Kritische Astrologie - Die Sonne und ihre Macht über unser Leben

Tagesgestirn mit Imageproblem

Kolumne Von

Vor kurzem erst als »Zwergplanet« von der Astronomie herabgestuft, als klapprige »Fusionsmühle« von der Physik verlacht, hat sie derzeit nicht nur in der Wissenschaft einen besonders schweren Stand: die Sonne, unser galaktischer Freund im nach ihr benannten Sonnensystem. Von Tausenden wird sie derzeit als Klimaschädling denunziert, für Hitzewellen und Dürreperioden verantwortlich gemacht. Viele wollen sie gar nicht mehr sehen, verbergen ihr Antlitz mit Sonnenbrillen und -hüten, immunisieren sich mit Salbe gegen ihre Strahlen, stellen Schirme gegen sie auf. Was ist aus der »lieben« Sonne, als die sie früher gefeiert wurde, nur geworden? Woher das schlechte Image?

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Der Mond beispielsweise hat ein sehr erfolgreiches rebranding hinter sich: Er pflegt heute ein wesentlich düstereres Image, hört Metal, lässt sich nur mehr »Blutmond« nennen. Dieser neue Emo-Mond passt zu den finsteren Zeiten, in denen wir leben, wird ernst genommen – wohingegen die Sonne immer noch von ihrem Ruf als Strahlefrau, als Gute-Laune-Gestirn zehrt. Wenn die Sonne an aktuelle Diskurse anschließen will, muss sie dringend ihr öffentliches Bild als Hippieikone und Schönwetterplanet ablegen, sich gegen die Benutzung in allerlei Popsongs wehren und sich der grimmigen Realität da draußen stellen.

In jedem Fall muss sie ihren Kritikern dringend Paroli bieten: Sie darf nicht mehr zum Buhmann des Kosmos gemacht werden, bloß weil die Leute gerade ihre Nähe nicht vertragen. Die Sonne ist das, was wir aus ihr machen. Vielleicht kann die derzeitige Hitzewelle zum Beispiel dazu dienen, die Ausstattung Deutschlands mit Klimaanlagen endlich auf das Niveau westlicher Industrienationen zu heben. Vielleicht könnte man angesichts stehender Smogglocken in den Innenstädten auch darüber nachdenken, ob Autos wirklich das Fortbewegungsmittel des 21. Jahrhunderts sind. In jedem Fall gilt: Es gibt keinen falschen Sonnenstand – es gibt nur den falschen Beruf, den man während der Sonnenstunden auszuüben hat.