George Steiner wird 90

Alleinsein ist Meuterei

Zum 90. Geburtstag von George Steiner, dem bescheidensten aller Weltbürger.

Hermes ist nur deshalb der Name des »führenden Spezialisten für handelsnahe Dienstleistungen«, weil das Wort in der griechischen Mythologie den Gott der Reisenden, Kaufleute und Hirten bezeichnet. Jede Werbung zehrt von Traditionen, die sie der Vergessenheit anheimgibt, indem sie sie beschwört. Zwischen dem Schutzgott des Verkehrs und dem Paketboten liegt die Hermeneutik: Entstanden als Teildisziplin der Theologie, wurde sie im 19. Jahrhundert zur Grundlegung der modernen Philologie. Auch sie hat dafür Sorge zu tragen, dass eine abgeschickte Botschaft ihren Bestimmungsort erreicht. Damit kommen ihr in der profanen Welt ähnliche Aufgaben zu wie Hermes in der Götterwelt. Sie hat mit ihrer schützenden Hand die Reise zu begleiten, die jedes auf Wahrheitserkenntnis gerichtete Wort unternehmen muss, um ans Ziel zu gelangen. Zur Begleitung gehört die Vermittlung, der Austausch zwischen dem, der spricht oder schreibt, und demjenigen, der liest oder hört. Hermeneutik ist die Theorie solcher Vermittlung.

Man kann Steiner nicht nur stundenlang zuhören, sondern liest seine Bücher mit roten Wangen, so wie  Kinder Abenteuerromane verschlingen.

Es ist also nicht einfach Understatement, wenn der Literaturwissenschaftler und Philosoph George Steiner, der als in Paris geborener Sohn österreichischer Juden nach der Emigration aus Frankreich im US-ame­rikanischen Exil aufwuchs, in Großbritannien studierte, Mitte der Fünfziger in die USA zurückging, seit 1974 an der Genfer Universität lehrte und 1994 eine Professur für Komparatistik in Oxford erhielt, 2012 dem Schweizer Fernsehen sagt: »Ich habe in meinem Leben das Glück gehabt, ein Briefträger zu sein.«

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Gemeint ist das nicht nur als Abgrenzung gegenüber Kollegen, die zwischen der Aufgabe der Deutung und dem Anspruch geistiger Selbstschöpfung zu differenzieren verlernt haben. Es spricht auch einen Grundgedanken von Steiners Werk aus: den der Verwandtschaft zwischen Deutung und Übersetzung. Weil diese Verwandtschaft jeden, dessen Geschäft die Hermeneutik ist, dazu verpflichtet, sich einem Publikum zuzuwenden, ist die immense Lesbarkeit von Steiners Büchern weder eine Konzession noch gar ein Mangel. Wohl in keinem anderen Werk haben sich Traditionen der europäischen Philosophie, namentlich des Deutschen Idealismus, des historischen Materialismus und der Phänomenologie, bis in die Sprachgestalt so selbstverständlich mit dem angloamerikanischen Pragmatismus, der freundlichen Hinwendung zum Adressaten, verbunden wie bei Steiner.

Deshalb kann man Steiner nicht nur stundenlang zuhören, sondern liest seine Bücher mit roten Wangen, so wie Kinder Abenteuerromane verschlingen. Immer wieder hat Steiner darauf hingewiesen, dass kein Kanon dem Einzelnen das Urteil darüber abnimmt, welche Bücher bedeutsam und welche belanglos sind. Im erwähnten Gespräch nennt er als Prämissen »ernsten Lesens«, sich angesichts des eigenen Geschmacks nie zu schämen und nie mit Büchern zu »protzen«, sondern die Einsicht, dass »Liebe« auch dem »Schlechten« gelten kann, als Ausgangspunkt des Verstehens zu wählen. Im Unterschied zu zeitgeistig beflisseneren Kollegen hat er daraus nicht die Konsequenz gezogen, vom Shakespeare- zum Harry-Potter-Experten umzusatteln, sondern in der eigenen Arbeit den Kanon gepflegt, dessen Kenntnis ihm solche Kritik ermöglicht hat. Es ist ein Kanon der klassischen Moderne, der an deren Ex­ponenten die Tradition und an deren Vorgängern das Neue akzentuiert. Zugleich dokumentiert er, dass für Steiner jede der Sprachen, die er seit seiner Kindheit beherrscht, als Erstsprache gilt, während Abfeierer der Transdisziplinarität sich freuen, viele Sprachen halb und keine wirklich zu kennen. In seinem 1975 erschienenen Buch »Nach Babel« hat Steiner die Ursprünge seiner Sprach­erfahrung dargestellt: »Ich habe ­keinerlei Erinnerung an eine ›erste‹ Sprache. Soweit ich beurteilen kann, sind mir Englisch, Französisch und Deutsch gleich geläufig. Was ich sonst noch an Sprachen spreche, schreibe oder lese, ist später erworben und bleibt mit einem ›Gefühl‹ der bewussten Aneignung verbunden. Aber ich empfinde die drei Sprachen meiner Kindheit als völlig gleichwertige Zentren meiner selbst.« Der biographisch verbürgte Kosmopolitismus ist der lebenspraktische Vorschein der Einheit des Vielen, bis in Nuancen des sprachlichen Habitus. Im Gespräch redet Steiner druckreifes Deutsch mit sanfter englischer Färbung und gelegentlichen österreichischen Einsprengseln (»a bisserl«).

Wie erst der lebendige Umgang mit einer Sprache erfühlbar macht, worin sie sich von anderen Sprachen unterscheidet und dadurch das Allgemeine vertritt, artikuliert sich Steiners Treue zum Kanon in der Fähigkeit, dessen Geltungskraft auf Gegenwärtiges, auf praktische Erfahrungen des Alltags zu beziehen. Es ist die ­Fähigkeit zur Bescheidenheit: Homer und Sophokles, Shakespeare und Milton, Racine und Montaigne, Cervantes und Calderón, Celan und Mallarmé, Hölderlin, Kafka, Henry James und Flaubert durchziehen Steiners Werk nicht als bildungshuberische Beschwörungen abendländischer Kultur, sondern als literarische Konkretion ganz einfacher, unabweisbarer Fragen. Die ersten Bücher, an denen sich nach frühen, akademischen Arbeiten zu den Gattungen des Romans und der Tragödie Steiners Originalität zeigte, widmen sich der Reflexion der Shoah in den großen Lite­ratursprachen. Insbesondere »Sprache und Schweigen« (1967) und »Extraterritorial« (1971) widersprechen der später zur Konvention gewordenen Phrase von der »Holocaust-Literatur«, indem sie das Verhältnis zwischen den Literatursprachen und dem, was Steiner »das Unmenschliche« nennt, in seinen historischen Tiefenschichten zu fassen suchen. Nicht nur ist seit der Shoah das Verhältnis der Sprache zur Geschichte ein anderes, auch die Menschheitsgeschichte, die sie hervorgebracht hat, stellt sich seither anders dar als zuvor.

Weil die Shoah weniger Thema denn Ausgangspunkt von Steiners Werk ist, lassen sich auch solche ­seiner Bücher, die von dem Gegenstand unberührt scheinen, erst unter jenem Aspekt richtig verstehen. Ihr Erfahrungsgrund ist ein in sich gebrochenes Weltbürgertum, das im Rekurs auf die Zeugnisse abendländischer Kultur die Zäsur gegenwärtig hält, die jene Kultur durchzieht. In »Nach Babel« entwickelt Steiner den Gedanken, dass erst durch die Vielheit und Unvereinbarkeit der Menschheitssprachen hindurch, die mit dem Missverständnis die Übersetzung möglich machen, die zwanglose Einheit des Vielen denkbar wurde, auf die der weltbürgerliche Kulturbegriff im Unterschied zum Kulturalismus zielt. Die Verteidigung des Zusammenhangs von philosophischem und theologischem Wahrheitsbegriff, die Steiner 1989 in »Von realer Gegenwart« gegen den Poststrukturalismus formulierte, wodurch er sich restaurativen Denkens verdächtig machte, ist unverständlich ohne Reflexion auf die Nähe des Nationalsozialismus zu einem Nihilismus, der mit Orthodoxie und Worttreue als Grundlagen jüdischen wie christlichen Denkens zugunsten losge­lassener Willkür aufräumte. Und Steiners 2006 erschienenes Buch »Warum Denken traurig macht« spürt in der Philosophiegeschichte seit der Antike Fragmente jenes unglücklichen Bewusstseins auf, das das bürgerliche Denken erst im Angesicht seiner Kapitulation auf den Begriff brachte.

»Warum Denken traurig macht« ist auch das prägnanteste Beispiel für Steiners Fähigkeit, banal an­mutende Alltagsreflexion und theoretische Einsicht zu verbinden. Indem Schellings Rede von der »allem endlichen Leben anklebenden Traurigkeit« auf die Erfahrung bezogen wird, dass Denken gegenüber den ihm intimsten Gegenständen, den Objekten von Hinwendung und Liebe, sich seiner Grenzen schmerzhafter bewusst ist als gegenüber dem bloß Unbekannten, gibt Steiner der Kontemplation ihren Wirklichkeitsgehalt zurück. Agens solcher Erkenntnisse ist das vereinzelte Ich, das nicht im ständigen Austausch mit anderen, sondern in der Weite und Reflektiertheit der eigenen Erfahrung über sich hinausweist. Deshalb hat Steiner nicht die heroische Einsamkeit, sondern das triviale Alleinsein, das im akademischen Betrieb als »Meuterei« erscheine, zur Voraussetzung des Denkens und Wissenschaftsverwalter und Dekane zu »Todfeinden der Zivilisation« erklärt.

In seinem vielleicht schönsten Buch hat Steiner die Grenzen, die geistiger Arbeit durch die Endlichkeit des Lebens und dessen spezifische Bedingungen gezogen sind, zum Thema gemacht. »Meine ungeschriebenen Bücher«, 2007 erschienen, versammelt Synopsen zu Werken, die Steiner hätte schreiben wollen, ohne dazu gekommen zu sein: genauer Gegensatz zum Genre des Rechenschaftsberichts, mit dem Drittmittelakademiker den fortschreitenden Stand ihrer Verblödung dokumentieren. Steiner, der am kommenden Dienstag 90 Jahre alt wird, hat damit festgehalten, was kaum noch jemand wissen will: dass nur Menschen, die noch viel vor­haben, auch vieles gelingen kann.