Berichte vom bisher schönsten Spiel der Fußball-WM

Wo waren Sie beim Vorrunden-Aus?

Drei Spiele und Schluss – diese WM war für das deutsche Nationalteam ausgesprochen kurz. Unsere Autorinnen und Autore erzählen, wie sie das historische Aus erlebten.

Kaltland bleibt Kaltland

Am Göttinger Stadtrand steht die Siekhöhe, eine Sammelunterkunft für Geflüchtete. Eine ehemalige Lagerhalle im Industriegebiet, Abschiebeknast wäre wohl der passendere Begriff. Mehrmals pro Woche werden dort zurzeit Bewohner aus dem Schlaf gerissen, um sie anschließend abzuschieben. Die Autobahn ist direkt nebenan, wie praktisch.

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Am Mittwoch um 18 Uhr, ein paar Minuten nach Abpfiff des Deutschland-Spiels, findet an Ort und Stelle eine Solidaritätskundgebung statt. Na klar komme ich, wird doch eh nichts mit dem Vorrunden-Aus, sage ich noch.

Hätteste mal lieber nichts gesagt, denke ich, als ich kurz vor dem Abpfiff aufs Fahrrad steige. Fünf Minuten später fahre ich an einer ­jubelnden Kinderhorde vorbei. Schland-Fans sind die nicht, wie mein ungläubiger Blick aufs Handy verrät. »2:0! Deutschland ist gefickt!« ruft ein paar Meter weiter jemand – sympathische Gegend. An der Siekhöhe haben derweil die Security-Männer eine dicke Kette ums Eingangstor ­gelegt. Die Linken aus der Innenstadt kommen, sicher ist sicher.

Kaltland bleibt Kaltland, da hilft auch kein Vorrunden-Aus – leider!

Simon Volpers

 

Aus Prinzip

Es gibt kaum etwas Einfältigeres, als der deutschen Nationalmannschaft aus Prinzip die Niederlage zu wünschen – außer vielleicht, der deutschen Nationalmannschaft aus Prinzip den Sieg zu wünschen. Erst recht dieser Nationalmannschaft, die daherkam als eine Mischung von übersatten Altweltmeistern, Nachwuchsspielern, die sich für wesentlich talentierter halten, als sie es in Wirklichkeit sind, und dem in der Tat sehr bedauernswerten Marco Reus (wie Andy Brehme es mal treffend formulierte: »Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß«).

Es gab schon mal sympathischere DFB-Auswahlen – oder wenigstens unterhaltsamere.

Letztlich ist es aber egal, ob das gesammelte Mittelmaß im preußischen Schwarzweiß oder dasjenige im königlichen Gelbblau weiterkommt, oder die Dauerachtelfinalrausflieger aus Mexiko wieder im Achtelfinale rausfliegen. Aus sportlicher Perspektive ist das alles ähnlich relevant wie die Ergebnisse der zweiten Mannschaft des SV Hönnepel-Niedermörmter.

Was dagegen erfreulich ist, ist, dass diese Werbeveranstaltung für ein Regime, das in einem Nachbarland einen Angriffskrieg führt, das einem Massenmörder beim Vergasen seiner eigenen Zivilbevölkerung den Rücken freihält, das zur Finanzierung dieser Abenteuer seine ­sowieso schon verarmten Rentner schröpft und das zahlreiche Leben von Journalisten und Oppositionellen auf dem Gewissen hat, nun leichter zu ignorieren ist.

Alexei Zireschkin

»Beim 1:0 für Südkorea johlte eine Gruppe Türkinnen hinter mir laut auf, mein rechtes Auge füllte sich mit Tränen. Als dann das 2:0 der koreanischen Mannschaft errungen war, flossen die Tränen auch ungehemmt aus dem linken Auge, die Farben der deutschen Fahne auf meinen Wangen verwischend.« Istari Lasterfahrer

 

Nicht weinen

Ich weiß sogar noch, wo ich 1974 beim Endspiel Holland – Deutschland war: in meiner  hessischen Geburtsstadt Bad Homburg. Ich war sechs Jahre alt und zum Nachbarsjungen drei Häuser weiter gegangen, um das Finale zu sehen. Eine Viertelstunde nach Anpfiff stand ich völlig aufgelöst, laut schluchzend wieder bei meinen Eltern vor der Tür: »Dihieee sihind für die Fahaaalscheeeeen!« So erzählte man sich die Geschichte noch Jahrzehnte später lachend im holländisch-slowenischen Familienkreis. Ich verstand damals die Welt nicht mehr, wie konnte man für Deutschland sein? Beziehungsweise nicht für Holland? Seitdem wartete ich auf das Vorrunden-Aus der Deutschen, nun kann ich mein Trauma endlich verarbeiten. Den historischen Tag erlebte ich auf der Vespa auf Berlins leergefegten Straßen, denn mein Arbeitgeber hatte allen für das Spiel freigegeben. Ich bin heutzutage natürlich nicht mehr aus falschem (hey sorry, ich war sechs!), sondern aus richtigem Bewusstsein gegen Deutschland, aber ansonsten hat sich nicht viel verändert. Es sind immer noch alle für »dihieee Fahaaal­scheeeeen«. Nur, ich wein jetzt nicht mehr gleich deshalb.

Ivo Bozic

 

Eine andere Geschichte

Wie jeden Abend war ich auch heute wieder bei meinem Kiosk um die Ecke eingeplant. Doch diesmal stand etwas Besonderes an, der kurdische Chef des Kiosks hatte zum Fußballspielschauen auf einem Großflachbildschirm eingeladen. Ich hatte mich mit einer Dutchmen-Pizza und einem schwarzrotgelben Dosenbier vorbereitet und mir einen Platz in der ersten Reihe gesichert.

Beim 1:0 für Südkorea johlte eine Gruppe Türkinnen hinter mir laut auf, mein rechtes Auge füllte sich mit Tränen. Als dann das 2:0 der koreanischen Mannschaft errungen war, flossen die Tränen auch ungehemmt aus dem linken Auge, die Farben der deutschen Fahne auf meinen Wangen verwischend. Die boshafte Gruppe der Türkinnen johlte noch lauter. Dem Kioskbesitzer wurde es zu bunt, er schaltete die Übertragung ab und beschwerte sich lautstark: »Ihr betragt euch unglaublich, hier sind Leute, die das sehr verletzt. Geht doch zurück in die Türkei, wenn das hier nicht eure Heimat ist. Heimat ist dort, wo man lebt und sein Zuhause hat.«

So hätte es gewesen sein können, war es aber nicht. Die Geschichte war nur das, was mir der Kioskbesitzer am Tag darauf berichtet hat, und wie er am liebsten reagiert hätte. Ich erzählte ihm, dass ich arbeiten war, und mir fiel zu seiner Erzählung ein ganz anderes Thema ein, das ich mit ihm beschnacken könnte.

Was ich ich ihm nicht sagte: Mir war nicht klar, dass Deutschland überhaupt spielt. Die Zeit, in der das Spiel lief, verbrachte ich in dem Redaktionsbunker eines Radiosenders, wo nie Sportnachrichten laufen. Erst am Ende der Sitzung gab ich weiter, dass Deutschland raus ist, was ich über Social Media erfahren hatte. Großes Gelächter, weil das allen schon bekannt war, es war wohl auch zuvor schon eine Runde Bier ausgegeben worden, allerdings nicht an mich.

Ich weiß nicht, wann der Beschluss gefasst wurde, dass Protokollführer beim Vorrunden-Aus für Deutschland kein Bier bekommen.

Istari Lasterfahrer

 

Vogerlsalat

Ich habe die Zeit, in der das Spiel Deutschland–Südkorea lief, mit einer Begleiterin in einem österreichischen Restaurant in Charlottenburg verbracht. Nicht nur ist dort die Küche gut, es lief auch kein Fernseher. Von der Partie haben wir nichts mitbekommen. Dafür war das Essen ausgezeichnet. Als Vorspeise hatte ich Vogerlsalat mit geriebenem Schafskäse, gerösteten Kürbiskernen und steirischem Kürbiskernöl; meine Begleiterin nahm Tafelspitzbrühe mit Frittaten. Als Hauptgang gab es für mich Tafelspitz in der Terrine mit Wurzelgemüse, geriebenem Kren, Krensauce und Rösterdäpfeln, für die Dame ein kross gebratenes Filet vom Zander, dazu frischen Spargel. Und zum Nachtisch teilten wir Marillenknödel mit süßen Butterbröseln und Salzburger Nockerln. Getrunken haben wir dazu einen Grünen Veltliner vom Weingut Schloss Gobelsburg in Langenlois/Wachau. Zwei kleine Braune und zwei Marillenbrände rundeten das Essen ab.

Es war ein schöner Nachmittag, der mir in angenehmer Erinnerung bleiben wird.

Michael Wuliger

»Die deutsche Mannschaft spielte gerade gegen Südkorea und diese Zeit wollte sinnvoll genutzt sein. Zum Beispiel durch selbstgemachtes Waldmeistereis. Denn dem wohlriechenden ­Labkraut wird eine berauschende Wirkung nachgesagt.« Ralf Balke

 

Deutschland-Deko abhängen

Ich habe dieses Jahr eigentlich gar keinen Kopf für die WM. Obwohl ich Challenges wichtig finde. Sie sind nämlich ein Realitätscheck. Das merke ich gerade bei meiner Stiefel-Challenge auf Facebook, weswegen ich mich eben auch kaum mit der WM beschäftigen kann. Während ich also immer dachte, »ich habe die tollsten Stiefel«, muss ich nun feststellen, dass einige der von mir nominierten Freundinnen einfach die cooleren Boots besitzen. Heule ich deshalb rum? Nein, ich nehme es sportlich und versuche das Leben trotzdem zu genießen.

Beim Vorrunden-Aus war ich deshalb dort, wo es im Sommer am schönsten ist: auf dem Wasser. Konkret bin ich mit zwei Kollegen auf ­einem kleinen Sportboot in der Rummelsburger Bucht rumgefahren. Über das Vorrunden-Aus informierte mich eine Whatsapp-Nachricht meiner Mutter, die uns aber erst viel später erreichte, nachdem wir wieder am Ufer angelegt hatten. Meine Mutter kann erst seit ein paar Wochen Whatsapp, aber sie nutzt es schon ­gezielt für propagandistische Zwecke. »Hier bei uns im Dorf«, schreibt sie, »wird schon die Deutschland-Deko abgehängt. Die Schweiz hat nun Aussichten, Weltmeister zu werden. Wir drücken die Daumen.« Gut, diese Prognose ist sicherlich davon beeinflusst, dass ihre Enkel in der Schweiz aufwachsen. Aber »Deutschland-­Deko abhängen!« finde ich auch insgesamt ein ganz passendes Motto.

Stefanie Kron

 

Erst Chromecast, dann Deutschland

15.50 Uhr, ich schalte den Fernseher im Wohnzimmer an, lasse mich gemütlich aufs Sofa fallen und ernte sorgenvolle Blicke vom Hund. Der mag nämlich die Geräusche von Fußballübertragungen nicht.
Und dann fängt der Ärger an. Googles Streamingdings Chromecast, das seit zwei Jahren im Fernseher steckt, will nicht funktionieren. Ich probiere zwei Apps am Telefon aus, starte WLAN, Fernseher und Telefon neu, aber es passiert nichts. Mittlerweile sind gut 30 Minuten des Spiels vergangen und ich rufe die Google Hotline an.

Zur Halbzeitpause erfahre ich vom Hotline-Mitarbeiter, dass der Ausfall weltweit sei und ich in eine Kneipe gehen solle, um das Spiel zu schauen.

Die zweite Halbzeit schauen der Hund, die Frau und ich dann am Laptop. Der nervt zwar auch, weil er hinterherhängt und das Bild teilweise miserabel ist.

Aber als in der 92. Minute dann in der Nachbarschaft geflucht wird, schauen wir freudestrahlend auf das, was wenige Sekunden später auf ­unserem Bildschirm passiert.  

Sebastian Weiermann

»Es blieb wundervoll leise am Ernst-Reuter-Platz, so leise, dass man für einen kurzen Moment das Gefühl hatte, der ganze völkische Wahn der vergangenen Jahre sei durch ein paar Minuten Nachspielzeit wie weggepustet.« Samuel Salzborn

 

Waldmeister statt Weltmeister

»Pflanzen sind mächtiger, als wir allgemein glauben«, las ich am Mittwochabend im Online-Klappentext zum Buch »Pflanzendevas – Die Göttin und ihre Pflanzenengel« des Ethnobotanikers Wolf-Dieter Storl. »Als makroskopische Wesen ver­mitteln sie die Lichtkräfte des Kosmos und verlebendigen die Erd­materie.«

Das passte wunderbar. Die deutsche Mannschaft spielte gerade gegen Südkorea und diese Zeit wollte sinnvoll genutzt sein. Zum Beispiel durch selbstgemachtes Waldmeistereis. Denn dem wohlriechenden ­Labkraut wird eine berauschende Wirkung nachgesagt. Und die kann ja bekanntlich nie schaden. Bei der Suche nach dem geeigneten Rezept stieß ich auf dieses esoterische Brimborium. Storl zufolge ist der Geist des Waldmeisterkrauts sogar in der Lage, kosmischen Wesen wie Elfen den Zugang zur menschlichen Seele zu gewähren – also genau das, was Fußballer nicht bei mir schaffen. Deshalb Wasser und noch mehr Riesling mit Zucker aufkochen, abkühlen lassen und ordentlich Limettensaft sowie ein Bund Waldmeisterkräuter hinein und dann ab damit ins Eisfach. Draußen wurde es wohltuend ruhig. Kein Schwarzrotgold-Geschrei kontaminierte die frühsommerliche Abendstimmung. Die Pflanzen hatten ihre Macht entfaltet.

Ralf Balke

 

Wahn weggepustet

Der Ort als solcher hätte ziemlich gruselig werden können, was ich zugegebenermaßen nicht bedacht hatte. Wenn man in Berlin sein Büro am Ernst-Reuter-Platz hat, droht mindestens die Hörweite zur »größten Fanmeile in Deutschland«. Der ausbleibende Lärm machte mich dann aber neugierig, gut zehn Minuten vor Spielende einen Blick in einen Live-Ticker zu werfen. Anschauen war nie eine Option, da Nationalmannschaftsfußball für mich generell irgendwo zwischen nervig, un­interessant und überflüssig rangiert. Und dieser Blick in den Ticker bestärkte Hoffnungen, die man gar nicht zu haben gewagt hatte angesichts des nationalen Kollektiv­taumels, den Fußballgroßereignisse heutzutage seriell produzieren.

Es blieb aber wundervoll leise am Ernst-Reuter-Platz, so leise, dass man für einen kurzen Moment das Gefühl hatte, der ganze völkische Wahn der vergangenen Jahre sei durch ein paar Minuten Nachspielzeit wie weggepustet. Eine wundervolle Stille.

Samuel Salzborn