»Border« von Ali Abbasi

Troll beim Zoll

Der schwedische Film »Border« ist ein berührendes Fantasy-Drama und zugleich ein hintersinniger Kommentar zu den Identitätsdebatten der Gegenwart.

»Nicht den Troll füttern!« lautet ein weiser Rat zum Umgang mit provokanten Kommentarschreibern im Netz. Pointiert zusammengefasst könnte man Trolle so beschreiben: Sie sind plump, reine Störenfriede, sie gefährden soziale Zusammenhänge und sind unfähig zur Kommunikation. Dass es aber auch Trolle gibt, die Emotionen und Bedürfnisse haben, sich nach Nähe sehnen, zweifelnd und unsicher sein können und für all das stehen, was gemeinhin als menschlich gilt, bleibt meist unbeachtet. Der Film »Border« spinnt aus dieser Thematik ein feines Fantasy-Drama. Berührend wird an einem weiblichen Troll gezeigt, wie sehr die Fragen nach persönlicher Identität und Selbstfindung eine Person zerreißen können.

Der Film zeigt, wie sehr die Frage nach Identität und Selbtfindung eine Person zerreißen kann.

Die Hauptfigur Tina kann Verbrechen erriechen. Wenn jemand Angst hat, sich schämt oder Lust auf Gewalt verspürt, dann wittert die Schwedin das. Diese erstaunliche Fähigkeit prädestiniert die 40jährige für ihren Beruf als Zollbeamtin, in dem sie am südschwedischen Grenzübergang zu Dänemark nach Schmugglern fahndet. Das macht ihr keine große Mühe: Passiert sie jemand mit unerlaubter Ware oder zu hoher Menge an Alkohol oder Tabakprodukten, schlägt ihr Geruchssinn an. Als die Polizei auf ihre besondere Eigenschaft aufmerksam wird, zieht sie Tina hinzu, um einen Pädophilenring zu zerschlagen. Beruflich läuft es also gut für Tina. Privat aber ist sie unglücklich. Ihr Lebensgefährte kümmert sich lieber um seine Kampfhunde, mit denen er auf Tierschauen nach Preisen jagt, und Freunde scheint Tina nicht zu haben. Frei fühlt sie sich nur im Wald, der ihr Haus umgibt. Dann läuft sie barfuß los, umarmt einen Baum nach dem anderen und erfreut sich daran, dass Tiere von ihr magisch angezogen zu sein scheinen.

Tina

Liebe auf den ersten Blick: Vore und Tina lernen sich bei der Zollkontrolle kennen.

Bild:
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Nur allmählich beschleicht den Zuschauer das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmen kann. Und erst als sich Tina selbst sicher ist, wird auch dem Betrachter klar: Sie gehört zu den Trollen. Das sind mythische Wesen, die der nordischen Sagenwelt entstammen. Mal sind sie besonders gewalttätig, mal eher geheimnisumwitterte, launische und grobschlächtige Waldbewohner. Mitunter schreibt man den Wesen zu, Menschenkinder zu stehlen und dafür ihre eigenen – Wechselbalg genannt – als Kuckuckskinder unterzuschieben. Im Film sind die Trolle als Untiere besonders durch »Herr der Ringe« und »Der kleine Hobbit« bekannt geworden. Sie erscheinen als brutale Tollpatsche, die sich aber mit List hinhalten lassen, bis die ersten Sonnenstrahlen sie in Stein verwandeln. In Erinnerung geblieben ist der erbitterter Kampf der Gefährten in den Minen von Moria, wo sie einen meterhohen Fleischkoloss bezwingen müssen. Nicht viel besser kommen die Fabelwesen in der zweiteiligen Horrorkomödie »Troll« weg, wo eines von ihnen seine Nachbarn unter anderem mit einer gefräßigen Pflanze terrorisiert.

»Border« schlägt einen ganz anderen Weg ein. Auf eine seltsam einfühlsame Weise geht Regisseur Ali Abbasi mit dem Thema um. Der ­dänische Regisseur hat bereits mit seinen früheren Filmen Grenzgänge vollführt und sich Außenseitern ­gewidmet. Der Kurzfilm »M for Markus« (2011) inszeniert die sexuelle Beziehung zwischen einer Polizistin und einem jungen Serienmörder in einer surrealen Traumwelt. Leihmutterschaft thematisiert »Shelley« (2016): Ein seltsames Paar in einer einsamen Hütte will nichts lieber als ein Kind haben. Sie engagieren eine Leihmutter, doch allmählich entwickelt sich die Schwangerschaft zum Horrortrip. Um Kinder geht es schlussendlich auch in »Border«. Mehr darüber zu verraten, würde allerdings zu viel vom Ende vorwegnehmen. Nur so viel: Der Film greift auf interessante Weise die Wechselbalglegende auf.

Tinas langsamer Erkenntnisprozess offenbart sich dem Zuschauer ebenfalls nur in Nuancen. Klar, es sieht grobmotorisch aus, wie sie sich in der ersten Einstellung am Hafenkai zu einer Grille herunterbeugt. Ungelenk sind die Bewegungen ihres kräftig scheinenden Körpers. Eher hart scheinen ihre Gesichtszüge, etwas starr und stumpf ihre Mimik. Wenn sie dann an der Zollkontrolle steht, wirkt sie zombiehaft. Aber warum nicht, in der alltäglichen Arbeitswelt sind doch ohnehin alle nur entfremdet wie Zombies. Tina wittert Alkoholschmuggel, schließlich einen Speicherchip mit Kinder­pornographie. Dass die Hunde ihres Freundes sie permanent beknurren, sich ihr dafür aber ein zutraulicher Fuchs im Wald nähert, mehrt die Verwunderung über Tina. Dazu isst sie viel Fleisch und kippt Protein­shakes in sich hinein. Ihr mittlerweile dementer Vater erklärte ihre Andersartigkeit mit einer Chromosomenveränderung. Die Narbe am Steißbein habe sie bei einem Unfall in früher Kindheit erhalten, das zerfurchte Gewebe an der Schläfe stamme von einem Blitz. Das klingt alles merkwürdig, und so kommen weder Tina noch der Zuschauer der Sache auf die Spur.

Tina wird erst stutzig, als sie auf jemanden trifft, der ist wie sie. Mit dem Namen Vore stellt sich die Person beim ersten zufälligen Kontakt an der Zollkontrolle vor. Tina ist verwirrt und fasziniert. Ihre Begegnungen häufen sich, schließlich folgen auch Berührungen. Plötzlich erwacht Tinas Mimik zum Leben, ihre Augen strahlen, ihr Gesicht gewinnt an Wärme. Mitreißend schafft es Schauspielerin Eva Melander, dieses Erkennen des Eigenen im Anderen darzustellen, das dann in Verliebtheit mündet. Wenn das Trollpaar gemeinsam Pilze sucht, durch den Wald hüpft und im Regen tanzt, ist das von einer herzzerreißenden Unbekümmertheit. Beim Zuschauen spürt man Tinas Befreiung und Selbstfindung. Man sieht Szenen, die aus Filmen wie »Die blaue Lagune« stammen könnten. Nur sind die Körper, die man in »Border« zu sehen bekommt, keine Model-Körper. Das allein ist schon eine Stärke des Films. Hinzu kommen die großartigen Natur­aufnahmen.

Wenn Tina erkennt, wer sie ist, hinterfragt sie zugleich die Normalität, die sie bis dahin kannte.

Der Film kann auch als hintersinniger Kommentar zum Begriff des »Othering« verstanden werden, der das Abgrenzen von als anders An­gesehenen bezeichnet. Wenn Tina erkennt, wer sie ist, hinterfragt sie damit gleichzeitig die Normalität, die sie bis dahin kennengelernt hat. »Das macht man nicht«, erklärt sie beispielsweise, als Vore Insekten­larven isst, »das ist eklig.« »Sagt wer?« antworter er. »Sagen alle … « Für Trolle aber ist diese Nahrung normal, da bildet Tinas Verhalten die Ausnahme.

Der Filmtitel – auf Schwedisch »Gräns«, übersetzt »Grenze« – erweist sich als doppeldeutig. Es geht um die Grenze zwischen Mensch und Tier – hier Troll statt Tier – und den Umgang der Menschen mit der ­Natur. Denn die Trolle, vernunftbegabte Wesen, wurden im Film durch wissenschaftliche Experimente fast ausgerottet. Waisen wie Tina übergab der Staat dann an kinderlose Paare. Neben dieser ethischen Dimension stellt sich zudem die Frage, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht. Bestimmt die ­Biologie, die Herkunft, die Sozialisierung oder das eigene Gewissen, wer wir sind? Auf diese Weise reflektiert »Border« auch die Debatten über Sex und Gender und die verschiedenen Formen des sexuellen ­Begehrens. Vorschnelle Antworten mag der Film nicht geben, statt­dessen spielt er beispielsweise mit den Geschlechterzuschreibungen. Tina ist zwar weiblich, als Troll ist sie aber der penetrierende Sexualpartner. Und der sonst so aggressive Vore gibt den Empfängerpart.

Diese Fragen sind verpackt in einem großartigen Märchen, das auch sehen kann, wer sich diese Fragen nicht stellt. Und solch ein Märchen braucht natürlich eine Moral. Diese fällt simpel aus, ist aber aus dem Trollmund gesprochen vielleicht trotzdem statthaft. Als sich Vore als für humane Begriffe böses Wesen entpuppt, das mit noch böseren Taten Rache an den Menschen nimmt, distanziert sich Tina. »Du willst ein Mensch sein?« fragt er. Sie antwortet: »Ich will niemandem schaden. Ich verstehe nicht, was Grausamkeit bewirken soll.« Gut gesprochen, Troll.

Border (SWE 2018). Buch: Ali Abbasi, Isabella Eklöf, John Ajvide Lindqvist, Regie: Ali ­Abbasi, Darsteller: Eva Melander, Eero Milonoff. Filmstart: 11. April.