Im Theater Nalaga’at in Jaffa treten taubblinde Schauspielerinnen und Schauspieler auf

Berühren erwünscht

Das Nalaga’at in Jaffa ist das weltweit einzige Theater mit taubblinden Schauspielerinnen und Schauspielern. Zu dem Kulturzentrum gehört neben einer Schule für Gebärdensprache auch das einzige Dunkelrestaurant in Israel.
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»Wir bieten den Menschen hier eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung und helfen ihnen, ihre Rechte wahrzu­nehmen«, sagt Oren Izhaki. Er ist der geschäftsführende Direktor des Theaters Nalaga’at in Jaffa. Der Name bedeutet übersetzt »bitte berühren«. Das weltweit einzige professionelle Ensemble taubblinder Schauspielerinnen und Schauspieler wurde 2002 als Teil der NGO Nalaga’at von der gebürtigen Schweizerin Adina Tal und dem Israeli Eran Gur gegründet, die mittlerweile ­allerdings nicht mehr zum Team gehören. Eine Gruppe von Menschen mit dualer Behinderung hatte sich zufällig an die Regisseure gewandt, aus einem Workshop entstand schließlich eine ernstzunehmende Theatergruppe. Nach einem Jahr intensiven Übens und mit Hilfe persönlicher Gebärdensprachdolmetscher gab es 2000 die erste Aufführung, »Light Is Heard in Zig Zag«. Das Stück über Träume und Ambitionen entstand in einem langen Prozess, bei dem die Schauspielerinnen und Schauspieler mit Improvisation, Rhythmus und Körperbewegung arbeiteten. Schließlich lernten sie, ihre Gefühle und Phantasien mit Pantomime auszu­drücken. Das Stück wurde in ganz Israel aufgeführt, unter anderem in der Knesset, dem israelischen Parlament, aber auch in Kanada und sogar im Hauptsitz der Vereinten Nationen in Genf. Nach diesem Erfolg wurde das Zentrum Nalaga’at 2007 im Hafen von Jaffa in Tel Aviv eröffnet. In einem ­alten Lagerhaus mit Blick auf das Mittelmeer entstanden ein Theater sowie eine Schule für Gebärdensprache.

»Ziel des Theaters ist es, Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenzubringen, unabhängig von Religion, physischem Zustand oder sozialem Status.« Oren Izhaki, geschäftsführender Direktor

Das Zentrum erhielt seinen Namen, da mit den Künstlerinnen und Künstlern während der Vorführung nur durch Berührungen kommuniziert wird. Die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler leiden an einer genetischen Störung namens Usher-Syndrom. Die Betroffenen sind meist von Geburt an taub oder schwerhörig, hinzu kommt ein allmählicher Verlust des Sehvermögens.

Bühne für Gleichberechtigung

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»Ziel des Theaters ist es, Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund durch Kunst und Emotionen zusammenzubringen, unabhängig von Reli­gion, physischem Zustand oder sozialem Status«, sagt Izhaki. »Zugleich leisten sie einen Beitrag zur Gesellschaft und fühlen sich gleichberechtigt.« Die Philosophie des Zentrums ist das ­demokratische Grundprinzip der Gleichheit. Es ermöglicht den Besucherinnen und Besuchern, in die Welt der Taubblinden einzutauchen, um eine neue Sichtweise zu erhalten. »Bei Nalaga’at herrscht ein Dialog, und jeder kann die Welt aus der Perspektive des anderen erleben«, so Izhaki. »Natürlich ­sehen sich die Darsteller selbst nicht als körperbehindert an. Sie wollen auch nicht bemit­leidet werden, sondern zeigen den Gästen, dass sie ein ganz normales Leben wie alle anderen führen können.«
Das Institut brauchte mehr als zehn Jahre, um in der Theaterwelt erfolgreich zu werden. Die zugehörige NGO ist stolz, dass sie sich durch Kartenverkäufe und Werbung zu 60 Prozent selbst finanzieren kann. 20 Prozent werden je zur Hälfte vom Kulturministe­rium sowie Sozialeinrichtungen getragen, des weiteren erhält die Organi­sation großzügige Spenden. Von Anfang an verschaffte sich das Ensemble auch international Gehör, und inzwischen ist es schon öfter im Ausland aufgetreten. Es gab Vorführungen in Südkorea, Australien und in den USA. Auch steht Nalaga’at im Austausch mit Organisationen wie »Theatre without Borders« und will demnächst sein Wissen in anderen Ländern weitergeben.

In den vergangenen Jahren ist das Zentrum stark gewachsen. Neben den Künstlerinnen und Künstlern gibt es eine professionelle Geschäftsführung sowie eine Personal-, Marketing- und Veranstaltungsabteilung. Inklusive der Schauspielerinnen und Schauspieler arbeiten mittlerweile 100 Menschen für das Zentrum, davon 70 mit Körperbehinderung.

»Als Abiturientin kam ich zum ersten Mal über eine Freundin in Kontakt mit Nalaga’at«, erzählt die Veranstaltungsplanerin des Instituts, Ya’ara Kaplan. Sie ist von Geburt an taubstumm, das Gespräch findet mittels einer Über­setzerin für Gebärdensprache statt. »Wir besuchten das zweite und erfolgreichste Stück des Theaters, ›Not by Bread ­Alone‹, und ich war sofort von der liebevollen Atmosphäre und Energie beeindruckt. Alles war so lebendig, das hatte einen positiven Effekt auf mich.« Nach ihrem Wehrdienst bei der israelischen Luftwaffe fing sie vor sieben Jahren an, in dem Zentrum zu arbeiten, wo sie in verschiedenen Positionen tätig war; unter anderem unterrichtete sie Gebärdensprache.

»Das Nalaga’at ist mein zweites Zuhause«, sagt Kaplan. »Hier können wir den Besuchern unsere Meinung und Gefühle vermitteln. Ich denke, dass alle Menschen eine kleine Einschränkung haben, aber im Institut arbeiten wir als ein Team und das Zusammengehörigkeitsgefühl ist sehr stark.« Nalaga’at sei für alle, sowohl Schauspieler als auch Besucher, eine ständige emotionale Herausforderung, da diese besondere ­Erfahrung starke Gefühle bei beiden Gruppen wecke, so Kaplan. Die spezielle Atmosphäre während einer Veran­staltung helfe dabei, unbewusste Vorbehalte und Ängste in jedem Einzelnen verschwinden zu lassen. »Bei uns gibt es keine Politik. Hier arbeiten sowohl ­religiöse und säkulare Juden als auch muslimische und christliche Araber sowie LGBT«, erzählt Kaplan. »Der Zusammenhalt ist hier sehr groß, und das würde ich mir auch für die gesamte Gesellschaft wünschen. Meiner Meinung nach sollten deshalb so viele Menschen wie möglich die Gebärdensprache erlernen.«

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Kommunikation für alle. Wandbild in der Schule für Gebärdensprache

Bild:
Tal Leder

Speisen im Dunkeln

Neben künstlerischen Veranstaltungen und Festen kann man in dem ­Kulturzentrum das Restaurant »Blackout« besuchen. Essen und Wein werden dort im Halbdunkel serviert, die Aromen erhalten dadurch eine besondere Intensität; es ist das einzige Dunkel­restaurant in Israel. Blinde Kellnerinnen und Kellner gleiten mit Glocken um die Tische, die Gäste erhalten Lätzchen. Im Zentrum gibt es zudem das Café »Kapish«, in dem die gehörlose oder hörgeschädigte Bedienung Be­stellungen in Gebärdensprache entgegennimmt.

»Es ist schon sehr faszinierend zu sehen, wie die Besucher in der Finsternis keine Kontrolle über ihr Leben haben«, sagt Angel Rothman schmunzelnd, der Seminare im Restaurant »Blackout« leitet, wo er auch als Kellner arbeitet. »Sie alle sind etwas völlig Neuem ausgesetzt und haben keine Ahnung, was mit ihnen passiert.«

Rothman kam in Costa Rica als Sohn streng religiöser Juden auf die Welt. Er wanderte noch im Kindesalter mit seinen Eltern nach Israel aus, wo sich die Familie von der Ultraorthodoxie entfernte. In seinem zwölften Lebensjahr fingen seine Augenprobleme an, er durchlief zahlreiche Behandlungen und Operationen. Vor elf Jahren erblin­dete er fast vollständig. Mit dem linken Auge kann er einige Um­risse erkennen, auf dem rechten Auge hat er kein Sehvermögen mehr.

»In der Dunkelheit kommt das wahre Ich zum Vorschein«, sagt Rothman. »Dann sieht man, wer ­einem wirklich gegenübersteht. Auch wenn ich blind bin, lerne ich so die Ängste und Freuden eines Menschen kennen.«

In seinen Workshops lehrt Rothman seine Gäste, nicht nur eine Tasse oder das Besteck in völliger Dunkelheit zu benutzen, sondern auch, wie sie ihren Geschmackssin in dieser Situation schärfen. Nachdem er sie an ihren Platz geführt hat, serviert er ihnen eine ­Auswahl an Gerichten aus der abwechslungsreichen Speisekarte, einschließlich einer reichen Auswahl an Weinen. »Es ist unglaublich, wie hilflos die meisten Menschen in der Finsternis sind«, sagt er. »Die Kombination aus ­einem einzigartigen kulinarischen Erlebnis und der Begegnung mit unseren sehbehinderten Kellnern bringt die Besucher in eine völlig neue Welt, was Vorurteile und Tabus abbaut.«

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Ihnen bieten sich neue Perspektiven. Besucherinnen und Besucher von Nalaga’at

Bild:
Tal Leder

Große Pläne

Das Nalaga’at hat es sich zum Ziel gesetzt, nicht nur Arbeitsplätze für Taubblinde zu schaffen, sondern ihnen auch einen Ort zu bieten, an dem sie sich zu Hause fühlen und täglich mit Nichtblinden und -tauben kommunizieren können. »Durch die Vollzeitbeschäftigung in unserer NGO haben sie ein ­positives Selbstwertgefühl bekommen«, sagt der Geschäftsführer Izhaki. »Sie gehen fünfmal die Woche zur Arbeit und bekommen ein richtiges Gehalt. Unser Zentrum gibt ihnen eine Gemeinschaft und die Möglichkeit, mit Menschen zu arbeiten, die ähnliche Probleme haben.«

Die Organisation will in naher Zukunft ihr eigenes großes Schauspielhaus in Israel bauen und eine Institution werden wie das berühmte Theater Habima in Tel Aviv. Neben der Suche nach einer eigenen Theatersprache hofft sie aber auch, mit der künstlerischen und gesellschaftlichen Tätigkeit das Bewusstsein für die Bedürfnisse von Taubblinden in Israel und in der übrigen Welt zu stärken.

»Wir möchten auch als nationales und internationales Lernzentrum dienen und als Vorbild für die Integra­tion von Körperbehinderten in die ­Gesellschaft als gleichberechtigte Bürger«, sagt Izhaki. Nalaga’at plane, verschiedene Arten von Rehabilitationsprogrammen zu entwickeln und weitere Zentren auf der ganzen Welt zu eröffnen. »Dies würde nicht nur neue ­Arbeitsplätze und Möglichkeiten schaffen, sondern auch eine stärkere Verbindung unter den Menschen bringen«, so der Direktor. »Vielleicht kann dies unsere Gesellschaft verbessern.«