Die Katholische Kirche schafft es nicht, die Fälle sexuellen Missbrauchs aufzuarbeiten

Beten für die Missbrauchsopfer

Die katholische Kirche tut sich bei der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche weiterhin schwer.

Der Fall des australischen Kurienkardinals George Pell ist bezeichnend dafür, wie sich die katholische Kirche die Aufarbeitung und Bekämpfung sexueller Gewalt vorstellt. Just zwei Tage nach Abschluss der Vatikan-Konferenz zum »Schutz von Minderjährigen in der Kirche« vom 21. bis 24. Februar wurde bekannt, dass Pell bereits im Dezember von einem Geschworenengericht des sexuellen Missbrauchs schuldig befunden worden war. In den neunziger Jahren soll sich der damalige Erzbischof von Melbourne an zwei 13jährigen Jungen vergangen haben. Das Urteil wurde erst vergangene Woche öffentlich gemacht, um den Ausgang eines weiteren, nunmehr eingestellten Ermittlungsverfahrens wegen Missbrauchsvorwürfen, die in Pells erste Amtsjahre als Priester in den siebziger Jahren zurückreichen, nicht zu beeinflussen. In einer ersten Stellungnahme hieß es aus dem Vatikan, Pell bleibe bis auf weiteres aller Ämter enthoben. Da der Kardinal jedoch seine Unschuld beteuere, verlange es der Respekt vor den Rechten des Angeklagten, das Urteil in letzter Instanz abzuwarten. Man bete derweil für alle Missbrauchsopfer. Diese Reaktion spiegelt die Haltung wider, die im Februar auf dem »Antimissbrauchsgipfel« in Rom unter den Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen weltweit sowie Vertretern der katholischen Ostkirchen und Ordensgemeinden vorherrschte.

Zu dem neunköpfigen engsten päpstlichen Beraterkreis gehörte außerdem Kardinal Francisco Errázuriz, dessen Name in den Ermittlungsverfahren zu den chilenischen Missbrauchsfällen auftaucht. Er wurde inzwischen aus Altersgründen aus dem Gremium verabschiedet. Auch Kardinal Luis Ladaria, der als Präfekt der Glaubenskongregation von Amts wegen für die Aufklärung der Sexualverbrechen zuständig ist, wird in Medienberichten beschuldigt, der Vertuschung Vorschub geleistet zu haben.

Nachdem im vergangenen Jahr bekannt geworden war, dass die Staatsanwaltschaften in Chile und im US-Bundesstaat Pennsylvania gegen Hunderte katholische Amtsträger wegen sexueller Gewalt und der Vertuschung solcher Straftaten ermitteln, sah sich Papst Franziskus genötigt, eine außerordentliche Konferenz der ranghohen Kirchenvertreter einzuberufen und wegen der »fortgesetzten Plage des sexuellen Missbrauchs durch Männer der Kirche« über »konkrete und wirksame« Gegenmaßnahmen beraten zu lassen.

Anzeige

Die Hoffnungen, dass es nicht länger bei hehren Absichtserklärungen bleiben würde, sondern endlich die seit Jahren propagierte »Null-Toleranz-Politik« eingeleitet würde, wurden durch die Auftaktrede des Papstes weiter genährt.

Seit Jorge Bergoglio im März 2013 als Papst Franziskus sein Amt antrat, wurden nach Angaben der Glaubenskongregation, der zentralen vatikanischen Einrichtung zur Wahrung und Förderung der katholischen Glaubens- und Sittenlehre, mehr als 2 000 Missbrauchsvorwürfe gegen Priester offiziell als »Verstöße gegen das Gebot der sexuellen Enthaltsamkeit zum Nachteil von Minderjährigen« untersucht. Die Zahl der Täter, die von der kirchlichen Gerichtsbarkeit ihres Priesteramts enthoben werden, unterliegt dagegen der päpstlichen Geheimhaltung. Entlassungen aus dem Klerikerstand wegen »sexueller Verführung«, wie im Fall des ehemaligen Washingtoner Erzbischofs Theodore McCarrick Anfang des Jahres, werden deshalb nur bei hochrangigen Geistlichen publik.

Die Hoffnungen der internationalen Betroffeneninitiative Ending Clerical Abuse (ECA), die vor den Mauern des Vatikan gegen die klerikale Vertuschungspolitik demonstrierte und eine Verpflichtung zur Kooperation mit zivilen Strafrechtsbehörden forderte, wurden jedoch einmal mehr enttäuscht. In seiner Abschlusserklärung verzichtete Papst Franziskus auf konkrete Anweisungen zur Einrichtung transparenter kirchlicher Untersuchungsverfahren, eher bat er um Nachsicht dafür, dass auch die »gottgeweihte Person« des Priesters ihrer menschlichen Schwäche erliegen und zu einem »Werkzeug Satans« werden könne.

Seine eigene Amtsführung zeugt von dieser Nachsicht, schließlich hat er gleich mehrere als Täter oder Vertuscher bekannte Kirchenmänner zu seinen engsten Vertrauten erwählt: Vorwürfe gegen Pell, wegen Missbrauchs und der Vertuschung der Taten anderer, waren bekannt, als ihn Franziskus 2013 in den päpstlichen Kardinalrat berief und 2014 zum Präfekten des eigens geschaffenen Wirtschaftssekretariats der römischen Kurie ernannte. Pell war damit zum drittmächtigsten Mann der Katholischen Kirche aufgestiegen.

Zu dem neunköpfigen engsten päpstlichen Beraterkreis gehörte außerdem Kardinal Francisco Errázuriz, dessen Name in den Ermittlungsverfahren zu den chilenischen Missbrauchsfällen auftaucht. Er wurde inzwischen aus Altersgründen aus dem Gremium verabschiedet. Auch Kardinal Luis Ladaria, der als Präfekt der Glaubenskongregation von Amts wegen für die Aufklärung der Sexualverbrechen zuständig ist, wird in Medienberichten beschuldigt, der Vertuschung Vorschub geleistet zu haben.

Doch anders als von Papst Franziskus in seiner Abschlussansprache an die Vorsitzenden der Bischofskonferenz behauptet, sind es längst nicht mehr nur die Medien, die die Missbrauchsfälle skandalisieren. Instrumentalisiert werden die Fälle sexuellen Missbrauchs immer häufiger von den kircheninternen traditionalistischen Gegnern des Papstes, die seine Kritik an der herrschenden Wirtschaftsform, seine Öffnung zur Ökumene, vor allem aber seine Schrift »Amoris Laetitia« (Freude der Liebe) zur Ehe- und Familienseelsorge ablehnen. Zu der papstkritischen Fraktion gehören die konservativen, der Lebensschutzbewegung und rechtspopulistischen Gruppen nahestehenden Kardinäle Walter Brandmüller und Raymond Burke sowie der ehemalige Leiter der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller. Sie unterstützten vor der Vatikankonferenz eine Demonstration in der römischen Innenstadt, auf der »das Problem der Homosexualität« für die Krise der katholischen Kirche verantwortlich gemacht wurde. In einem offenen Brief, der von katholisch-reaktionären Internetplattformen verbreitet wurde, forderten die Kardinäle Brandmüller und Burke die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen auf, das Schweigen über das homo­sexuelle Netzwerk des Vatikans zu brechen, weil nicht der Klerikalismus, sondern die »Leugnung des göttlichen und natürlichen Gesetzes« der Kirchen- und Familienordnung die Wurzel allen Übels sei.

Schon mit den ersten »Vatileaks«-Enthüllungen war das Gerücht von einer sogenannten gay lobby im Vatikan gestreut worden. Erzkonservative Kardinäle nutzen es für ihre eigenen machtpolitischen Ziele. Indem sie Homo­sexualität mit Kindesmissbrauch gleichsetzen, wird der Vorwurf, der Papst verschleppe oder vertusche die Aufklärung kirchlicher Missbrauchsfälle, zur Propagandalosung, auf die sich verschiedene reaktionäre und homophobe katholische Gruppen verständigen können.

Allerdings geht es in dem Machtkampf innerhalb der Kurie nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Progressiven, wie es diejenigen glauben machen wollen, die Franziskus als sozialpolitischen Heilsbringer bewundern. Von der Abschaffung des Zölibats und einer grundlegenden Reform der kirchlichen Sexualmoral und Geschlechterordnung wollen beide Seiten im Vatikan nichts wissen.

Nachdem auf der Kon­ferenz im Vatikan auch drei Frauen hatten sprechen dürfen, versicherte der Papst den versammelten Kirchenmännern, es gehe nicht darum, einen »kirchlichen Feminismus« zu fördern und Frauen mehr Funktionen in der Kirche zuzugestehen, vielmehr müsse die Kirche selbst Frau werden, sich als »Braut« und »Mutter« verstehen.