Die Graphic Novel »Am liebsten mag ich Monster« von Emil Ferris ist großartig

Lieber Werwolf als Frau sein

Die US-amerikanische Zeichnerin Emil Ferris lässt ein zehnjähriges Mädchen die Geschichte ihrer Nach­barschaft in Form eines fiktiven, gezeichneten Tage­buchs erzählen. Im Stil von Horror-B-Movies und Grusel-­Groschenheften geht es um Antisemitismus, Rassismus und Sexismus. Der erste Band von »Am liebsten mag ich Monster«, der im Chicago der späten sechziger Jahre spielt, ist sensationell.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass auf dem Cover von Comics Empfehlungen prominenter Kollegen abgedruckt werden; die Szene ist klein und gut vernetzt. Dass Alison Bechdel und Chris Ward die Graphic Novel »Am liebsten mag ich Monster« von Emil Ferris mit Lob überschütten, lässt da zwar auf­horchen, aber erst Art Spiegelmans ­Bemerkung, die Zeichnerin habe Grammatik und Syntax von Comics grundlegend verändert, weist auf die Bedeutung von Emil Ferris’ »Am liebsten mag ich Monster« hin. Auch an begeisterten Rezensionen, Nominierungen, Auszeichnungen und Vergleichen mit Klassikern des Genres, etwa Mariani Satrapis »Per­sepolis« fehlt es nicht.

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Dabei kam die Künstlerin Emil ­Ferris, die mit 55 Jahren als Comic-Autorin debütiert, auch für Ein­geweihte wie aus dem Nichts. Zwar zeichnete sie auch bedingt durch viel erzwungene Ruhe infolge einer Wirbelsäulenerkrankung schon seit frühester Kindheit, allerdings nicht für ein Publikum. Später schlug sich die alleinerziehende Mutter als freie Illustratorin oder Gestalterin für Happy-Meal-Spielfiguren von Mc­Do­nald’s durch. Im Alter von 40 Jahren infizierte sie sich mit dem West-Nil-Fieber, was zu einer teilweisen Lähmung ihres Körpers führte. Doch Ferris gab nicht auf und begann, noch im Rollstuhl sitzend, ein Kunststudium an der Hochschule des Art Institute of Chicago. Dort konzentrierte sie sich auf die Arbeit an ihrer Graphic Novel »Am liebsten mag ich Monster«. 2017 brachte der US-­amerikanische Independent-Verlag Fantagraphics das Buch heraus, nachdem es zuvor 48 Verlage abgelehnt hatten.

Ferris’ graphischer Stil ist geprägt von ständig variierendem Seitenaufbau, ganzseitige Zeichnungen wechseln sich – dem Flow der Erzählung folgend – mit kleinteiligen Strukturen ab. Stilelemente des Comics wie Panels oder die spezielle Verbindung von Text und Bild werden konventionell benutzt, dann wieder aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen. Ferris’ Zeichnungen orien­tieren sich zum Teil am Fotorealismus, weisen aber auch cartoonhafte und abstrakte Elemente auf. Der 420 Seiten starke Band schert sich nicht um die inhaltlichen und formalen Vorgaben, die die meisten zeitgenössischen ­Comics nach wie vor prägen. Die Zeichnerin arbeitet mit der Technik des cross-hatching, einer extrem ­aufwendigen Form der Schraffur von Formen und Flächen. Ihr wichtigstes Werkzeug ist der Kugelschreiber, mit dessen Hilfe sie ausdrucksstarke Bilderwelten voller Zwischentöne erschafft.

Die Graphic Novel hat die Form eines Tages- beziehungsweise Skizzenbuchs, in dem Linierung und Lochung noch zu erkennen sind. Darin erzählt die zehnjährige Karen Reyes, wie sie im Chicago der späten sechziger Jahre versucht, den Mord an ­ihrer Nachbarin Anka Silverberg aufzuklären. Karen hat nicht nur eine Vorliebe für Grusel- und Horrorgeschichten, sondern imaginiert und zeichnet sich selbst als Monster. Was zunächst klingt wie eine reine Murder-Mystery-Geschichte mit phantastischen Elementen, ist weit mehr als das. Der Horror taucht nicht nur im Verbrechen auf, sondern ist Bestandteil des alltäglichen Lebens. Im Mittelpunkt stehen Karen, ihr Bruder ­Deeze und ihre Mutter, die aneinander hängen und zugleich miteinander kämpfen. Verdrängtes und Verschwiegenes aus der Familiengeschichte kommt im Laufe der ­Geschichte immer mehr zum Vorschein; der Kampf der Mutter gegen ihre Krankheit spielt eine wesent­liche Rolle.

Die Figur der Karen trägt autobiographische Züge, Ferris flicht in ihre Erzählungen über das Leben in ­Chicago eigene Erlebnisse und Erfahrungen ein. »Nichts davon ist so ­passiert, aber alle Geschichten sind wahr«, sagte sie in einem Interview über das Buch. Anhand von Alltagssituationen beschreibt sie die mise­rablen sozialen Bedingungen, unter denen vor allem Schwarze, Menschen indianischer Herkunft und ehemalige Minenarbeiter aus den ­Appalachen leiden. Anschaulich werden der verbreitete Rassismus und die Riots nach der Ermordung von Martin Luther King dargestellt. Die Autorin wuchs in Rogers Park in Chicago auf, einem Stadtteil, in dem auch viele jüdische Familien lebten, darunter zahlreiche Überlebende des Holocaust. Einige von ihnen erzählten Ferris ihre Geschichte, ­diese Menschen inspirierten sie zu der Figur und der Emigrantin Anka Silverberg, deren erschütternde Kindheit und Jugend während der Weimarer Republik und der Jahre der NS-Zeit nachgezeichnet werden.

Ferris übernimmt Motive aus Horror-B-Movies und Grusel-Groschenheften, ohne den in der Indie-Szene vorhandenen Sexismus zu reproduzieren.

Eine wichtiger Ort der Inspiration und Recherche ist für Karen das Museum. Ihre Geschichte steckt voller ­Referenzen an die Kunstgeschichte, von Goya über Otto Dix bis Lynda Barry. Aber genauso wichtig sind die Underground-Comics, die ihre Hochzeit in den Sechzigern und Siebzigern hatten. Ferris übernimmt Motive aus Horror-B-Movies und Grusel-Groschenheften, ohne den in der Szene vorhandenen Sexismus zu ­reproduzieren.

Trotz der Bezugnahme auf unterschiedliche Ereignisse, Orte und Stile hat das Buch nichts Sensations­lüsternes oder Überfrachtetes. Ferris kommt stets auf die Frage zurück, wie man in dieser Welt voller Widersprüche überhaupt zurechtkommen kann. »Nur als Monster«, lautet ihre Antwort. Der Comic ist eine Hommage an Menschen, die gegen Geschlechtsstereotype aufbegehren und versuchen, ihre Identität auszuloten. ­Karen empfindet die für Frauen in den sechziger Jahren vorgesehene Rolle als unerträglich, genau deshalb wäre sie lieber der kleine Werwolf als eine Frau. In Monsterfilmen und -heften findet sie keine eindimen­sionalen, brutalen Ungeheuer, sondern vielmehr widersprüchliche, stigmatisierte Figuren, die alternative Lebensentwürfe, Homoerotik und Diversität denkbar werden lassen. Sie stellt Außenseiter in den Mittelpunkt des Buchs, diese werden aber nicht verklärt oder idealisiert. Schließlich seien letztlich alle Menschen Monster, wie Ferris immer wieder betont.

Das mächtige Buch stellt nur den ersten Teil der Geschichte dar, die Veröffentlichung des zweiten, ebenso umfangreichen Bandes lässt noch auf sich warten. Wegen der engen Verschränkung von Bild und Schrift sind die Übertragung, das Lettering und die Produktion einer deutschsprachigen Ausgabe nicht einfach, so dass einige Seiten weniger organisch gestaltet sind als in der Originalausgabe. Dennoch kann man froh sein, dass der auf Superhelden spezialisierte Verlag Panini sich an die Umsetzung dieses anspruchsvollen Projekts gewagt hat. »Ein Monster von Buch«, um mit Alison Bechdel zu sprechen.

 

Emil Ferris: Am liebsten mag ich Monster. Aus dem Amerikanischen von Torsten Hempelt. Panini, Stuttgart 2018, 420 Seiten, 39 Euro