Der Präsident der »Donezker Volksrepublik« in der Ostukraine wurde ermordet

Explosion im Lampenschirm

Bei einem Bombenanschlag in der sogenannten Donezker Volks­republik in der Ostukraine ist deren Präsident getötet worden. Manche Beobachter vermuten dahinter interne Streitigkeiten.

Helden der sogenannten Volksrepubliken im Südosten der Ukraine haben oft keine hohe Lebenserwartung. Eines natürlichen Todes sterben sie in der Regel nicht. Einer langfristigen Lebensplanung sind die Machtverhältnisse im Donbass jedenfalls nicht dienlich. In den vergangenen Jahren verlor so mancher ambitionierte Kommandeur von Kampfbrigaden sein Leben bei gezielten Anschlägen, sogar im vermeintlich sicheren Moskauer Hinterland.
Am 31. August traf es den ranghöchsten »Helden« der ersten Stunde: Alexander Sachartschenko, der Präsident und Ministerpräsident der sogenannten Donezker Volksrepublik, kam bei einer Bombenexplosion in der Hauptstadt Donezk ums Leben, ebenso sein Leibwächter. Alexander Timofejew, Sachartschenkos Finanzminister oder, besser gesagt, Geldeintreiber und rechte Hand, musste im Krankenhaus behandelt werden. Schwerste Verbrennungen erlitt außerdem die Leiterin der Jugendsektion der Organisa­tion Oplot Donbass (Bastion Donbass), Natalja Wolkowa. Zehn weitere Personen kamen mit leichteren Verletzungen davon.

Die russische Zeitung »Nowaja Gaseta« berichtete, dass Sachartschenkos Vorgehen im Kreml für immer mehr Unzufriedenheit gesorgt habe.

Der Vorfall ereignete sich am späten Nachmittag im Café Separ (Kurzform für Separatist), das die Donezker politische Führung häufig besucht und für das deshalb verschärfte Sicherheitsvorkehrungen gelten. Anlass für die Zusammenkunft war eine Trauerveranstaltung für den kürzlich verstorbenen sowjetisch-russischen Schlagerstar Iossif Kobson. Der Sänger wurde in der Region geboren und hatte vor zwei Jahren die Staatsbürgerschaft der international nicht anerkannten Donezker Volksrepublik angenommen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der Sprengstoff in einem Lampenschirm deponiert, der sofort explodierte, als Sachartschenko den Raum betrat. Ohne Hilfe aus seinem engen Umfeld, heißt es, wäre der Anschlag nicht re­alisierbar gewesen.

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Noch haben die Ermittler lediglich Vermutungen. Dass zwei Männer, die sich zur Tatzeit im Café aufgehalten hatten und deren Fotos verbreitet wurden, beteiligt waren, sei nicht erwiesen. Von 14 nach dem Anschlag festgenommenen Personen hätten vier ­Kontakte zum ukrainischen Geheimdienst zugegeben. Die ukrainische ­Regierung vermutet allerdings, diese Geständnisse seien unter Gewaltanwendung zustandegekommen.

Ansonsten gab es den üblichen Schlagabtausch zwischen der russischen Regierung, der Donezker Führung und der ukrainischen Regierung. Russland und die Separatisten machen letztgenannte für Sachartschenkos Tod verantwortlich. Der Leiter des ukrainischen Geheimdiensts, Wasil Grizak, nannte als Grund hingegen die Eskalation eines internen Konflikts wegen wirtschaftlicher Streitigkeiten.

Tatsache ist, dass Sacharchenko und Timofejew seit Jahren ganz oben auf der Liste der reichsten Oligarchen im Donbass stehen. Ein größeres Vermögen vermochte nur der ehemalige Präsident der Lugansker Volksrepublik, Igor Plotnizkij, anzuhäufen, der im Winter abgesetzt wurde und seither in Russland lebt. Zum Geschäftskonzept des erfolgreichen Gespanns gehörte der Einsatz bewaffneter Einheiten, um Steuern einzutreiben.

Sachartschenko baute die ihm unterstehende paramilitärische Garde auf der Basis des lokalen Ablegers der Organisation Oplot auf, die unter seiner Leitung eine Schlüsselrolle bei den Anti-Maidan-Protesten 2014 in Donezk gespielt hatte. Ihm gelang es sogar, die Unabhängigkeit seiner Garde zu bewahren, als in den Jahren 2015 und 2016 im Zuge einer Reform unter Aufsicht der russischen Regierung alle separatistischen bewaffneten Gruppen zu ­einer Armee zusammengeführt wurden.

Der Kontrolle Russlands entziehen sich ebenfalls die den diversen lokalen Ministerien und Behörden unterstehenden Sicherheitsdienste, die im Donbass als »Enteignungssondereinheiten« gefürchtet sind. Immer wieder machten sie in den vergangenen Jahren von sich reden. Da der Kohle­bedarf in der Ukraine ohne Ressourcen aus dem Donbass nicht gedeckt werden kann, bietet die Wirtschaft in den Volksrepubliken nach wie vor Möglichkeiten für Geschäfte im großen Stil. Zudem kann man sich durch den ­Verkauf von humanitären Hilfsgütern sowie Lebensmittelschmuggel bereichern.

Die russische Zeitung Nowaja Gaseta berichtete, dass Sachartschenkos ­Vorgehen für wachsende Unzufriedenheit im Kreml gesorgt habe. Auch an­dere Quellen wiesen auf Querelen im Donbass und einen eventuell bevor­stehenden Führungswechsel hin. Zumal von den Einnahmen aus dem ­lukrativen Kohlegeschäft mit der Ukraine auch wesentlich einflussreichere Kader profitieren wollen, wie beispielsweise der in Russland ansässige ehemalige ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch. Sollte es lediglich darum gegangen sein, Sachartschenko politisch in die Schranken zu weisen, hätten sich jedenfalls auch andere Lösungen gefunden, um ihn abzusetzen.

Kurz nach Sachartschenkos Tod übernahm sein Stellvertreter Dmitrij Trapesnikow kommissarisch die Führung in Donezk. Der 37jährige war einst als Manager im lokalen Fußballverein Schachtjor tätig, bekleidete seit Ende 2014 diverse Ämter in Sachar­tschenkos Verwaltung und gilt auch längerfristig als ein möglicher Anwärter auf die Präsidentschaft. Am Freitag vergangener Woche erklärte die Generalstaats­anwaltschaft Trapesnikows Amtsübernahme für illegal und der Volksrat ­ernannte stattdessen den Parlamentssprecher Denis Puschilin zum neuen Oberhaupt der Volksrepublik. Für den 11. November wurden Wahlen angesetzt, um einen Nachfolger für Sachartschenko zu benennen. Timofejew, der ebenfalls als ein möglicher Kandidat galt, reiste in der Zwischenzeit aus Sicherheitsgründen nach Russland.

Die Nachfolge muss schon deshalb schnell geklärt werden, da andernfalls die ohnehin nur zähen Verhandlungen über die Regulierung des Konflikts im Osten der Ukraine ganz zum Stillstand kommen könnten. Bislang jedenfalls gibt es keine Alternative zum Minsker Abkommen, dessen Umsetzung von allen Konfliktparteien regelrecht boykottiert wird. Am 1. September behauptete der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, nun rücke der Zeitpunkt näher, dass der Donbass wieder unter Kiewer Kontrolle gerate. Diese Aussage kann getrost als Wahlpropaganda abgetan werden. Im Frühjahr 2019 will sich Poroschenko erneut zur Wahl stellen. Seine Umfragewerte sind derzeit miserabel, auch zeigt er jenseits rhetorischer Floskeln keine sichtbaren Anstrengungen, die Wiederannäherung des Donbass an den ukrainischen Staat voranzut­reiben.