Ein Gespräch mit Brian Shimkovitz, der das Label Awesome Tapes from Africa betreibt

Gesprengte Ursprünglichkeit

Der Name ist Programm: Seit 2006 macht die Plattenfirma Awesome Tapes from Africa einem internationalen Publikum äthiopischen Jazz, Tassou aus dem Senegal und ghanaischen Hiplife zugänglich. Der Labelbetreiber Brian Shimkovitz hatte sein digitales Archiv für alte afrikanische Kassetten als privates Blog gestartet, das weiterhin besteht. Neben Wiederveröffentlichungen vertreibt er auch die Musik von neuen Künstlern. Im Gespräch mit der »Jungle World« stellt Shimkovitz einige seiner Künstler vor, spricht über die Entstehungsgeschichte seines Labels und über seine Motivation, jahrelang den Musikern, die auf den zufällig gefundenen Tapes zu hören waren, nachzuforschen.
Interview Von

Vor mehr als zehn Jahren haben Sie Awesome Tapes from Africa als privates Blog begonnen. Wie kam es dazu?
Während meines Musikethnologiestudiums an der Indiana University hatte ich die Gelegenheit, für einen Forschungsaufenthalt nach Ghana zu reisen. Das war 2002. Damals wollte ich herausfinden, was es mit dem Genre Highlife auf sich hat. Auf den Straßen von Accra und in anderen Städten dominierte jedoch HipHop, allerdings in nicht in einer Form, wie wir ihn von Tupac oder Biggie Smalls kennen, sondern in einer lokalen Variante, die mich sehr überrascht und fasziniert hat. Jahre später war ich nochmals in Ghana und konnte dabei noch krassere Genre-Mischformen kennen ­lernen: lokale Stile, produziert mit billigem elektronischen Equipment. Viel von dieser Musik habe ich mir damals in den lokalen Shops ­gekauft und am Ende eine riesige Menge an Tapes in die USA mitgenommen.

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Warum Kassetten?
Kassetten sind nach wie vor das Medium, auf dem in Afrika sehr viel ­Musik erhältlich ist. Ich selbst habe ohnehin schon seit langem ein ­Faible für Tapes. Inspiriert von der damaligen Popularität privater Blogs entschied ich mich, selbst eines zu starten, um meine Schätze zu digitalisieren und einem größeren Pub­likum bekanntzumachen. Daraus ist dann Awesome Tapes from Africa entstanden. Viele der geposteten Künstler wissen gar nicht, dass ich ihre Musik teile. Doch wenn das jemandem nicht passt, soll er sich einfach bei mir melden. Dann entferne ich die Songs. Das respektiere ich natürlich.

Ihre ersten Blogeinträge waren Songs von Ata Kak aus Ghana. Auf Undergroundparties hat seine Musik ­inzwischen einen gewissen Kultstatus erreicht, und seine Songs werden dann gerne auch mal ekstatisch in Fantasiesprache mitgesungen. Wie sind Sie auf Ata Kaks Musik gestoßen?
Ata Kaks Tape habe ich in Cape Coast zufällig bei einem Straßenhändler entdeckt. Das ­Cover-Artwork ist mir sofort ins Auge gefallen und auch seine Musik hat mich ­sofort fasziniert: Hiplife aus den Neunzigern, also elektronische, an Rap orientierte Popmusik, die einem zugleich vertraut und fremd vorkommt. 2015 habe ich Ata Kaks Tape »Obaa Sima« wiederveröffentlicht. Inzwischen tourt er weltweit, Ende Oktober war er zum Beispiel in Lissabon. Ata Kak zu finden, hat echt lange gedauert, insgesamt an die acht Jahre. Ich kannte ja anfangs nicht einmal seinen richtigen Namen. Dazu kam, dass Ata Kak keinerlei Verbindung zur Musikindustrie in ­Ghana hatte. Nicht einmal meine ghanaischen Freunde kannten ihn. Aber ich bin wohl einfach sehr gut im Stalking (lacht).

Wie haben Sie Ata Kak gefunden?
Da sein Tape in den neunziger Jahren in Toronto aufgenommen worden war, bin ich einfach dorthin geflogen. Gerade als ich in von Ghanaern ­bewohnten Vierteln ins Blaue hinein nach Ata Kak fragte, hat mir ein BBC-Reporter den Kontakt zu seinem Sohn vermittelt. Diesem war aufgefallen, dass es Fanseiten bei Facebook für die Musik seines Vaters gab. Ich habe Ata Kak dann einfach angerufen – und nun arbeiten wir zusammen. Wenn ich seine Songs als DJ auflege, flippen die Leute regelrecht aus. Auch in Ghana wird die Musik von Ata Kak bekannter. Vor allem die Kids posten sie im Internet.

Auch bei Hailu Mergia ist es faszinierend, wie er und seine beiden Mitmusiker ihr wesentlich jüngeres Publikum in ihren Bann ziehen.

Wie haben Sie Mergias Musik kennengelernt?
Das war, als ich vor einigen Jahren eine Zeitlang in Berlin wohnte. Ich kannte bereits einige seiner Bandprojekte aus den Siebzigern und Achtzigern, die mir schon sehr gut gefallen haben. Von Hailus Solostücken war ich aber noch begeisterter und sofort hin und weg: Sie kombinieren auf eine sehr, sehr kluge, hypnotische Art Jazz und äthiopische Musik. Im Internet bin ich recht schnell auf Hailus Blog gestoßen. Dort war eine Telefonnummer aus Washington D.C. angegeben, wo er seit seiner Emigration aus Äthiopien in den Siebzigern als selbständiger Taxifahrer arbeitet. Ich habe ihn angerufen und gefragt, ob er Interesse an Reissues und Konzerten habe. Das war 2012. Seitdem haben wir drei Wiederveröffentlichungen herausgebracht und ein Album mit neuen Stücken veröffentlicht. Daneben gibt es noch eine EP mit Remixes.

Wie viel verdienen ihre Künstler an den Veröffentlichungen?
Ich teile die Gewinne zu je 50 Prozent. Reich wird mit den Veröffentlichungen niemand. Umso toller, dass Hailu inzwischen weltweit Konzerte spielt, was ja heutzutage die viel lukrativere Einnahmequelle ist. Vor kurzem hat Hailu angekündigt, das Taxifahren zugunsten der Musik aufgeben zu können. Im Kofferraum hatte er immer ein Keyboard für spontane Sessions in Pausen oder bei Kundschaftsflaute dabei. Ich selbst kann vom Label nicht ­leben und arbeite hauptberuflich als DJ. Dafür verwende ich übrigens hauptsächlich Kassetten – darunter auch viele der Schätze, die ich in Afrika gefunden habe.

Kulturtheoretisch spannend an der von Ihnen wiederveröffentlichten Musik ist das Hybride, das Globalisierte. Ein Alptraum für völkische Reinheitsfanatiker und für Rassisten, die Afrika als kultur- und geschichtslosen Kontinent imaginieren. Wie blicken Sie auf diese politische Dimension?
Einige der Künstler auf Awesome Tapes from Africa sprengen sicherlich die Grenzen dessen, was als »authentisch« oder als »ursprünglich« gilt – Grenzen, die ja selten von den Musikern selbst, sondern meist von uns, dem beurteilenden Publikum, und der Musikindustrie definiert werden. Nehmen wir Ata Kak. Seine Musik ist absolut ghanaisch, denn die Stücke sind in einer Sprache gesungen, die nur Ghanaer sprechen, und auch harmonisch bedient er sich stark bei der ghanaischen Popmusik. Zugleich geht Ata Kaks Musik weit über das Ghanaische hinaus.

Man könnte also sagen, ihre Künstler changieren zwischen Lokalem und Transnationalem?
Genau, und die Gewichtung kann sich sogar innerhalb eines Albums ändern. So zum Beispiel bei Aby Ngana Diop, einer senegalesischen Tassou-Sängerin. Tassou ist ein Genre, das fast schon wie Rap klingenden Gesang mit aggressiven Drums verbindet und im Senegal sehr verbreitet ist. Aby Ngana Diop war eine der ersten, die Tassou kommerziell aufgenommen hat – und in jedem Fall die erste Frau. 2014 habe ich ihr Album »Liital« wiederveröffentlicht, das ursprünglich 1994 auf Kassette erschienen war. Auf »Liital« startet Aby mit einer Art Drum’n’Bass-Stück, den Rest würde ich aber eher als traditionell bezeichnen.

Das heißt, Sie würden da gar nicht so stark verallgemeinern?
Alle meine Künstler sind für sich einzigartig und komplex. Und diejenigen mit längeren Karrieren hatten auch verschiedene Werkphasen. Über die von Ihnen genannten kulturtheoretischen Fragen denke ich, ehrlich gesagt, gar nicht so viel nach. Mir geht es vor allem darum, dass die Musik gut ist und dass sie etablierte Hörgewohnheiten auf interessante Art in Frage stellt, dass ein Album eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort auf spannende Weise reflektiert und dass mein Programm die Diversität Afrikas, seiner Länder, Städte, Sprachen und Musikstile abbildet. Kultur bedeutet für mich vor allem Wandel, das war auch schon vor dem Internet so, als die meisten der von mir wiederveröffentlichten Alben zum ersten Mal erschienen. Inzwischen gibt es auch andere Labels, die sich auf Wiederveröffentlichungen älterer, unbekannter Musik aus der gesamten Welt spezialisiert haben. Trotzdem habe ich das Gefühl: Würde ich meine Kassetten nicht veröffentlichen, dann ginge sehr viel wunderbare Musik verloren.