Die Repression gegen kritische Karikaturisten in der Türkei

Lakonie und Selbstzensur

Der Zeichner Sefer Selvi wird für seine Arbeit in Deutschland mit einem Preis geehrt, während gleichzeitig Ermittlungsverfahren in der Türkei gegen ihn laufen.

Alle drei Monate erhält der türkische Karikaturist Sefer Selvi Post von der Staatsanwaltschaft in Istanbul. Er wird informiert, welche seiner Zeichnungen Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens sind. Der Zeichner wird regelmäßig verdächtigt, den Präsidenten oder staatliche Institutionen beleidigt zu haben, die religiösen Gefühle der Mitbürger zu verletzen oder generell für Inhalte verantwortlich zu sein, die der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) subversiv erscheinen. Gegenwärtig steht Selvi wegen Beleidigung des ehemaligen Ministerpräsidenten Binali Yıldırım vor Gericht.

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Die beanstandete Zeichnung macht sich über Korruption im Familienumfeld von Spitzenpolitikern der Regierungspartei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) lustig. »Der interessante Punkt in diesem Fall ist, dass niemand mich der Verleumdung beschuldigt. Der Wahrheitsgehalt der Karikatur wird nicht bestritten. Sie versuchen nur zu beweisen, dass ich Yıldırım beleidige, indem ich über Machenschaften wie Steuerhinterziehung publiziere.« Selvi grinst. Der 54jährige sitzt in der Redaktion von LeMan, einer der führenden Satirezeitschriften der Türkei, und trinkt Tee. Es ist eines der beliebtesten Getränke, die am Montagabend serviert werden, wenn der Cartoonist mit seinen Kollegen für die neueste Ausgabe des Wochenmagazins produziert. Während das Rauchen von Zigaretten in dem Büro mittlerweile verboten ist, hilft der starke Schwarztee den Künstlern, wach zu bleiben und sich auf die Genauigkeit ihrer Linien und die Schärfe ihres Witzes zu konzentrieren. Es ist eines der Rituale, die Selvi und die anderen älteren Cartoonisten, die die Fünfzig überschritten haben, aus den Zeiten der berühmten Satirezeitschrift Gırgır als Tradition beibehalten haben. Das Magazin war zwischen 1972 und 1989 in Zeiten, in denen türkische Medien nach den Staatsstreichen von 1970 und 1980 strengen Zensurgesetzen unterlagen, eine der meistverkauften Publikationen, bis zu eine Million Hefte gingen über den Ladentisch. Der damalige Chefredakteur Oğuz Aral bildete junge Talente aus dem ganzen Land in der sogenannten »Gırgır Ecole« aus. Sie spezialisierten sich darauf, ortstypische Charaktere zu schaffen und eine Sprache zu verwenden, die der Durchschnittsbürger verstehen konnte, ohne dabei das intellektuelle Publikum zu vergraulen.

Weil die Medien fast vollständig von der Regierung kontrolliert werden, bilden die beiden umsatzstärksten Magazine LeMan und Uykusuz eine Enklave der Unbeugsamen.

Sefer Selvi wurde im ostanatolischen Sivas geboren und ging dort zur Schule. Seiner ersten Zeichnungen schickte er per Post an die Gırgır. Aral erkannte sein Talent und lud den Zeichner nach Istanbul ein. Nach Gırgır arbeitete Selvi für die Zeitschriften Fırt, Dıgıl und Avni. Heute zeichnet er für LeMan und die oppositionelle Tageszeitung Evrensel. Die hochwertigen Graphiken, der kühne Witz und der politische Mut sind bis heute Markenzeichen der Cartoonisten, auch wenn die Zeiten noch nie so hart waren wie jetzt.

Tuncay Akgün, der Chefredakteur von LeMan, hat als Künstler mehrere politische Prozesse durchgestanden. Nach dem gescheiterten Staatsstreich im Juli 2016 veröffentlichte das Magazin eine Sonderausgabe. Auf der Titelseite waren zwei Hände einer unsichtbaren Person, die eine wütende Menge gegen erschrockene Wehrpflichtige schieben, zu sehen. Nachdem er diese Zeichnung auf Twitter geteilt hatte, brach ein Shitstorm los. »Es gab unglaubliche Beleidigungen und Drohungen«, erzählt Akgün, immer noch sehr besorgt klingend: »Sie haben unsere Adresse veröffentlicht und wollten, dass wir wie unsere Kollegen von Charlie Hebdo enden.

Das Magazin wurde von der Druckerei beschlagnahmt, bevor wir es verteilen konnten.« Vor dem Kulturzentrum LeMan Kültür, wo sich im dritten Stock die Redaktionsbüros befinden, tobte ein Mob von AKP-Gefolgsleuten. Seit dieser Nacht schützen eine Stahltür, Kameras und ein Alarmsystem die Zeichner in der Redaktion. Selvi und Akgün unterstreichen, dass der Druck auf die Satire-Szene noch nie so stark war. »Schlimmer als der Druck der Regierung ist die Hetze in den sozialen Medien. Natürlich haben wir alle angefangen, uns selbst zu zensieren«, gibt Selvi zu.

Die gezeichnete Satire problematisiert die Gefahren der Entwicklungen zu einer Diktatur dennoch offener als irgendeine andere Publikationsform in der Türkei. Weil die Medien fast vollständig von der Regierung kontrolliert werden, bilden die beiden umsatzstärksten Magazine LeMan und Uykusuz eine Enklave der Unbeugsamen.

Gegen Sefer Selvi wird gerade zum zweiten Mal wegen einer Zeichnung ermittelt, die bereits 2003 veröffentlicht wurde und in der der Geschäftsmann Cüneyt Zapsu auf dem Rücken von Erdoğan sitzt. Im Text dazu heißt es: das Leittier. Die Karikatur verspottete den großen Einfluss des ehemaligen Beraters des damaligen Ministerpräsidenten. Die türkische Zeitung Evrensel wurde wegen der Veröffentlichung der Zeichnung im Jahr 2005 zu zehn Milliarden Lira Geldstrafe verurteilt, damals umgerechnet etwa 20 000 Euro. Vor zwei Monaten erhielt Selvi von der Staatsanwaltschaft die Nachricht, dass aufgrund der Anzeige eines besorgten Bürgers nun gegen ihn ­persönlich ermittelt werde. »Ich kann eine solche Geldstrafe auf keinen Fall bezahlen«, bemerkt er ­lakonisch.

Erdoğan mit Hitlers Bart zu zeigen, ist in der Türkei hingegen kein Tabu. Bereits Anfang Januar 2015, als die Debatten über das Präsidialsystem in der türkischen Nationalversammlung begannen, warnte Sefer Selvi vor der bevorstehenden Allmacht des Präsidenten. Dieser findet es nicht anstößig, mit Diktatoren verglichen zu werden, denn nach Ansicht seiner politischen Bewegung soll er der alleinige Führer sein. Mittlerweile wird er in diesen Kreisen nur noch »Reis«, der Anführer, genannt.

Tierdarstellungen des mächtigsten Mannes in der Türkei sind allerdings tabu. Der Künstler Musa Kart wurde 2005 zunächst für die Darstellung von Erdoğan als Katze zu einer Geldstrafe verurteilt, später gewann er den Prozess jedoch vor dem Berufungsgericht.

Heutzutage müssen die Cartoonisten vorsichtiger sein. Gegen Musa Kart wird seit mehr als einem Jahr prozessiert, ihm wird vorgeworfen, mehrere terroristische Organisationen zu unterstützen. Früher war er Hauptkarikaturist der seit einem Machtwechsel in der Führungsetage im September nicht mehr oppositionellen Cumhuriyet. Er verließ die Zeitung als Reaktion auf den Austausch der Leitung. Er wird nicht wegen seiner Zeichnungen verfolgt, unterstreicht sein Anwalt Tora Pekin, sondern wegen seiner oppositionellen Haltung: : »Die Cumhuriyet berichtet kritisch über die Regierung, das steht als Hauptvorwurf im Raum. Es geht nicht um bestimmte Artikel, sondern um den oppositionellen Kurs. Gegenspieler zu sein, scheint auszureichen, um in der Türkei 2018 vor Gericht gestellt zu werden.«

Trotz der Unterdrückung sind die Satiriker noch in der Lage, die politischen Realitäten anschaulich zu machen. Die Karikaturisten schaffen derzeit starke, allegorische Bilder und Geschichten, die die Forderungen der Zivilgesellschaft nach mehr ­Partizipation und Freiheit weiterhin transportieren. Für seine außergewöhnliche Zivilcourage wird Sefer Selvi im November der Karikaturenpreis der deutschen Anwaltschaft verliehen, den seit 1998 herausragende Künstler im Kampf für mehr Menschenrechte bekommen.