Schorsch Kamerun an der Volksbühne

»Wir sind Spektakelfabrikanten«

Schorsch Kamerun, Sänger der Goldenen Zitronen, über die Zukunft der Berliner Volksbühne und sein Interesse am Urmoment des Bauhauses.
Interview Von

Wie haben Sie die Auseinandersetzungen der vergangenen zweieinhalb Jahre um die Volksbühne erlebt?
Ich habe sie erlebt als einen Kampf um ein außergewöhnliches Versprechen, das dieser Ort immer barg. Gestritten wird für eine Sehnsucht nach Unausrechenbarkeit als eigensinnige Haltung, die sich der Durchökonomisierung des Daseins launig entgegenstellt. Dass um solch ein Symbol gekämpft wird, ist logisch, weil klar ist, dass Leute, die dort seit der Gründung dieses Spirits anwesend sind, das Haus niemals einfach herschenken werden. Die Kämpfe sind auch stellvertretend für die Verteidigung von Inseln in einer Stadt wie Berlin, deren früheres »Arm-aber-sexy« längst von Airbnb-Tourimassen dauerbelegt wird. In Hamburg ist das an Orten wie unserem Goldenen Pudel oder gar der Roten Flora ähnlich. Sie sind Überbleibsel in spezifischen urbanen Umgebungen, die eine unerpresste Antwort auf die Frage zu geben versuchen, wie wir leben wollen. Dass es zu Aufruhr kommt, wenn jemand versucht, das autoritär zu beenden, ist klar wie Kloßbrühe. Der Kampf lief zum Teil unsachlich ab, aber das versteht man.

»Das Versprechen der Volksbühne muss lose sein. Diversität zum Beispiel ist in der Kunst nur ein selbstverständliches, leeres Zauberwort. Wobei ich das inhaltlich ernstnehme.«

Was halten Sie davon, dass nun zum Ensemble- und Repertoirebetrieb zurückgekehrt wird, also zu einer festangestellten Belegschaft und einem Programm mit verschiedenen, einstudierten Stücken, die jahrelang gespielt werden können?
Na, das gibt’s ja jetzt nach dem Sommer 2018 auch schon wieder mit dem Interimsintendanten Klaus Dörr. Was zuvor verkannt wurde, ist, was ein Theater überhaupt bedeutet. Es ist ein von Kommunen freiwillig bezahlter Ort mitten in der Stadt, an dem man Möglichkeiten hat, die es sonst vielleicht gerade mal in Filmstudios gibt. Ein Theater kann alles, jedwede Darstellung drinnen und draußen, Musik, Tanz, Film, alles Geschmiere in Kostümen hält es aus, genauso wie aufwendige Themenkongresse. Es gibt dort einmalig breit gestreute Fachkräfte. Das muss man gesehen haben, bevor man alles umschmeißt. Ich glaube, es braucht auch das Repertoire, denn du musst nunmal ein Programm bieten.

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Der neue Intendant Réné Pollesch will die Besetzergruppen professionell einbinden. Sind Sie damit einverstanden?
Die Volksbühne steht gegenwärtig auf mehreren Ebenen für Christoph Schliengensiefs »Scheitern als Chance«. Er hat wie kein Zweiter damit gerungen, was das überhaupt ist, das Bekenntnis zum Theater. Wo muss draufgehauen, wo geküsst werden, um zu einer neuen Qualität zu springen? Dafür hieß es auch schon mal: »Heute spielen wir den Abend komplett andersherum, von hinten nach vorne!« Reglements tanzen zu lassen und trotzdem damit ernst zu arbeiten, ist strapaziös, aber genau das können diese factories phantastisch! Und die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gibt für die Zugehörigkeit zu den vielen an einem bestimmten urbanen Punkt die Königin in ihrem zauberhaften Ungeordnetheitsstreben. Diese Schönheit kann der nächste Intendant gut brauchen, der dort den Regisseur als darüberstehende Figur in Frage stellt. Pollesch vermeidet Begriffe wie Team oder Kollektiv, weil er verstanden hat, dass genau diese Teaser oft nur Trugbilder authentischer Parti­zipation sind.

Ist es überhaupt möglich, Szenestrukturen in ein Staatstheater zu überführen?
Aber das ist doch längst passiert. Und das passt durchaus zur Gründungs­geschichte des Hauses. Politik und bür­gerliche Kritik müssen weiter davon ausgehen, dass dieser Sehnsuchtsort diese Grenzenlosigkeit schafft, von Anbeginn bis Übermorgen.

Die linke Kunstszene gilt selbst als Gentrifizierungsmotor, die der Verteuerung und Verödung von Stadtarrealen durch ihre Kulturproduktion beschleunigt.
Klar, die Dinge sind manchmal widersprüchlich, aber das muss dann Bestandteil der eigenen Aufführung werden. Wir wissen, dass wir, bei aller offensiven Kritik, unsererseits Spek­takelfabrikanten sind. Réné weiß das, es kommt in seinen Texten vor, die er mit seinen Mitspielerinnen erfindet. Trotzdem gehört dieses Widersprüchliche laut in die Stadt. Das Versprechen der Volksbühne muss dabei lose sein. Diversität zum Beispiel ist in der Kunst nur ein selbstverständliches, leeres Zauberwort. Wobei ich das inhaltlich ernstnehme.

Taugt das Bauhaus, zu dem Sie gerade an der Volksbühne inszeniert haben, als Vorbild?
Mich interessiert am Bauhaus der Urmoment und weniger das, was später daraus geworden ist, was in Mu­seen oder geschmacksintensiven Wohnungen rumdöst. Ich versuche, Nullmomente zu untersuchen, weil sie an den Kern von Strategien herankommen. Das Bauhaus erfand sich in einer Situation, in der alles niederlag. Wir haben versucht, an seine Grundfragestellung heranzukommen: Wie ist ein gemeinsames Gestalten von Zusammenleben möglich in Tagen, die sich Krise nennen? Dafür haben wir hier eine nichtgeistliche Möglichkeitenmesse geschaffen. Eine Metapher, die sich im ganzen Gebäude abspielt mit den extraunterschiedlichsten Mitmacherinnen.