Lahme Literaten - Folge 7

Bernhard Schlink

Kolumne Von

Hanna Schmitz ist fast noch bekannter als Bernhard Schlink. Die burschikose, aber empfindsame Wärte­rin eines Außenlagers von Auschwitz, die Häftlinge begünstigte, wenn diese ihr als Vorleser zur Verfügung standen, und im Grunde nur aus Scham wegen ihres Analphabetismus beim Massenmord an den europäischen Juden mitmischte, ist die populärste Figur des schriftstellernden Juristen, der sich 1981 mit einer Arbeit über »Gewaltenteilung in der Verwaltung« habilitierte und sich danach mit einem Freund, dem Rechtsanwalt Walter Popp, durch Kriminalromane über die Fälle des Privatdetektivs Gerhard Selb einen Namen machte. Erst 1995, acht Jahre nach seinem Krimidebüt und sechs Jahre nach dem Mauerfall, sah Schlink die Zeit für seinen genozidalen Pageturner gekommen, dessen Protagonistin nach Beteiligung an Holocaust und Wiederaufbau noch über genügend Restlibido verfügt, um den weitaus jüngeren Ich-Erzähler, dessen erste Liebhaberin sie ist, nach der wöchentlichen Kernseifenwaschung erschöpfend und moralisch einwandfrei zu befriedigen. Sadistische Gutmütigkeit, sentimentale Herzenskälte, viehischer Anstand und bodenständige Sexualhygiene des Romans wie seiner Heldin sicherten diesem einen Spitzenplatz auf den Leselisten von Oberstufenklassen, VHS-Kursen und DaF-Seminaren. Effizient bei der Beihilfe zum Massenmord, aber im Einzelfall kulant, lebenslustig anpackend bei der Juden- wie der Trümmerbeseitigung und mit einem Herz für Unterprivilegierte, avancierte Schlinks von Ableismus betroffene Selbst-ist-die-Frau, die sich vom Goebbels- zum Primo-Levi-Fan mausert, zum Idol einer Generation aufarbeitungs­geschädigter Sozialkundelehrer, die Schlink fast noch mutiger fanden als Gudrun Pausewang.

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Die kollektive Hirnwaschanlage, als die »Der Vorleser« seither fungiert, hat in Vergessenheit geraten lassen, dass Schlink Pausewang nicht nur in puncto Demagogie und Perfidie, sondern auch in literarischer Unfähigkeit übertrifft. Schon seine Krimis, die mit dem Namen ihres Helden Wortspiele im gedimmten Werbe-Jingle-Format betreiben (»Selbs Justiz«, 1987; »Selbs Betrug«, 1992; »Selbs Mord«, 2001), lassen die Boden­losigkeit seines Flachsinns erahnen. Unverstellt deutlich wird sie in seinem Spätwerk, das die erotisch-moralischen Verstrickungen seiner Figuren mit der Subtilität einer reibungslos arbeitenden Phrasendreschmaschine erkundet. Wie Ingrid Noll die ausweglose Folgerichtigkeit von Patricia Highsmith in die Malen-nach-Zahlen-Idiotie einer ehrenamtlichen Gesangbuchvertreterin übersetzt, betätigt sich Schlink als ein Friedrich Dürrenmatt für Deutschfühler, der aus seinen müßigen mora­lischen Hin- und-Her-Erwägungen die immer gleichen, tumb-autoritären Konsequenzen zieht: Logos schadet Eros (»Liebesfluchten«, 2000), Herkunft sticht Zukunft (»Die Heimkehr«, 2006), und Sex macht tot (»Die Frau auf der Treppe«, 2014). In der Titelfigur seines neuen Romans »Olga«, einer durch den Schicksalsschlag der Ertaubung minderheitensensibilisierten Lehrerin von preußischer Herzensbildung, ersteht Hanna Schmitz als unvorbelastete Frauenrechtlerin wieder auf, womit Schlink auf Höhe der Gegenwart zu seinen Anfängen zurückkehrt. In einem Gespräch mit der Welt hat er einmal kulturkritisch angemerkt: »Wenn deutsche Bücher unterhaltsam sind, unterfordern sie den Leser oft. Und wenn sie Niveau haben, kommt leicht die Unterhaltung zu kurz.« Wer daraus im Umkehrschluss folgert, sein ödes Geschreibsel sei ein Symptom von Geist, der ist ein Schlink-Leser von Schlinks Gnaden.