Russischer Auftragsmord in Berlin?

Schutzlos in Berlin

Immer mehr Indizien deuten darauf hin, dass Russland hinter dem vor einem Monat in Berlin verübten Mord an einem Georgier steckt. Die Bundesregierung hält sich bedeckt.

Wegen der Umstände war schnell klar: Der Mord an Selimchan Changoschwili Ende August am helllichten Tag in ­einem Park in Berlin war kein gewöhnliches Gewaltverbrechen. Die Ermittlungsbehörden teilten zwar nach der Tat mit, sie ermittelten in alle Richtungen, doch der Tathergang sprach für das Szenario einen professionellen Auftragsmord. Eine Zeugin schilderte, der Vorgang habe auf sie wie eine Hinrichtung gewirkt. Der Täter habe zweimal gezielt auf das Opfer geschossen. Nach Angaben der Berliner Generalstaatsanwaltschaft verhielt sich der mutmaß­liche Schütze, der kurz nach der Tat verhaftet worden war, vor dem Haftrichter höchst abgeklärt. Es soll sich um einen 49jährigen russischen Staatsbürger mit Verbindungen ins kriminelle Milieu handeln. Nach Recherchen des Investigativportals Bellingcat, des Magazins Der Spiegel und der russischsprachigen Internetzeitung The Insider war er mit gefälschten Papieren über Frankreich eingereist. Die von ihm angegebenen Personalien ließen sich weder im russischen Pass- noch im Führerschein­register finden.

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Das Opfer, ein fünffacher Vater, besaß die georgische Staatsbürgerschaft und stammte aus dem Pankissi-Tal. Die Grenzregion entwickelte sich in den neunziger Jahren zu einem Rückzugs­gebiet der aufständischen Islamisten aus dem Nachbarland Tschetschenien. Changoschwili kämpfte nach Angaben der georgischen Bürgerrechtsorgani­sation EMC im zweiten tschetschenischen Bürgerkrieg gegen die russischen Truppen. Er soll als Feldkommandant in den Einheiten Aslan Maschadows gedient haben. Zeitweise soll er eine militärische Einheit geführt haben, die auf der Seite des islamistischen Terroristen Schamil Bassajew kämpfte, weshalb er auf einer Fahndungsliste der russischen Regierung stand. Nach Informationen des Spiegel galt er zuletzt als Bündnispartner der georgischen Behörden. Angeblich rekrutierte Changoschwili im russisch-georgischen Krieg 2008 eine Gruppe von 200 Männern aus dem Pankissi-Tal, um gegen die russische Armee zu kämpfen, die allerdings nicht zum Einsatz kam.

Vor vier Jahren verübte ein Unbekannter einen Anschlag auf Chango­schwili in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Mehrere Kugeln trafen seinen Arm. Daraufhin floh er über die Türkei und Polen in die Ukraine. Ende 2016 meldete er sich als Asylbewerber in Deutschland. Hilfe bei seinem Asylverfahren bekam Changoschwili von Ekkehard Maaß von der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft. »Ich kannte ihn sehr lange, er war mir ein enger Freund. Er hat mich fast jeden Monat besucht. Er war ein wirklich liebenswerter Mensch«, beschrieb der ehemalige DDR-Oppositionelle seine Beziehung zu Changoschwili im Boulevardblatt B.Z.

 

Im Januar 2017 bat Maaß das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) darum, seinen georgischen Freund »besonders zu schützen« und ihn nicht dorthin zu schicken, »wo er für den langen Arm Putins erreichbar ist«. In der Bundesrepublik wurde Changoschwili aber zunächst als islamistischer Gefährder eingestuft – womöglich aufgrund von Informationen russischer Stellen. Changoschwilis Umfeld bestreitet die Richtigkeit dieser Einstufung. Der Georgier soll vielmehr Menschen daran gehindert haben, als Kämpfer nach Syrien auszureisen und sich Terrormilizen wie dem »Islamischen Staat« (IS) anzuschließen. Darüber hinaus soll Changoschwili 2012 im Auftrag des georgischen Innenministeriums bei einer islamistisch motivierten Geiselnahme als Vermittler eingeschaltet worden sein, wie die FAZ berichtete.

Obwohl sein Asylantrag abgelehnt wurde, zog Changoschwili im Herbst 2018 von Brandenburg nach Berlin. Seine Familie teilte der B.Z. mit, er habe in der Hauptstadt unter einer Schutz­identität gelebt. Deshalb fragt sich Maaß, woher der Täter überhaupt wusste, »wann und auf welchem Weg Selimchan zum Freitagsgebet geht«, zumal der Tatverdächtige »erst kurz vor der Tat nach Deutschland eingereist ist«.
Die Bundesregierung hält sich in dem Fall bislang bedeckt. Oppositionspolitiker, aber auch Bundestagsabgeordnete der Regierungsparteien äußern sich deutlicher: »Das bisherige laute Schweigen der Bundesregierung zu diesem ungeheuren Vorgang irritiert massiv«, sagte Konstantin von Notz (Bündnis 90/Die Grünen), der stell­vertretende Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, das für die Kontrolle der Geheimdienste des Bundes zuständig ist, der NZZ. Die Bundesregierung müsse schnellstmöglich die Hintergründe der Tat aufklären, so von Notz. Der Bundestagsabgeordnete Fritz Felgentreu (SPD) forderte die Bundesregierung auf, Russland klarzumachen, »dass ausländische Spione in Deutschland nicht einfach Menschen auf offener Straße töten können«.

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