Was passiert, wenn Islamkritik zur Identitätsfrage wird?

In schlechter Gesellschaft

Der Auftritt der muslimischen Rechtsanwältin Seyran Ateş bei der FPÖ hat für Empörung gesorgt und die Frage aufgeworfen, ob es die mangelnde Solidarität von Linken und Liberalen ist, die Islam­kritikerinnen und -kritiker »nach rechts« treibt. So einfach ist das allerdings nicht.

Darf man mit Rechten reden? Soll man versuchen, ihre Mitläufer einzufangen?

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Gar Schnittmengen finden? Darüber streitet man seit geraumer Zeit in den linken, liberalen und antirassistischen Szenen. Jüngster Anlass war der Vortrag von Seyran Ateş vor der Freiheitlichen Akademie in Wien zum Thema »Der politische Islam und seine Gefahren für Europa«.

Die Rechtsanwältin Ateş kennt man unter anderem als Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin. Sie hat gute Bücher geschrieben wie »Der Islam braucht eine sexuelle Revolution«. Sie beschreibt sich selbst als linksliberale Frauenrechtlerin und lebt seit Jahren unter Polizeischutz, weil sie einen liberalen Islam fordert und den politischen Islam kritisiert.

Die Freiheitliche Akademie in Wien ist eine der rechtsgerichteten Partei FPÖ nahestehende Bildungseinrichtung. Dort finden neben Veranstaltungen zum Islam auch Vorträge mit Titeln wie »Abendland beschützen« statt. Zahl­reiche Wissenschaftlerinnen und ­Wissenschaftler haben sich in den vergangenen 40 Jahren mit der Frage ­beschäftigt, ob es sich bei der FPÖ um eine rechtsextreme Partei handelt. Ihre Antwort ist seit jeher eindeutig: ja. Das ist bei der AfD übrigens nicht so – die nennt die Wissenschaft »rechts­populistisch«.

In Deutschland gilt das Diktum, dass man mit der AfD nicht redet – das meinen nicht nur Linke, das ist auch die offizielle Linie der CDU. Also sollte man wohl noch weniger mit der FPÖ reden. Tatsächlich reden aber Vertreter aller Parteien, auch der Linken, ständig mit Vertretern der AfD – etwa wenn es um Schulsanierungen in Berlin geht. Schließlich stellen die Herrschaften einige Stadträte.

Es geht nicht darum, mit wem man reden darf, sondern zu welchem Zweck und unter welchen Bedingungen man mit solchen Leuten spricht.

Seyran Ateş erwähnt zu Recht in eben jenem Vortrag vor den »Freiheitlichen« den Dialog mit Islamisten, etwa bei den Islamverbänden. Stellte man eine Liste der FPÖ-Positionen auf, wegen derer man diese Partei meiden sollte, dann wären das wohl ihre Ausgrenzung von Menschengruppen, ihre Tendenz zu Verschwörungstheorien, ihr Frauen- und Familienbild und ihre Ablehnung der Homo-Ehe. All diese Positionen finden sich auch bei Islamisten, teilweise deutlich zugespitzt wie etwa bei der Nichtanerkennung freier Partnerwahl.
Gleichwohl erregt es weit weniger die Gemüter, wenn jemand mit dem Imam einer Ditib-Gemeinde redet. Aber dass die anderen genauso schlimm, ja tatsächlich noch schlimmer sind, ist kein gutes Argument, sich mit rechten Parteien einzulassen.

Man muss schon etwas wollen. Und das tut Ateş. Sie berät in ihrem Vortrag die Regierung – und in der sitzt die FPÖ ja nun mal. Ateş will, dass das öster­reichische Islamgesetz geändert wird, damit der liberale Islam eine Chance bekommt.

Das sind ganz konkrete Ziele – und wenn man solche Ziele hat, muss man auch mit den Leuten reden, die sie erreichen können.

Auch die Bedingungen, unter denen Ateş redet, könnten besser nicht sein: Sie wurde eingeladen. Sie darf sagen, was sie will, das Risiko, dass jemand aufsteht und rausgeht, ist bei einer solchen Veranstaltung gering. Sie nutzt die Gelegenheit, ihrem Publikum zu sagen, dass der erstarkende Nationalismus eine ebenso große Gefahr für Europa darstellt wie der politische Islam. Das Dichtmachen der Außengrenzen geißelt sie als Symbolpolitik und wünscht sich echte Teilhabe.

Leider bleibt für Forderungen und Publikumsschelte wenig Zeit – und wenig Charme. Denn gut die Hälfte ­ihrer Vortragszeit widmet sie den Angriffen auf ihre Person wegen eben ­dieses Vortrags. Deshalb hat sie sich auch entschlossen, nicht frei zu sprechen, sondern ein Manuskript vorzu­lesen.

So haben die Zuhörer ausreichend Gelegenheit, immer dann laut zu klatschen, wenn es ihrer Auffassung nach gegen die linke Meinungsdiktatur geht. Ateş’ Kritik an der FPÖ lächeln sie weg – ja vielleicht bemerken die meisten nach all dem, was ihnen in der ersten halben Stunde des Vortrags gefallen haben dürfte, gar nicht mehr, dass Ateş sie recht deutlich kritisiert in zu langen verhaspelten Sätzen, die sie vom Blatt liest.

Das ist nicht einfach nur ärgerlich. Es verweist auf ein Problem, das ein Großteil der sogenannten Islamkritiker hat. Die Islamkritik ist ihnen zur Identität geworden.

Es ist kaum wahrscheinlich, dass Seyran Ateş nun für ein neues Islamgesetz in Österreich kämpfen will und die Einladung der FPÖ als willkommenen Anlass dafür genommen hat. Es war vermutlich umgekehrt: Erst nach der Einladung hat sie darüber nachgedacht, was sie ihnen mitgeben kann. Wäre das Teil einer durchdachten politischen Strategie, würde sie kaum den Drang verspüren, sich eine halbe Stunde lang zu rechtfertigen. Sie hätte es mit zwei Sätzen abgetan: »Ich rede hier zu Ihnen, obwohl wir große Differenzen haben.

Ich tue es, weil … « Fertig. So täte es wohl eine Sahra Wagenknecht, wenn sie sich entschlösse, mit Rechten zu reden.

Aber Islamkritiker sind keine Politikerinnen. Viele von ihnen sind prominent geworden, weil sie eine Biographie mit dem Islam haben und ­darüber geschrieben ­haben. Damit waren sie für die konservativen ­Islamverbände Nest­beschmutzer, für die radikalen Muslime Abtrünnige, die den Tod verdienen.

Sie leben zumeist unter Polizeischutz. Aber nicht nur die Polizei folgt ihnen, auch die deutsche Öffentlichkeit überwacht ihre Schritte. Denn das Thema, über das sie reden, ist auch für viele Deutsche identitätsbestimmend geworden. Sag mir, was du vom Kopftuch hältst, und ich sage dir, ob du zu meiner Ingroup gehörst.

Muslime und Ex-Muslime sind Kronzeugen für die jeweiligen Gruppen. Sogar bei der FPÖ. Auf der anderen Seite ist das nicht anders: Sie brauchen ihre Kübra Gümüşay. Und genauso wenig wie Kübra morgen ihr Kopftuch ablegen könnte, ohne Karriere und Freunde zu riskieren, können die Islamkriti­kerinnen morgen eines anlegen.

Bei den Rechten ist das bemerkenswert: Nationalistische Parteien, die vormals vor allem für mehr blonde Kinder eintraten, hofieren »ihre« Muslime – oder meist Ex-Muslime.

Das wirkt zuweilen grotesk, wenn etwa Akif Pirinçci oder das AfD-Mitglied Leyla Bilge, Organisatorin des »Frauenmarschs« im Februar in Berlin, ein Podium erhalten, um ihren Hass auf Ausländer herauszuschreien und ihnen Deutschland-Fahnen schwingende Spießbürger zujubeln. Die beiden »Deutschtürken« sind zweifellos Stars bei Pegida und AfD. Das hat bei aller Unappetitlichkeit auch eine erfreuliche Seite: Offenbar sieht auch der Pegida- und AfD-Anhänger sich selbst ­ungern als Rassist.

Man muss nun allerdings kaum eine massenhafte Abwanderung von Islamkritikern nach rechts befürchten, bloß weil ihnen dort eine attraktive Rolle ­geboten wird. Die Menschen bleiben sich in ihren Meinungen meist selbst treu. Pirinçci etwa hat schon vor seinen ausländerfeindlichen Einlassungen sein frauenverachtendes Weltbild auf der »Achse des Guten« veröffentlichen dürfen.

Allerdings hat die Frontstellung von Antirassisten und Antiislamisten manchen in die politische Heimatlosigkeit getrieben – nicht nur professionelle ­Islamismuskritiker. Es ist absurd, im Kopftuch ein feministisches Symbol zu sehen oder zu glauben, das Aufwachsen in frauenverachtenden Gesellschaften habe keinerlei Einfluss auf das ­Verhalten gegenüber Frauen.

Aber noch viel absurder ist es, diejenigen als ­Rassisten zu beschimpfen, die das Offensichtliche aussprechen.

Es gibt tatsächlich Menschen, die so etwas erlebt haben und deshalb bei den Rechten neue Freunde gefunden haben, obwohl sie ein gänzlich anderes Weltbild in allen Fragen außer der des politischen Islams haben. Ihnen muss man klarmachen, dass man den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben kann.

In Michel Houellebecqs Roman ­»Unterwerfung« gibt es die Figur eines ehemals Identitären, der zum Islam konvertiert und Funktionär bei den Muslimbrüdern wird. Diese Wandlung kann Houellebecq durchaus plausibel erklären.

Es wird Zeit, auch politisch aufzuzeigen, wie sich rechte und islamistische Ideologien gleichen. Das sollte man besser machen, als Seyran Ateş es versucht hat. Dafür allerdings muss man aufhören, das Kopftuch und den Islam für die wichtigsten politischen Fragen zu halten. Sie sind wichtig, aber nur als Teil eines Gesamtbildes, der Gesellschaft, die man sich wünscht.