Die Kampagne #metwo hat einen Punkt getroffen. Ausdruck eines emanzipatorischen Antirassismus ist sie nicht

Zwei Identitäten sind schlechter als keine

Die Twitter-Kampagne #MeTwo thematisiert Alltagsrassismus – und bagatellisiert ihn als persönliches Vehaltensproblem.
Kommentar Von

»Woher kommen Sie?« »Aus dem Münsterland.« »Nein, woher kommen Sie wirklich?« »Ich bin Deutscher. Meinen Sie eher meinen Migrationshintergrund?« Mit Anekdoten wie diesen hat der Autor Ali Can auf Twitter eine Debatte über Alltagsrassismus in Deutschland ausgelöst. Selbstverständlich soll der Hashtag an #MeToo erinnern, jene Kampagne, bei der weltweit über Alltagssexismus berichtet wurde. Wie bei dieser sind auch bei #MeTwo die Reaktionen heftig, sieht sich doch die rechte Trollarmee im Internet in ihrer Diskurshoheit bedroht.

Anzeige

Unter dem Hashtag #MeTwo berichten Menschen mit Migrationshintergrund über ihre Diskriminierungserfahrungen. Darunter sind traumatische Erlebnisse, aber auch eine Vielzahl kleiner Nickligkeiten wie die oben zitierte. »Where are you from?« dürfte der weltweit häufigste Einstieg in ein Gespräch zwischen zwei einander unbekannten Menschen sein; zumindest in den Großstädten, in den globalen Zentren. Unaufdringlicher als ein »Möchtest du etwas trinken?« und von ehrlicherem Interesse geleitet als ein »Bist du öfters hier?«, hat diese Frage unzählige Dates eingeleitet und Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft begründet. Nicht das Interesse daran, woher jemand oder dessen Familie kommt, ist das Problem, sondern dass es immer noch nicht überall – und eben auch in Deutschland nicht – normal ist, dass jemand von irgendwoher kommt.

Man hat nicht zwangsläufig nur eine Iden­tität, sondern kann wie Özil auch zwei oder mehr haben. Oder anders gesagt: Eine Identität setzt sich aus verschiedenen Erfahrungen und Prägungen zusammen. Das ist eine klare Absage an den völkischen Zeitgeist – nicht jedoch an das identitäre Denken.

Eine Beleidigung, eine rassistische Bemerkung kann verletzend sein, aber man überlebt sie, anders als unter Umständen eine Fahrt im Flüchtlingsboot über das Mittelmeer. Wenn ein Mensch, der in ­einem Staat Steuern zahlt und dessen Gesetze befolgt, nicht über die Politik dieses Staats mitentscheiden, nicht wählen darf, geht es um ein Grundrecht. Eine Journalistin, ihr Name sei hier nicht erwähnt, weil es fast jede und jeder hätte sein können, warf am Sonntag im ARD-Presseclub Mesut Özil vor, »opportunistisch« gehandelt zu haben, als er sich aus Karrieregründen 2007 für die deutsche Staatsbürgerschaft entschied, also für jenen Pass, der ihm den größeren Nutzen brachte. Doch funktioniert nicht anders­herum genau so der gesamte Migrationsdiskurs von CSU bis SPD?

Nützliche Ausländer sollen kommen dürfen, die unnützen nicht. Selbst auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, aber eben das gleichzeitig ohne Scham dem Kanaken vorzuwerfen, bringt den rassistischen Konsens dieser Gesellschaft gut auf den Punkt.

Die Journalistin sagte es kurz darauf in der Sendung selbst: »Wir sind an einem Punkt, wo das Land aus wirtschaftlich egoistischen Gründen auf Zuwanderung angewiesen ist.« Natürlich nicht jede Zuwanderung. Im nächsten Satz stellte sie klar, man möge doch ­Zugehörigkeit nicht über die Herkunft, sondern über die Teilhabe definieren. Sie meinte die Teilhabe am Arbeitsmarkt, nicht die an Wahlen. Also: Zu uns gehören darf, wer etwas für uns leistet.

Obwohl – was genau sie meinte, weiß sie vermutlich selbst nicht, denn nur rund 20 Minuten später brachte sie den Spruch in leichter Abwandlung: Man möge doch »Zugehörigkeit nicht über Herkunft definieren, sondern über Haltung«. Nun also der übliche Integrationsschmu, der Nichtdeutschen ein Bekenntnis zu Werten abverlangt, die ein Großteil der deutschen Bevölkerung in der Praxis selbst nicht teilt. Dies ist nur ein Beispiel für den Diskurs, der wahllos jedes Argument anführt, wenn es nur taugt, gute von schlechten Migranten zu scheiden, um »Zuwanderung zu steuern«, heißt: zu begrenzen, heißt: die Deutschen vor »Überfremdung« zu schützen.

Wenn nun Hunderte Menschen unter #MeTwo von Diskriminierungserfahrungen berichten, ist das ernst zu nehmen, allerdings auch nicht zu ernst. Sonst läuft man Gefahr, den grassierenden Rassismus auf die Befindlichkeit einiger Wohlstandsmigranten zu ­reduzieren, die es geschafft haben und die nun über schlechte Umgangsformen der Deutschen nörgeln (wogegen an sich natürlich nichts einzuwenden ist). Eine Kampagne, die in Zeiten von AfD und Seehofer, von Orban und Salvini, über Rassismus spricht, muss ­aufpassen, das Thema nicht als ein Problem des persönlichen Verhaltens zu banalisieren. Unter #MeTwo haben sich Menschen ­geäußert, die Deutsch sprechen, oft Deutsche sind, zumeist etabliert, und vor allem: die in Deutschland leben. Von viel schlimmerem deutschem und europäischem Rassismus Betroffene schaffen es gar nicht erst hier her und beteiligen sich nicht an dieser Twitter-Kampagne.

Und das ist der Grund, weshalb #MeTwo so gut ankommt in den Medien. Hier kann man sich endlich mal billig auf die Seite der Ausländer schlagen, Konsequenzen sind nicht zu befürchten, weder fürs Bruttoinlandsprodukt noch für den geistigen Kulturbeutel.

Es ist eine Kritik der Etiquette, nicht des Systems. Andrea Seibel etwa begrüßte in der Welt die Kampagne: »Die Gesellschaft ist sensibilisiert, denkt nach, verändert ihr Verhalten, kann sich nicht mehr herausreden.« Die Gesellschaft, das meint also die Arschlöcher da draußen am Tresen oder in der Straßenbahn, die sich nicht zu benehmen wissen, aber nicht den Staat mit seinen rassistischen ­Gesetzen, nicht das EU-Grenzregime, nicht den Nützlichkeitsdiskurs der Parteien.

Ali Can hat durchaus einen Punkt getroffen mit seinem Hashtag. #MeTwo soll bedeuten: Man hat nicht zwangsläufig nur eine Iden­tität, sondern kann wie Özil auch zwei oder mehr haben. Oder anders gesagt: Eine Identität setzt sich aus verschiedenen Erfahrungen und Prägungen zusammen. Das ist eine klare Absage an den völkischen Zeitgeist – nicht jedoch an das identitäre Denken. So ­wenig wie die Forderung nach Anerkennung eines dritten, zusätzlichen Geschlechts der Dekons­truktion der Geschlechterrollen dient. Im Gegenteil insistiert der Slogan #MeTwo auf dem Recht, nicht nur eine, sondern sogar zwei Identitäten zu haben, ohne diese in Frage zu stellen. Das aber, also beide in Frage zu stellen, die Absage an ­jedes identitäre Denken, wäre die Voraussetzung für einen wirklich emanzipatorischen Antirassismus.