwegs verirren sich die Freunde und landen in Karabach. Dort eskaliert der erste große post­sowjetische Konflikt des Kaukasus: Milizionäre der armenischen Minderheit in Aserbaidschan erkämpfen sich in einem blutig geführten Krieg mit Massakern an der Zivilbevölkerung ein unabhängiges Territorium, Berg-Karabach. Die beiden Kleinganoven werden von aserbaidschanischen Truppen gefangen genommen. Gio wird schließlich von armenischen Kämpfern befreit oder entführt, so klar ist ihm das nicht. Er bringt seine Tage in einem armenischen Dorf damit zu, mit alten Milizionären Billard zu spielen, freundet sich mit einem malenden Säufer an und lässt sich recht widerwillig von einer russischen Fotojournalistin verführen, ehe er den Plan entwickelt, nach Hause zurückzukehren.
Für den 1966 geborenen Aka Morchiladze war der Roman »Reise nach Karabach« der Beginn seiner Schrifstellerkarriere; fünf Mal erhielt er den wichtigsten Literaturpreis ­Georgiens. Seine Romane, die stets die Geschichte des Landes reflektieren, stehen regelmäßig an der Spitze der Bestsellerlisten. So ist es beinahe eine Selbstverständlichkeit, dass Morchiladze im Herbst beim Auftritt Georgiens als Gastland der Frankfurter Buchmesse gemeinsam mit Nino Haratischwili die Eröffnungsrede halten wird.

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Mit welchen Intentionen haben Sie »Reise nach Karabach« geschrieben, und welchen Einfluss hatte das Buch auf Ihre Genera­tion?
Das ist jetzt 27 Jahre her; ich war damals jung, nicht sehr erfahren, nicht clever genug, um zu verstehen, was vor sich geht. Ich wollte eine Geschichte schreiben, die möglichst nah am Leben war und an den Erfahrungen, die ich bis dahin gemacht hatte. Darum sollte alles realistisch klingen, darum schrieb ich im Slang meiner Generation, darum auch die Radikalität. Ich hatte damals das Gefühl, mir eine neue Welt erschließen zu können. Die Sowjetunion war gerade kollabiert. Wenn ich heute über Gio nachdenke, kommt es mir so vor, als wisse er nichts von dieser Welt, all sein ­Wissen funktioniert nur in Bezug auf seine sowjetische Heimatstadt, die völlig von der Moderne abgekoppelt war. Er weiß nichts von seinen Nachbarn; außer den Klischees, die zu Sowjetzeiten umgingen, und dummen Witzen kennt er nichts. Und er weiß nichts über den dama­ligen Krieg, natürlich nicht. Er hat eine innere Aufrichtigkeit und Mut; aber fehlendes Vertrauen und Aggression sind die Hauptfaktoren in den Beziehungen, in denen er sich bewegt. So erklärt sich der radikale, misstrauische Tonfall.

»Für junge Menschen war der Roman vor allem eine Abenteuergeschichte, die sie verstanden, weil sie von den vielen alltäglichen Mikrodramen handelt, die sie als Bewohner dieser Stadt nur zu gut kannten.«

Georgien stand in den frühen Neunzigern immer kurz vor einem Bürgerkrieg – im Buch repräsentiert durch die Mchedrioni, die paramilitärischen Georgischen Reiter. Wie hat die georgische Jugend den Krieg in Karabach wahrgenommen – als Metapher, als Blick in die Zukunft, oder war es einfach ein Konflikt in irgendeinem anderen Land?
Ich glaube, niemand hat das Geschehen damals als etwas wahrgenommen, das künstlerisch reflektiert werden sollte. Karabach war der erste große Konflikt, der in der Region ausgefochten wurde, aber andere folgten, und Georgien selbst hatte seine schmerzhaften Kriege. Darum: Nein, es gab in Tiflis keine besondere Beachtung für den Krieg. Ich habe diesen Konflikt nicht aufgrund seiner Bedeutung für Georgien behandelt, sondern wegen einer Geschichte, die ich zufällig aufgeschnappt hatte. Es ging darum, dass ein Junkie-Paar aus Tiflis in Aserbaidschan festgenommen wurde und dass die Polizeistation, in die man die beiden gebracht hatte, bombadiert wurde. Die Geschichte wurde ­damals als Witz erzählt, als ein weiteres Abenteuer völlig apolitischer Leute. Zu der Zeit, als das Buch entstand, lag der Bürgerkrieg im Stadtzentrum bereits hinter uns, andere Konflikte standen uns bevor. Für junge Menschen war der Roman vor allem eine Abenteuergeschichte, die sie verstanden, weil sie von den vielen alltäglichen Mikrodramen handelt, die sie als Bewohner dieser Stadt nur zu gut kannten.

Tiflis ist im Roman eine nervöse und chaotische Stadt. Hegen Sie manchmal nostalgische Gefühle für diese Zeit?
Ich bin wirklich kein nostalgischer Mann, auch wenn mir nachgesagt wird, ein Lobredner der neunziger Jahre zu sein. Nein, es waren bloß dramatische und wichtige Zeiten voller echter Tragödien und starker Emotionen. Natürlich hat sich seitdem in der Stadt viel verändert. Tiflis war damals eine Stadt mit Krieg im Herzen. Vermutlich ähneln sich alle Städte im Bürgerkrieg; die Kugeln sind überall gleich und die Bewaffneten schießen. Aber ein solcher Krieg bringt auch eine unvergessliche Menschlichkeit unter den Unbewaffneten zum Vorschein, die in der Stadt bleiben.

Georgien wird derzeit als Reiseland entdeckt und ist im Herbst das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Die Meldungen von der Razzia im Tiflisser Techno-Club Bassiani zeigen aber auch, dass Georgien noch große Demokratiedefizite hat. Wie verändert sich das Land, seit es im Fokus der Aufmerksamkeit Westeuropas steht?
Ich denke da immer an Nelson Mandelas Buch mit dem Titel »Der lange Weg zur Freiheit«. Das Sowjetsystem war vom Checkpoint Charlie bis zu den Sachalin-Inseln das gleiche, aber nach dem Zusammenbruch konnten einige Nationen leichter Anschluss an den Westen finden als andere. Wir mussten alle unterschiedlich lange Wege zurücklegen. Dass Georgien nun mehr vom Westen wahrgenommen wird, ist eine gute Sache. Hoffentlich bringt uns diese Aufmerksamkeit mehr Freunde als Feinde. Sicherlich ist sie aber auch eine gute Absicherung.

»Reise nach Karabach« handelt von einer Generation auf der ­Suche nach neuen Möglichkeiten. Haben Sie gefunden, wonach Sie gesucht haben?
Ich erinnere mich an ein überwältigendes Gefühl der Freiheit, das sich einstellte, während ich das Buch ­geschrieben habe, aber auch an das Gefühl von Glück. Für mich gäbe es keinen anderen Grund zu schreiben. Das mag jetzt nicht allzu klug klingen, aber meine Freiheit liegt nunmal in dieser Tätigkeit.
 

Aka Morchiladze (Jg. 1966) studierte Geschichte an der Staatlichen Univer­sität Tiflis und arbeitete als Hochschulehrer und Journalist in ­Tiflis. Sein 1992 erschienener Roman »Reise nach Karabach« machte ihn über die Grenzen des Landes ­hinaus berühmt. Morchi­ladze veröffentlichte über 20 Romane und gilt als der meistgelesene georgische Schriftsteller. Er lebt mit seiner Familie in London.

»Reise nach Karabach«. Aus dem Georgischen von Iunona Guruli. Weidle-Verlag, Bonn 2018, 176 Seiten, 20 Euro