Zur Geschichte der Angst vor dem Atomkrieg

Apokalypse für Anfänger

Die Angst vor der atomaren Zerstörung ist nicht neu. Auch apokalyptisches Denken will gelernt sein und weist bestimmte Konjunkturen auf.

Der Philosoph und Schriftsteller Günther Anders beschrieb 1956 in seiner Zeitdiagnose »Die Antiquiertheit des Menschen« im Zusammenhang mit der Atombombe das Phänomen der »Apokalypseblindheit«. Anders war ­einer der ersten, die eine philosophische Deutung der »atomaren Situation« versuchten, in die die Welt 1945 eingetreten war. Die Nachricht von den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki mit den Codenamen Little Boy und Fat Man und ihren Folgen, hatte den Mensch an die Grenzen seines Denkens, Fühlens und Vorstellens gebracht. Das Wissen, dass eine Selbstauslöschung der Menschheit, in den Jahren der Blockkonfrontation möglich geworden war, gab Anlass dazu, über die »Grenzen des Menschen« zu philosophieren.

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Der Bau der Atombombe stellte für Anders den Endpunkt der industriellen und technisierten Moderne dar. Sie war geprägt durch ein Gefälle zwischen den menschlichen Kapazitäten etwas herzustellen, und der Fähigkeit, sich das von Menschen Produzierte vorzustellen. Anders nannte es das »prometheische Gefälle«. Darin sei das Mittel-Zweck-Prinzip des Herstellens außer Kraft gesetzt. Der geringste Effekt der Atombombe sei größer, so schreibt er, als »jeder noch so große von Menschen gesetzte militärische oder politische Zweck«. Während im aufklärerischen Denken wissenschaftlicher, technischer und gesellschaftlicher Fortschritt Hand in Hand gingen und sich somit erst der Glauben an eine fortschreitende Emanzipationsgeschichte durchsetzte, war mit der Bombe die geschichtliche Dimension »mit-explodiert«. In diesem Sinne bezeichnete Roger Behrens die Apokalypseblindheit als »Sehfehler der Aufklärung«.

Den Deutschen war die Dimension von Hiroshima zunächst nicht ins Bewusstsein gedrungen. Man hatte mit dem Wiederaufbau und der eigenen »Stunde null« zu tun – und die wurde nicht menschheitlich, sondern im Täterkollektiv gedacht. Erst als Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) die nukleare Bewaffnung der Bundeswehr unter Kontrolle der Nato plante, entstand mit einer unter anderem von der SPD initiierten Kampagne eine Massenbewegung mit dem existentialistisch anmutenden Namen »Kampf dem Atomtod«, nicht nur, aber auch weil mit der Westanbindung die Möglichkeit der deutschen Wiedervereinigung auf dem Spiel stand. Die von Anders auch als Er­klärung für die Vernichtungslager verwendete These vom »prometheischen ­Gefälle« sollte in Deutschland zur Schuldabwehr vereinnahmt werden.

Anders charakterisierte die Bombe als »Ding gewordene Erpressung.« Das in ihr aufbewahrte Wissen war ein ­integraler Teil der menschlichen Welt geworden. Die Gefahr geht gegenwärtig auch von dem zirkulierenden Wissen über Urananreicherung aus, das sich der nötigen Kontrolle entzieht, und von vor sich hingammelnden Nuklearanlagen. Die Waffenarsenale aus der Zeit des Kalten Kriegs wurden zwar verkleinert, aber auch mit großem finanziellen Aufwand modernisiert. Sie stammen aus einer Zeit, in der die Logik der Abschreckung vorherrschte.

Anders hatte diese vehement kritisiert. Dem Existenzphilosophen Karl Jaspers warf er vor, er habe die Frage der atomaren Bedrohung auf das »Zwei-Höllen-Axiom« zugespitzt. Demnach müsse die freie Welt zwischen atomarem Untergang und sowjetischem Totalitarismus entscheiden. Anders lehnte sowohl ein antisowjetisches Denken ab als auch den Glauben vieler Linker, dass Nukleartechnik auf der richtigen Seite des Eisernen Vorhangs menschlicheren Zwecken diene. Inzwischen stellt sich die atomare Situation unübersichtlicher dar. Die von Anders als »totalitär« bezeichnete Vernichtungsdrohung hallt nicht mehr als Echo in einer zweigeteilten Welt, die mehrfach kurz vor dem Atomkrieg stand. Der Iran proklamiert die Vernichtung ­Israels als Voraussetzung der postapokalyptischen Erlösung, einige Staaten im Nahen Osten rüsten nuklear auf, Nordkorea und die USA stehen vor ­einer neuen nuklearen Krise. Immense Gelder sollen in die Entwicklung ­neuer Rüstungstechnologien investiert werden. Nach der Drohung von US-­Präsident Donald Trump den Washingtoner Vertrages über nukleare Mittelstreckensysteme (INF) aufzukündigen, den Nachrüstungsdrohungen des Kremls und den Sicherheitsbekundungen der deutschen Ministerien fühlt man sich an Hochzeiten des Kalten Krieges erinnert.