Die neue Elektroplatte der Liars ist hörenswert

Lissa allein zu Haus

Der elektronisch klingende Soundtrack »1/1« der Noise-Rockband Liars ist hörenswert – auch ohne den dazugehörenden gleichnamigen Film.

Film-Soundtracks von etablierten Bands, das klingt nach den Neunzigern. Hal Hartleys »Amateur« aus dem Jahr 1994 war einer jener Filme, dessen musikalische Untermalung – unter anderem von PJ Harvey, My Bloody Valentine, The Jesus Lizard oder Red House Painters – seinem cineastischen Wert weit überlegen war. Den Klassiker »Kids« mochte man als Teenager natürlich noch nicht vornehmlich für den von Lou Barlows Band Folk Implosion gespielten und kuratierten Soundtrack. Und »Judgement Night« (1993) ist wohl das Paradebeispiel dafür, dass der Soundtrack eines mittelmäßigen Films in die Musikgeschichte – Stichwort: Rap Metal – eingehen kann. Dass 2018 eine Indieband statt eines Komponisten ausgesucht wird, um für die klangliche Begleitung von bewegten Bildern zu sorgen, wirkt beinahe ein wenig antiquiert. Für sein Filmdebüt »1/1« bat Regisseur und Autor Jeremy Phillips die inzwischen in Los Angeles ansässige Band Liars, nur anhand des Drehbuchs und ein paar weniger, vager Stichworte mit dem Komponieren zu beginnen.

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Als Disco-Punk und Retro-Postpunk Anfang der nuller Jahre das nächste große Ding werden sollten, waren die Liars so etwas wie der nerdige Stiefbruder, der nicht richtig mitmachen durfte, aber irgendwie doch immer dabei war. Schon früh war ihr Sound zu verschroben, um auf den mit Red Bull verklebten Indiedisko-Tanzflächen oder vor mitklatschenden Festivalmassen zu funktionieren. Ihr Debüt »They Threw Us All in a Trench and Stuck a Monument on Top« von 2001 atmete den Geist von Post-Punk-Pionieren der späten Siebziger wie The Pop Group, und mit jedem weiteren Album öffnete sich die Band mehr dem Experiment, brach mit den Konventionen, denen die meisten ihrer langweiligeren Zeitgenossen folgten, und verschoben ihren Fokus vom Krautrock zum Noise und schließlich hin zur elektronischen Musik. Ihre Alben wurden parallel zu dieser Entwicklung immer weniger einfach »konsumierbar«, vor allem aber unvorhersehbarer. Es war nicht so, dass man jedem Release schwitzend entgegenfieberte – man konnte allerdings sicher sein, überrascht zu werden. Vom Rock der Anfangstage ist in diesem Jahrzehnt jedenfalls nichts übriggeblieben.

Beständigkeit war definitiv nie ein Charakteristikum der Liars, auch nicht, was den Standort angeht. Die Band mischte erst in den kreativen Wirren von Williamsburg mit, für das dritte Album »Drum’s Not Dead« zogen sie nach Berlin, weitere Alben entstanden in Australien und Los Angeles, das neue in Kopenhagen. Auch die Besetzung wechselte stetig, war man auf dem Debütalbum noch ein Quartett, dann ein Trio, blieben spätestens im Jahr 2014 mit Aaron Hemphill und Angus Andrew nur noch zwei Mitglieder der Urbesetzung übrig.

Liars’ minimalistischer Elektro-Kraut-Hybrid bleibt anfangs kalt und distanziert, fast technoid.

In dieser Konstellation entstand bereits 2014 der Soundtrack zu »1/1«. Hemphill sollte die Band ein Jahr später verlassen, um daraufhin unter dem Namen Nonpareils auf Solopfaden weiterzumachen, Angus Andrew verblieb bis heute als einziges Mitglied. Bei einer solchen Bandgeschichte ist es nur konsequent, dass man sich auch mal an einem Soundtrack versucht, einem Format, das dem (zu dem Zeitpunkt noch bestehenden) Duo ausgesprochen gut zu Gesicht steht. Live stellte Andrew den Soundtrack mit Gastmusikern beim Pop-Kultur-Festival 2016 in Berlin vor, nun erscheint er mit der Veröffentlichung des dazugehörigen Films.

Angesiedelt im ländlich-depressiven Pennsylvania folgt der Film »1 / 1« der 20jährigen Protagonistin Lissa (gespielt von Lindsey Shaw) durch das emotionale Auf und Ab ihrer Kleinstadtexistenz, bestimmt von zwischenmenschlichem Gewurschtel mit Liebeleien und dem Elternhaus. Regisseur Jeremy Phillipps müht sich, seiner Geschichte Tiefe zu geben, indem er die Themen Selbstmord und Schwangerschaft zur Sprache bringt, um seine Figuren authentisch wirken zu lassen, aber das geht nicht auf. Die von einem Mann geschriebenen Videotagebücher eines Vorstadt-Twens sind banal und voller Klischees, und als Zuschauer beschleicht einen das Gefühl, dass hier möglicherweise jemand von Leiden erzählt, die er selbst nicht nachempfinden kann.

Die dunkle Grundstimmung des Films wird dominiert von verzögernden Standbildern, mosaikhaften Schnitten zwischen High-End- und Super-8-Material, Zeitsprüngen und expressionistisch anmutender Kameraführung. Man kann es drehen und wenden, wie man will – ästhetisch stand hier David Lynch Pate. Ein für Werbekunden entschärfter »Lost Highway« könnte so aussehen, oder »Eraserhead« ohne Horror. Regisseur Phillips bezeichnet sich selbst allerdings als Fan von John Hughes. So experimentell sein Film visuell daherkommen mag, unübersehbar sind die eingestreuten Referenzen an Hughes’ Coming-of-Age-Klassiker »The Breakfast Club« von 1985, der gerade in den Vereinigten Staaten uneingeschränkten Kultstatus genießt. Judd Nelson spielte darin den aufmüpfigen John Bender. Mit der Verplichtung Nelsons für eine der Hauptrollen in »1/1« ist dem Regisseur somit auch ein kleiner Coup gelungen – welcher wiederum auch als eine etwas zu offensichtliche nostalgische Hommage eines ewigen Fanboys gelesen werden kann.
Die Idee, ausgerechnet Lynch und Hughes unter einen Hut zu bringen, ist dann auch nicht unbedingt ein Beleg für überbordene Originalität – in dieser Hinsicht wäre ein Heranziehen von Hughes’ späterem Kassenschlager »Kevin – Allein zu Haus« zumindest überraschender gewesen. Der Film kommt schlichtweg zu bieder daher. Für einen Neo-Noir vom Schlage Lynchs fehlen ihm Chuzpe und Intensität. Selbst die Lynch’sche Paranoia hat mangels greifbarer Handlungsstränge keine Chance, glaubhaft anzuklopfen. Und auch Hughes’ Empathie mit seinen Charakteren geht Phillipps ab, zu fragmentarisch bleiben seine Figuren, zu hölzern die Dialoge, zu sehr geht die überschaubare Resthandlung in einer musikvideohaften sterilen Ästhetik verloren.

Die Liars jedoch verstehen sich auf ihr Handwerk und bleiben ästhetisch unbestritten auf der Lynch’schen Seite: Ein düsterer, anorganischer Minimalismus zieht sich durch die 15 kurzen Stücke, die das Album bilden. Wie die Hauptfigur bleibt ihr minimalistischer Elektro-Kraut-Hybrid anfangs kalt und distanziert, fast technoid – bisweilen denkt man beim Hören tatsächlich, es liefe irgendwo in einem Nebenraum eine angestaubte Techno-Platte. Über den weiteren Verlauf bestimmen zusehends atmosphärische Drones und langsamer schreitende Trip-Hop-artige Beats die Szenerie, hier und da knistert es höhenlastig. Gesang kommt, wenn überhaupt, nur sehr kurz und dezent vor, was gesungen wird, ist nicht zu verstehen. Wabernde Soundscapes und schneidende Klangelemente verdichten sich fortwährend, die verwendeten, anscheinend ausschließlich digitalen Soundelemente klingen nach Korg-Synthesizern der neunziger Jahre, der Fundus an Klangfarben bleibt überschaubar. Der Aufbau der Stücke ist klar, ohne strapazierende Spielereien oder sonst von der Band möglicherweise erwartbare Frickeleien, und Interludes wie »Shitraver« oder »Nokke« versetzen John Carpenters Suspense-Klänge aus »The Fog« von 1980 um ein paar Jahrzehnte  in die Zukunft. Einzig Abwechslung sucht man vergeblich, was das Konzept des Soundtracks für einen derartigen Film wohl
mit sich bringt. Wer ein Album im engeren Sinne hören will, sollte wahrscheinlich eine ihrer zahlreichen anderen Veröffentlichungen auflegen. Als düstere, etwas herausfordernde Elektroplatte, die nicht zwingend fließen soll, funktioniert »1/1« aber, auch ohne die visuelle Begleitung durch den Film.

Der »Hit« der Platte, also das verdaulichste Stück, heißt »Liquorice«, und klingt witzigerweise, als hätte man Mr. Oizos Elektro-Klassiker »Flat Beat« von 1999 einfach um ein Drittel langsamer abgespielt und die Synthies zusätzlich mit ein paar Effekten versehen. Andrew und Hemp­hill haben die Coolness, aber auch die überholte Ästhetik des Filmklassikers »Matrix« in Musik übertragen und trotz der derzeit allgegenwärtigen, etwas enervierenden Nostalgie ein vernünftiges
Album geschaffen.


Liars: »1/1« Soundtrack (Mute) Der Film »1/1« ist als Blu-Ray erschienen.