Der Film »Judy« zeigt, wie Judy Garland das Ende des Regenbogens erreicht

Das Stadtgespräch

Die Hollywood-Legende Judy Garland litt schon seit ihrer Jugend an Drogenabhängigkeit. Der Film »Judy« erzählt von den letzten Konzerten des großen gebrochenen Stars.

Nach dem Attentat auf den Schwulenclub Pulse in Orlando im Sommer 2016 wurde vor dem Brandenburger Tor unweit der US-Botschaft in Berlin eine Mahnwache abgehalten. Als das Tor in den Regenbogenfarben angestrahlt wurde, sang die Menge gemeinsam »Somewhere Over the Rainbow«, jenes Lied über ein anderes Leben in einer besseren Welt, das Judy Garland in der Rolle der Dorothy im Film »The Wizard of Oz« von 1939 singt. So überdreht der Film auch ist, Garlands Lied berührt noch immer als Ausdruck des einfachen Wunsches nach einer Welt, in der Träume wahr werden.

Judy Garlands abgemagerter Körper trägt die Spuren eines Lebens als Ware der Unterhaltungsindustrie.

Die unsterbliche Judy Garland starb 1969 an einer Überdosis Schlaftabletten. Sie wurde nur 47 Jahre alt. Sechs Monate vor ihrem Tod trat sie im Londoner Nachtclub Talk of the Town in einer Konzertreihe auf, die der britische Regisseur Rupert Goold – basierend auf einem Theaterstück von Peter Quilter – ebenso dramatisch wie musikalisch verfilmt hat. Unter dem prägnanten Titel »Judy« wird die Legende der Schauspielerin mit Renée Zellweger in der Titelrolle dargeboten: ein beschädigtes Leben, das gezeichnet war von Garlands Zeit als Kinderstar in den vierziger Jahren.

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Der Film beginnt mit dem unauflöslichen Lebenswiderspruch Garlands: Sie ist zugleich liebende Mutter und gefeierte Entertainerin, Privatperson und öffentlicher Star. Da sie als unzuverlässig gilt, meist nicht zu Proben oder gar zu Aufführungen erscheint, findet Garland keine Arbeit in Los Angeles, dazu droht der Verlust des Sorgerechts für ihre beiden Kinder. Das Angebot, eine Reihe von gut bezahlten Konzerten in London zu geben, kommt da gerade recht, auch um ihre Gewissenhaftigkeit unter Beweis zu stellen. Doch jede Show wird zur Existenzprobe. »Und was, wenn ich es nicht wiederholen kann«, fragt die zitterende Garland ihre Assistentin und Aufpasserin Rosalyn Wilder (Jessie Buckley) nach dem triumphalen Premierenabend. In Rückblenden erinnert sich Garland an ihre Kindheit in den Studios von Metro Goldwyn Mayer (MGM), wo ihre Tablettensucht und die seelischen sowie körperlichen Zerstörungen begannen.

Essen und Schlafen sind die zentralen Motive in »Judy«. Als sich Garland in einer Szene Pillen einwirft, bittet ihre Tochter sie, nicht zu schlafen. »Das sind die anderen«, beruhigt Garland sie. Ruhelos wälzt sie sich in ihrem Londoner Hotelbett. In einer grandiosen Montagesequenz erzählt Goold zu einem maschinenhaften Rhythmus und dem lautma­lerischen »Clang, clang, clang« von Garlands Lied »The Trolley Song« die Geschichte von der üppigen Verabreichung von Schlaf- und Aufputschmitteln während ihrer Kindheit bis zu ihrer bleibenden Tablettenabhängigkeit. Nur mit Drogen kann der Körper des Stars für die Unterhaltungsindustrie funktionieren. Wie der Schlaf bleibt Garland dehalb auch das Essen verwehrt. Statt zusammen mit ihrem Filmpartner Mickey Rooney einen Hamburger zu essen, nimmt die junge Judy Garland Pillen gegen Hunger und Gewichtszunahme.

Durch die Rolle Garlands scheint hier unweigerlich Renée Zellweger durch, deren Körpergewicht seit ihrem Durchbruch mit »Bridget Jones« (2001), in dem sie nicht dem Schlankheitsideal entsprach, öffentlich diskutiert wurde. Wie in einem höhnischen Triumph leiht Zellweger nun der untergewichtigen Garland ihren Körper.

Abgemagert wie er ist, trägt Judy Garlands Körper die Spuren eines Lebens als Ware der Unterhaltungsindustrie. Bei jedem Auftritt muss sich das Publikum fragen, über welche Stimme dieser Körper noch verfügen kann. Den Fans geht es aber gar nicht um gesangliche Perfektion, sondern um die faszinierende Sehnsucht, die von diesem zerbrechlichen Menschen ausgeht. Goold verzichtet auf Playback und lässt Zellweger selbst singen. Freilich lässt sich darüber streiten, ob Zellweger, anders als Garland, manchmal zu kehlig und überzogen singt, aber der Effekt ihres Gesangs ist atemberaubend. Statt aus­einanderzufallen, verbinden sich Stimme und Körper in intimen Momenten, die schlechterdings für die Authentizität der Lieder einstehen. Diese Momente ringt sich Garland von der Ausbeutung ihrer Person ab. Wenn sie zu spät zu Proben und Auftritten erscheint, dann sind das nicht die Allüren eines Stars, sondern es ist Garlands Methode, sich gegen die Zurichtung durch Manager und Mogule zu wehren, eine Strategie, die sie in Hollywood erprobt hatte.

»Du singst von Herzen«, mahnt MGM-Chef Louis B. Mayer im Film die eingeschüchterte Judy Garland, nachdem sie wieder mal Dreharbeiten unterbrochen hatte. Das Herz, das sie in das Singen steckte, bescherte dem Filmstudio einen der einträglichsten Filme überhaupt, »The Wizard of Oz«, in dem sie das Mädchen von nebenan verkörperte, sauber und unschuldig – wohingegen sie später privat mit Unsicherheit und Angst zu kämpfen hatte. Hollywood wusste auch diese Seite als Image zu vermarkten. Bereits früh in ihrer Karriere spielt Garland sich selbst, trat in Filmen wie »Ziegfeld Girl« (1941) und »Easter Parade« (1948) als verunsicherte, zuweilen hilflose Sängerin auf, deren Durchbruch hart erkauft ist. In George Cukors »A Star is Born«, der nach ihrem Selbstmordversuch Anfang der fünfziger Jahre erschien, wird die Verwandlung einer Frau in einen Star mit Make-up und einem Verhaltenskodex vorgeführt. Und in ihrer letzten Filmrolle spielte Garland 1963 die Sängerin Jenny Bowmann in »I Could Go On Singing«, die nach einem Zusammenbruch verspätet zum Konzert kommt. Der Trailer versprach die »echte Judy«, und das Publikum bekam sie auch.

Judy Garlands Karriere ist das Paradebeispiel für die Möglichkeiten, einen Star zu verwerten. Diese Mechanismen bricht »Judy« nicht etwa auf, sondern schreibt sie zuweilen recht tränenselig fort. Mit der Nahaufnahme – jener Kameraeinstellung, mit der das Kino seit über 100 Jahren dem Publikum einen Star unerreichbar nahe bringt – inszeniert Goold seine Hauptdarstellerin Zellweger. Seine Kamera ist immer ganz nah dran, auch wenn Garland auf der Bühne – lang erwartet von dem voyeuristischen Publikum – zusammenbricht. So ruft er noch einmal all jene Geschichten auf, die seit Garlands Zeit als zugerichteter MGM-Kinderstar im Umlauf sind. Die Rückblenden erstarren zuweilen im Klischee vom sadistischen Studiosystem Hollywoods, wo strenge Frauen mit Klemmbrettern herumstolzieren und Louis B. Mayer wie der Leibhaftige aus der Finsternis der Studiokulissen auftaucht.

Dennoch schlägt »Judy« nicht in eine Garland-Revue für eingefleischte Fans um. Zellweger verkörpert einen beschädigten Menschen, der in seinen Liedern von den Versuchen erzählt, sich gegen die feindliche Welt zu behaupten. Ihre Kinder verliert Garland während der Auftritte schnell aus dem Blick. Einsam auf der Büh­ne hofft sie, in ihren Fans Verbündete zu finden. Aber welche Beziehung zwischen Star und Fan ist möglich? Die Szene einer kochenden Garland in der Wohnung zweier Schwuler in »Judy« bleibt reichlich irreal. Aber vielleicht ließ gerade dieser einsame Kampf, den Garland führte, sie zur hoffnungsvollen Schwulenikone werden.

Judy (USA/UK 2019). Regie: Rupert Goold. Buch: Tom Edge. Darsteller: Renée Zellweger, Finn Wittrock, Rufus Sewell, Michael Gambon