Ein Besuch bei jüdischen Kandidatinnen und Kandidaten für die belgischen Kommunalwahlen

Wahlkampf mit Juden

In Belgien finden am 14. Oktober Kommunalwahlen statt. Wenn in dem Land gewählt wird, steht Antwerpen immer im Mittelpunkt. Besonders umkämpft ist diesmal die »jüdische Stimme«. Jüdische Kandidatinnen und Kandidaten finden sich in fast allen Parteien.
Reportage Von

André Gantman ist leicht empört. Zumindest versucht er, so zu klingen. »Wo hängt mein Plakat?« fragt er Benjamin Hoffman, den Restaurantbesitzer, dem er soeben seine Bestellung genannt hat. Hoffman grinst in seinen langen Bart, dann weist er mit entschuldigender Miene auf die Flugblätter. »André Gantman, Listenplatz 19, N-VA«, steht darauf. Die Flugblätter hat man immerhin am Rand des Tresens schon ausgelegt. Das Plakat werde bald draußen an der Wand folgen, versichert Hoffman seinem Stammkunden.

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Wenn in Antwerpen die Wahlkampfsaison anbricht, bleibt auch das koschere Restaurant »Hoffy’s« davon nicht verschont; es ist die bekannteste kulinarische Adresse im jüdischen Viertel. Auch in manchen Schaufenstern der umliegenden Straßen blicken einem schon André Gantmans Parteikollegen von Wahlplakaten der Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA) entgegen. Die rechten flämischen Nationalisten, nicht zu verwechseln mit dem radikaleren Vlaams Belang, sind die größte Partei im niederländischsprachigen Norden Belgiens, in Antwerpen und womöglich auch in diesem Viertel. Gantman, ein 68jähriger Anwalt, heute in beige-grauem Anzug und oranger Krawatte, gilt als jüdisches Aushängeschild der N-VA.

Am 14. Oktober werden in ganz Belgien die Gemeinderäte neu gewählt. Es ist ein wichtiger Test für die Parlamentswahlen 2019 und traditionell sind viele belgische Spitzenpolitikerinnen und -politiker auch auf Gemeindeebene aktiv. Seit Wochen geht es hoch her in der politischen Debatte. Statt Sommerloch gab es einen verbissenen und auf groteske Weise unterhaltsamen Schlagabtausch, in dessen Mittelpunkt mehrfach auch jüdische Kandidaten aus Antwerpen standen. Neun sind es diesmal: Claude Marinower, Samuel Markowitz, Micheline Warschitzky und Toby Fischler für die Open Vlaamse Liberalen en Democraten (Open VLD), Gantman und Isabelle Zanzer für die N-VA, Tatjana Scheck für die Sozial- und Rezi Friedman für die Christdemokraten. Sogar für den rechtsextremen Vlaams Belang tritt mit Linda Maes eine jüdische Kandidatin an.

Das hat möglicherweise viel mit dem Beispiel zu tun, das Gantman gegeben hat. Ende der neunziger Jahre saß er für die liberale Partei Open VLD als Schöffe im Stadtrat. Schöffen sind in Belgien gewählte Beigeordnete der Bürgermeisterin oder des Bürgermeisters, vergleichbar den Dezernenten in deutschen Kommunen. Weil Gantman in einen Korruptionsfall verwickelt war, trat er zurück. Bei den Stadtratswahlen 2012 stellte ihn überraschenderweise die N-VA als Kandidaten auf – ein Schachzug des Parteivorsitzenden Bart De Wever, mit dem Gantman gut befreundet ist. Die N-VA ging aus den Wahlen 2012 als stärkste Partei hervor, De Wever wurde Bürgermeister von Antwerpen und Gantman Exponent eines besonderen Bemühens der N-VA, das viele überraschte: Die Partei warb um Antwerpens Jüdinnen und Juden.

Nationalismus mit Apfelstrudel

Eine »bescheidene Rolle« habe er in dieser Strategie gespielt, räumt Gantman ein. Näher beschreiben will er sie aber nicht. Gesprächiger ist er, wenn es um aktuelle Wahlkampfthemen geht, vor allem »Sicherheit und Diversität«. Die N-VA, bekannt für ihre Law-and-Order-Haltung und ihren Kampf gegen Einwanderung, gilt im jüdischen Antwerpen vor allem als Partei, die gegen die terroristische Bedrohung in den vergangenen Jahren verlässlich Schutzmaßnahmen für jüdische Einrichtungen lieferte. Zur Frage nach der Diversität meint Gantman: »In Antwerpen mit all den verschiedenen Nationalitäten geht es um eine grundsätzliche Entscheidung: Entweder bleibt jeder in seiner Ecke, oder alle fügen sich ein in den Rahmen fundamentaler Werte der Aufklärung.«

Nun gibt es in der Hafenmetropole nicht nur konservative Muslime und Islamisten, denen ein solches Ansinnen ein Gräuel ist. Auch die Lehrinhalte mancher jüdischer Schulen weichen bisweilen deutlich von einem aufklärungszentrierten Curriculum ab, und man könnte durchaus auf die Idee kommen, die orthodoxen Jüdinnen und Juden im Diamantenviertel zwischen Bahnhof und Stadtpark lebten in einer Parallelgesellschaft. Das verneint Gantman nicht, doch er nuanciert: »Man kann zu seinen Werten und Traditionen stehen, ohne Kinder gegen die Gesellschaft aufzubringen.«

»Ich finde, dass linke Parteien in Europa zu oft nur eine Seite des Palästinakonflikts sehen.«
Tatjana Scheck, Kandidatin der sozialdemokratischen Partei SPA

Diese Aussagen zeigen, was so manche jüdische Wählerin und manchen jüdischen Wähler zur N-VA bringt. Als Sammelbecken flämischer Nationalisten ist die Partei aber mit einem Grundproblem dieser Strömung konfrontiert: An den Parteirändern finden sich auch Identitäre, Völkische und Antisemiten. Vor allem die Kollaboration der flämischen Bewegung mit den deutschen Besatzern während des Zweiten Weltkriegs ist im jüdischen Antwerpen nicht vergessen. Der N-VA jedoch steht dies nicht mehr im Weg, seit sich De Wever vor einigen Jahren öffentlich für die damalige Kollaboration entschuldigte. Eine »Zäsur« nennt Gantman diesen Schritt. Für ihn sei die Partei damit entlastet, »denn eine Initiative Bart De Wevers ist eine Initiative der Partei«.

Um sich für seine Nachmittagstermine zu stärken, lässt sich Gantman vom Kellner noch zum hausgemachten Apfelstrudel überreden – »aber ohne Eis«. Die jüdische Bevölkerung Antwerpens, erzählt er, sei keinesfalls homogen: »Von Freidenkern über modern-orthodox bis strikt-orthodox und noch mehr orthodox, alles findet man hier.« Gantman selbst ist nicht als religiös bekannt. In die Synagoge geht er nur an hohen Feiertagen, doch ist er sichtlich wohlgelitten bei den verschiedenen Strömungen. Während des Essens begrüßt er mal einen alten Jugendfreund, mal einen jungen Rabbiner. Zum Abschied bittet er noch einmal, man möge sein Plakat bald aufhängen.