»Kräuter der Provinz« von Datashock

Ein Kosmos aus Musik

Datashock würzen ihren überraschenden Sound mit Kräutern aus der Provinz.

Was schreibt man über eine Band, die es schon seit mehr als 15 Jahren gibt und die in dieser Zeit mehr als 33 Tonträger veröffentlicht haben? Schreibt man darüber, dass nun noch eine weitere Platte hinzugekommen ist? Ist das entscheidend? Sicherlich ist es das auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist es auch einfach das Projekt Datashock als ­solches, das Aufmerksamkeit verdient: Die Geschichte von acht Menschen, die in Teil- oder Vollbesetzung und zusammen mit anderen Musikern kontinuierlich auf der Bühne stehen oder gemeinsam Platten aufnehmen. Im Grunde wird hier an das angeknüpft, was bei den Kommunen und Bandprojekten der sechziger und siebziger Jahre als implizites Versprechen mitschwang: Gemeinsam an einem Kosmos aus Musik und persönlicher Vertrautheit zu stricken. Bei Datashock fällt zwar der Kommunegedanke hintenüber, denn die einzelnen Mitglieder wohnen und arbeiten in ganz Deutschland verstreut – die Band kann keins ihrer Mitglieder finanzieren –, aber die Idee, miteinander durch Musik verbunden zu sein, bleibt davon unberührt. Datashock ist ­Ankerpunkt für den musikalischen Austausch untereinander und Ausdruck ihrer Freundschaft zueinander.

Auf der anderen Seite verlassen die Stücke das bekannte Terrain und verwandeln sich beispielsweise in eine dreckige Lofi-Version alter New-Age-Songs à la Deuter oder hören sich an wie eine ­düstere Variante elegischer Popol-Vuh-Songs.

Parallel zu Datashock sind alle Bandmitglieder auch noch in unzähligen weiteren Projekten aktiv. Seien es Bands wie Pretty Lightning, Yagow, Schrein, Flamingo Creatures, Phantom Horse, Kolter, Nxtlvl Alien Gang oder Labels wie Meudiademorte oder Spam – die Liste ist lang. Genau das ist es aber, was Datashock ausmacht. Die Erfahrungen aus den persönlichen Seitenprojekten fließen wieder in die Band zurück und konstituieren so ihren Sound mit. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Datashock ein Musikprojekt ist, das von ihren Mitgliedern gegründet wurde, um sich einen kreativen Mittelpunkt zu schaffen, zu dem alle immer wieder zurückkehren können.

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Die Mitglieder stammen zu einem großen Teil aus der Punk- und Hardcore-Subkultur oder aus der Jugendzentrumszene: Ihr daraus resultierender Do-it-Yourself-Ethos spielt immer noch eine große Rolle. Diesem haben sie zu verdanken, dass während den unzähligen Touren und Konzerten der vergangenen 15 Jahre Freundschaften zu anderen Bands, Ver­anstaltern und lokalen Konzertbesuchern entstanden sind, was eben nicht dasselbe ist wie das heute gern bemühte »Netzwerk«, das eher ein instrumentelles Verhältnis zu seinen Mitmenschen meint. DIY ist hier nicht die Ausübung einer politisch konnotierten Praxis, sondern eine Handlungsweise, die beinahe zwangsläufig entsteht, wenn man sich abseits ausgetrampelter Pfade bewegt und sich daher seine »Spielwiese« selbst gestalten muss. Datashock verstehen Do-It-Yourself als eine Struktur, die Möglichkeiten der Partizipation ­eröffnet und die Gruppe offen hält, zum Beispiel dafür, einerseits in selbstverwalteten Jugendzentren und andererseits auf großen Festivals zu spielen. Das Eine schließt das Andere nicht aus.

Die aktuelle Platte »Kräuter der Provinz« erscheint bei Bureau B. Das ­Label brachte in den vergangenen Jahren Neuauflagen der Platten von Künstlern wie Cluster, Hans-Joachim Roedelius, Conrad Schnitzler, aber auch Heldon oder Günter Schickert heraus, daher ist die Entscheidung von Datashock für Bureau B nur konsequent.

Datashock tragen den Fackelstab weiter, den die oben genannten Künstler ihrerseits vor mehr als 30 Jahren entzündet haben, indem sie Klänge ebenso neugierig wie aber auch idiosynkratisch zu erforschen. Und so klingt dann auch die neue Datashock-Platte. Auf der einen Seite werden klassische Krautrock- und Elektronik­referenzen aufgegriffen, die häufig das Fundament bilden, auf dem sich die Stücke in freier Improvisation weiter entwickeln. Auf der anderen Seite verlassen die Stücke das bekannte Terrain und verwandeln sich beispielsweise in eine dreckige Lofi-Version alter New-Age-Songs à la Deuter oder hören sich an wie eine ­düstere Variante elegischer Popol-Vuh-Songs.

Es ist dabei immer wieder über­raschend, wie stringent Datashock auf ihren Aufnahmen aber auch auf der Bühne – dort mitunter auch mit wechselnden Gastmusikern oder nur mit halber Besetzung – klingen, ohne sich zu wiederholen. Konti­nuität zahlt sich im Bandkontext auch insofern aus, dass die dadurch entstehende Vertrautheit ein freies Bandgefüge ermöglicht, weil man um Rückhalt, aber auch die Eigenarten der anderen weiß. Dabei spielt Vir­tuosität glücklicherweise keine Rolle; gemeinsam Klangmöglichkeiten auszuloten, nimmt eine viel zentralere Position ein, was das Ergebnis weitaus offener und überraschender werden lässt, als die Zurschaustellung von Fingerfertigkeit.

 

Datashock: Kräuter der Provinz (Bureau B)