Was die Angriffe auf Tanker im Persischen Golf bedeuten

Kontrollierte Eskalation

Die Attacken auf Tanker im Persischen Golf zeigen, dass das iranische Regime nicht mit einem Militärschlag der USA rechnet. Die Angriffe sind vor allem als Botschaft an die Europäische Union gedacht.
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Sind ein unscharfes Schwarzweißvideo von einem mutmaßlichen Schnellboot der Revolutionsgarden und nachgereichte farbige Aufnahmen Beweis genug für die Urheberschaft des Iran an den zweimaligen Angriffen auf Tanker im Persischen Golf – wo doch alle Welt weiß, dass die USA 2003 bei den irakischen Massenvernichtungswaffen gelogen haben? Wer solche Fragen stellt, hat nicht ­verstanden, wie Politik im Nahen Osten inszeniert wird. Und diejenigen, die nun zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen einen Angriff auf Tanker im Persischen Golf befohlen haben, spielen sehr virtuos mit diesen Zweifeln an der Herkunft der Haftminen, Kampftaucher und Schnellboote. Im Nahen Osten wird Politik gern über Bande gespielt, und die derzeitige Krise ist ein exzellentes Beispiel für die Meisterschaft der Pasdaran, der iranischen Revolutionsgarden, in diesem Metier.

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Die neuerlichen Angriffe auf zwei Tanker in der Straße von Hormuz bedeuten eine genau tarierte Eskalation. Von den ersten ­Angriffen im Mai gab es nur unspektakuläre Unterwasserbilder von beschädigten Schiffsrümpfen, vergangene Woche erschienen nun Bilder brennender Tanker mit dichten Rauchwolken.

Dieses Foto des US-Militärs soll zeigen, wie ein iranisches Boot an der Kokuka Courageous eine nicht explodierte Mine entfernt.

Um zu ermessen, was Sinn und Zweck des Ganzen ist, muss man sich die begleitenden Ereignisse ansehen: Die iranische Regierung hat angekündigt, die im Atomabkommen vereinbarte Begrenzung der Urananreicherung zu überschreiten. Der iranische Generalstabschef Mohammad Bagheri sagte, wenn die Islamische Republik Iran den Ölexport durch den Persischen Golf unterbinden wolle, werde sie das offen tun. Derweil schlug Anfang vergangener Woche eine von den Houthis, einer vom Iran unterstützten jemenitischen Miliz, abgeschossene Rakete auf einem saudischen Flughafen ein, und von einer den Revolutionsgarden nahestehenden Nachrichtenagentur wird verbreitet, die Houthis könnten mit ihren Raketen auch Schiffe im Roten Meer sowie in Israel erreichen.

Die Kriseninszenierung ist vor allem eine Botschaft an die EU, die an dem von den USA gekündigten Atomabkommen festhalten will, deren konkrete Angebote für das iranische Regime jedoch unzureichend sind. Für die Islamische Republik drängt die Zeit. Die neuen US-amerikanischen Sanktionen greifen in bisher noch nicht gekannter Weise, das Gebiet des angestrebten iranischen Imperiums zwischen dem Libanon und dem jemenitischen Hochland leidet an finanzieller Auszehrung. Also droht man den nervenschwachen Europäern mit einer Eskalation, um weitere Zugeständnisse zu ­erwirken.

Revolutionsgardist Amir Ali Hajizadeh präsentiert die Wrackteile einer US-Drohne, die das iranische Militär Mitte Juni abgeschossen hat.

Das Unternehmen ist extrem risikoreich, schließlich kann bei solchen verdeckten Aktionen immer etwas schiefgehen, aber der Zeitpunkt ist nicht ungünstig für den Iran. Die USA schicken weitere 1.000 Soldaten an den Golf, aber das ist nur ein deutliches Zeichen, dass man einem ernsthaften militärischen Konflikt mit dem Iran aus dem Weg gehen will. US-Präsident Donald Trump geht der Wahlkampfzeit entgegen und ein Krieg im Nahen Osten wäre extrem unpopulär. Ideal wäre hingegen ein Einknicken des iranischen ­Regimes, mit dem er dann ein neues Abkommen schließen könnte. Aber dieses wird er so nicht bekommen, auch das ist eine Botschaft der Angriffe auf die Tanker.

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