Kolumne »Lahme Literaten« - Folge 1

Martin Mosebach

Kolumne Von

In seinem Essay »Was bedeutet ›Konformismus‹ in der Lite­ratur heute?« bestimmt Arno Schmidt den Konformismus im Gegensatz zur Uniformität als Symptom nicht einer to­talitären, sondern einer zerfallenden bürgerlichen Gesellschaft. Uniformität ist das ästhetische Pendant zum allgegenwärtigen, noch die zarteste Regung durch Verordnung kontrollierenden Staat; Konformismus Ausdruck der Konvergenz von Liberalität und Unfreiheit. Die Uniformität ersetzt die Wahrheit durch das Dogma; der Konformismus hat sie abgeschafft und lebt von der Verwertung ihrer Reste. Deshalb ist es kein Widerspruch, wenn Konformisten mit den letzten Dingen hausieren gehen und ihr schales Formbewusstsein als Gegengift zum alleszersetzenden Relativismus ausgeben. In der Beschwörung von Kunst als Zuchtanstalt, die dem Sinn von Kunst schon widersprach, als es noch Gründe für den Glauben an die Einheit des Guten, Schönen und Wahren gab, ist die Beliebigkeit der Werte vorausgesetzt: Hauptsache, die Kunst hat es mit der Wahrheit zu schaffen, mit welcher, ist egal.

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Als exponierter Vertreter dieser Haltung, die so verkniffen ist wie das Wort Haltung selbst, kann Martin Mosebach gelten. Die Gründe, aus denen aufgeklärte Leser ihn (wenn sie ihn kennen) nicht mögen, sind die einzigen, die für ihn sprechen: Dass er sich als Reaktionär bezeichnet, berechtigt zu dem Verdacht, dass er über die Gegenwart nachdenkt, statt ihr nur zu gehorchen; mit der Deutung des Nationalsozialismus als Jakobinismus in seiner Rede zur Verleihung des Büchnerpreises 2007 hat er mehr zu dessen Verständnis beigetragen als linke Faschismustheorien; und seine Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil weist ihn als orthodoxen Katholiken, also potentiell sympathischen Menschen aus. Die behördliche Stehkragenprosa aber, mit der Mosebach seine Ansichten literarisch zu umhegen pflegt, überführt alles geistig Abweichende ins ästhetische Mitläufertum. Aus der Diagnose, der Mangel an künstlerischem Takt sei Symptom moralischer Verkommenheit (»Häresie der Formlosigkeit«) zieht er die Konsequenz, jegliche sprachbotanisch korrekt durchharkte Prosa sei Beweis ästhetischer Moral. Und aus der Erkenntnis, dass fast alles, was Zeitgenossen für spannend halten, bieder ist, folgert er, avancierte Literaten müssten wie von gestern klingen. Dabei kommen Bücher heraus, die wirken, als hätte Florian Illies nach den Regeln Gustav Freytags einen Nachkriegsroman im Stil von Siegfried Lenz geschrieben (»Das Bett«, 1983); als hätte Paul Heyse beide Weltkriege überlebt und sähe sich nun genötigt, seinen Realismusbegriff aufzupolieren (»Westend«, 1992); oder als hätten Bernhard Schlink und Edward Said sich gemeinsam an einer Romanphantasie über das Osmanische Reich versucht (»Die Türkin«, 1999). Jeder erotische Tagtraum klingt wie eine Landschaftsbeschreibung von Löns, jede Milieustudie wie ein Rendezvous zwischen Treitschke und Sarrazin, nur die Dialoge sind in ihrer Ödnis, die nicht einmal Langeweile, sondern nur Verdruss aufkommen lässt, genuine Produkte der Gegenwart. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nennt sowas »urwüchsige Erzählfreude«. In Wahrheit ist Mosebach der Beweis dafür, dass Rückschrittlichkeit und Mittelmaß sich literarisch nicht vertragen. Baudelaire war reaktionärer als die Gegenrevolution; sein ästhetisches Bewusstsein aber wies ihn als Zeitgenossen aus. Reaktionäre hingegen, die schreiben wie anno dazumal, bleiben hinter der ­Gegenwart zurück. Für solch falsche Versöhnung von Reaktion und Mediokrität werden Mosebachs Bücher geliebt.