Ein Gespräch mit der Band Moscow Death Brigade über die Antifa in Russland

»Die mögen uns nicht«

Interview Von

Woran arbeiten Sie gerade?

Anzeige

Ski Mask G: Wir nehmen ein neues Album auf. Unser erstes Album hatte starke Punkrock- und HipHop-Einflüsse. Auf dem zweiten Album, »Boltcutter«, haben wir uns mehr auf elektronische Sounds konzentriert, und auf dem neuen Album wollen wir das alles miteinander verbinden und noch ein paar neue Sachen ­hinzufügen. Für uns ist es das Wichtigste, die Musik zu spielen, die wir selbst hören wollen. Und wir ver­suchen immer, unseren Musik­geschmack zu erweitern und neue Genres und Bands kennenzulernen, von denen wir uns inspirieren lassen.

»Als wir mit der Band angefangen haben, sind wir die ersten paar Jahre immer ohne Masken aufgetreten. Die kamen später dazu und wurden Teil unseres Image. Sie symbolisieren unsere Wurzeln im Straßenaktivismus, in der Graffitikultur und so weiter.«

Was ist Ihnen wichtiger: Die Musik zu spielen, die Ihnen gefällt, oder eine politische Botschaft zu vermitteln?

Vlad Boltcutter: Beides ist wichtig. Die Leute kommen in erster Linie zu den Konzerten, um Musik zu hören und Spaß zu haben. Wir machen die Musik, die wir mögen. Aber da wir die Möglichkeit haben, Leute zu erreichen, versuchen wir, die Anliegen, die uns wichtig sind, rüberzubringen. Wir glauben, dass man mit Musik tatsächlich die Welt verändern kann, zumindest Schritt für Schritt, lauter kleine Veränderungen zum Bes­seren.

Auf dem aktuellen Album singen Sie alle Titel auf Englisch. Davor gab es auch Lieder auf Russisch. Gibt es einen Grund dafür?

Vlad Boltcutter: Das erste Lied, das wir aufgenommen haben, war auf Englisch. Wir schreiben die Lieder oft aus dem Moment heraus und planen das nicht. Vielleicht werden auf dem neuen Album wieder Lieder auf ­Russisch dabei sein, wir mögen eben beide Sprachen.

Warum tragen Sie Skimasken bei den Auftritten? Geht es da eher um Stil oder geht es darum, aus Gründen des Selbstschutzes ­anonym zu bleiben?

Vlad Boltcutter: Es hat eher StyleGründe. Als wir mit der Band angefangen haben, sind wir die ersten paar Jahre immer ohne Masken aufgetreten. Die kamen später dazu und wurden Teil unseres Image. Sie symbolisieren unsere Wurzeln im Straßenaktivismus, in der Graffitikultur und so weiter. Das sind eben Bereiche, in denen es nicht so eine gute Idee ist, sein Gesicht zu zeigen. Wir wollen auch keine Popstars sein und nicht unsere Gesichter verkaufen. Für uns sind die Masken die beste Art, zu zeigen, wofür wir stehen.

Wie schätzen Sie die Situation der Subkultur in Russland ein? Wie stark ist die Szene bedroht?

Ski Mask G: Vor zehn Jahren war es tatsächlich sehr gefährlich für Leute, die Punk oder HipHop hörten, weil die Bedrohung von rechts sehr real war. Man konnte leicht erstochen werden, wenn man zu einem Punkkonzert ging, was aus heutiger ­Perspektive ziemlich verrückt wirkt. Heute ist die Situation anders.
Vlad Boltcutter: In den Neunzigern waren Nazis eine große Bedrohung in der ehemaligen Sowjetunion und besonders in Russland. Sie waren sehr zahlreich und die Regierung hat sie unterstützt oder zumindest weg­gesehen. Die Nazis griffen Antifaschisten und Angehörige von Minder­heiten an. Das war ein großes Problem. Als wir um 2008 mit der Band anfingen, waren Nazis immer noch eine große Sache in Russland. Ein paar unserer Freunde wurden von Nazis getötet und allgemein viele Punks und Antifaschisten. In den letzten Jahren hat sich die Situation deutlich verbessert. Es gibt verschiedene Theorien, warum das so ist, aber wahrscheinlich liegt es daran, dass die Regierung die Nazis als ­Bedrohung erkannte und anfing, auch auf sie Druck auszuüben. Zudem sind seit Beginn des Ukraine-Konflikts viele Nazis in die Ukraine gegangen, um dort auf beiden Seiten zu kämpfen. Denn das ist es, was sie wirklich wollen: Menschen töten und in den Krieg ziehen.

Ich kann nicht sagen, dass es jetzt hundertprozentig sicher ist, aber man hat seit langer Zeit nichts mehr von Angriffen auf Punkkonzerte ­gehört. Jetzt kann man einfach zu einem Konzert gehen und Spaß ­haben. Es ist fast wie in Europa. Aber natürlich weiß man nicht, was morgen passiert. Im Moment kommt der Druck von der Staatsgewalt. Gerade sind viele Antifa-Leute im Gefängnis. Die ­Regierung und die Polizei versuchen, die Jugendbewegungen und Sub­kulturen zu kontrollieren. Das ist der große Unterschied zu früher, da hat sich die Regierung viel weniger da­rum gekümmert. Man vermutet, dass sie einfach abwarten wollte, während Nazis und die Antifas sich ­gegenseitig fertigmachen, damit die Jugend von den sozialen und poli­tischen Problemen abgelenkt ist.

Im letzten Jahr wurde über Konzert­verbote in Russland berichtet, die speziell Rapper be­troffen haben.

Vlad Boltcutter: Solche Verbote kommen vor. Ich glaube, in diesem Fall entweder, weil die Bands regierungskritisch sind, oder, weil Eltern Druck gemacht haben. Die Regierung denkt, dass diese Bands quasi Werbung ­machen für Drogenkonsum, Sex und was sonst noch schlecht ist für die Schulkinder, die zu den Konzerten gehen.

Solche Verbote betreffen Sie nicht?

Ski Mask G: Wir rappen ja nicht darüber, Lines zu ziehen.

Aber Sie sind wahrscheinlich trotzdem nicht die Art von Band, die die Regierung gut findet?

Ski Mask G: Natürlich mögen die uns nicht.

Vlad Boltcutter: Wir stehen auf einer Liste extremistischer Bands in Russland. Manchmal ist es für uns schon schwer, Konzerte zu spielen. Natürlich mögen die uns überhaupt nicht.

Aber generell können Sie Konzerte in Russland spielen und machen das im Moment auch?

Vlad Boltcutter: Es gab ein paar Fälle, wo wir versucht hatten, große Shows zu spielen als Opener für bekannte Bands aus dem Westen. Aber die haben die Promoter kontaktiert und gesagt, dass sie uns nicht buchen sollen. Die meisten unserer Konzerte promoten wir aber selbst mit unserer Crew, unseren Freunden und den Leuten aus der Antifa-Szene. Wir ­hatten schon einige Probleme, in Russland zu spielen. Aber mal schauen, wie es weitergeht.

Sie haben in Westeuropa viele Konzerte gegeben, auch in Deutschland und Österreich, wo Sie mit Feine Sahne Fischfilet aufgetreten sind. Was sind die größten Unterschiede zwischen der west­europäischen und russischen Underground-Szene?

Vlad Boltcutter: Ich denke, der größte Unterschied ist, dass die russische Szene im Vergleich zur westlichen Szene ziemlich jung ist. Aber all­gemein ist es so ziemlich dasselbe. Natürlich ist hier in Europa alles viel entwickelter, es gibt viel mehr Orte, wo man Konzerte spielen kann, also Kulturzentren, besetzte Häuser und sogar große Clubs, wo Punkbands und Undergroundbands auftreten.

Ski Mask G: Nehmen wir zum Beispiel Deutschland, wo man in so ziemlich jeder größeren Stadt einen Ort findet, wo eine ­Punkband ein Konzert spielen kann. Wenn man irgendwo in die russische Provinz kommt, wird man große Schwierigkeiten haben, eine Location für ein Konzert zu finden.

Vlad Boltcutter: Sogar in den großen Städten in Russland gibt es im Vergleich zu den Städten in Europa nicht so viele Orte für Konzerte. Wir haben fast keine besetzten Häuser und Kulturzentren. In Moskau zum Beispiel ist der Baugrund sehr teuer, sie lassen es nicht zu, dass man ein Gebäude besetzt. Sie reißen es lieber ab und bauen ein Bürocenter oder so was. Klar gab es Versuche, etwas zu besetzen und Kulturzentren aufzubauen, und manchmal schaffen die auch es, eine Weile zu überstehen, aber meistens nicht besonders lang.

Konzentriert sich die Szene in Moskau und Sankt Petersburg?

Vlad Boltcutter: Ja, aber es gibt noch ein paar andere große Städte. In ­Sibirien wächst die Szene gerade stark. Aber Russland ist eben auch ziemlich groß. Um vom westlichen Teil aus tief in den Osten zu kommen, verbringt man 8 oder sogar 12 Stunden im Flugzeug. Das ist ziemlich teuer. Und es ist schwierig, mit dem Bus zu touren, denn gerade im östlichen Teil Russlands muss man extreme Distanzen überwinden, wir würden tagelang fahren, ohne irgendwo spielen zu können.

Vergangenen Sommer gab es in Moskau Proteste für freie Kommunalwahlen. Interessieren Sie für solche aktuellen politischen Fragen? Glauben Sie, dass sich etwas ändern wird?

Vlad Boltcutter: Im Moment gibt es vermehrt Proteste unterschiedlicher Art, zum Beispiel von politisch op­positionellen Bewegungen. Aber das interessiert uns nicht wirklich.

Ski Mask G: In der offiziellen Politik dreht sich alles um Geld, Wirtschaft und die Interessen von Politikern.

Vlad Boltcutter: Wir glauben nicht wirklich an Politiker, auch nicht an die der Opposition. Aber es entsteht gerade auch eine starke feministische Bewegung, Leute, die sich für die Rechte von LGBTQ einsetzen und so was. Alle diese Bewegungen werden gerade stärker.

Ski Mask G: Das sind nicht bloß Kids aus dem Untergrund, die das unterstützen, sondern es gibt durchschnittliche Leute mittleren Alters, denen plötzlich klar wird, dass sie etwas tun müssen.

Vlad Boltcutter: Das ist großartig. Obwohl es so viel Druck der Staatsgewalt gibt, gehen die Leute trotzdem auf die Straße und tun ihre Meinung kund. Dabei kann man eine richtig hohe Gefängnisstrafe bekommen, wenn man an einer Demons­tration teilnimmt. Ich denke, dass die Leute aus der Punk- und Antifa-­Szene das ermöglicht haben. Ich erinnere mich, dass früher dieselben Leute, die auf den Konzerten waren und sich mit den Nazis geprügelt haben, zu allen Demos gegangen sind, Demos organisiert haben und überall dabei waren. Es waren nur wenige, aber für eine gewisse Zeit waren sie sehr aktiv. Sie sind verantwortlich für das Aufkommen eines sozialen Bewusstseins.

Sie haben also sozusagen die ­Basis geschaffen.

Vlad Boltcutter: Ja, sie haben die Basis geschaffen und den Leuten gezeigt, was man machen kann. Früher haben einen alle gehasst, wenn man Antifaschist war, weil es ziemlich viel Propaganda dagegen gab. In den Massenmedien wurde die Antifa als aggressiv und gewalttätig dargestellt. Es wurde gesagt: »die sind für Einwanderung, für Homosexualität, für Drogen und gegen Familien und ­Arbeiter«, und lauter so ein Mist. Aber jetzt haben viele Leute, die früher die Antifa nicht mochten, weil sie keine Ahnung hatten, worum es geht, viele Ideen von der Antifa übernommen. Sie versuchen, für ein paar gute Sachen einzutreten, zum Beispiel setzen sie sich gegen Homophobie ein.

Ski Mask G: Man bekommt das mit, wenn man mit Leuten spricht, die nicht zur Szene gehören, und man sieht es auch im Internet. Die Leute prangern Rassismus und Se­xismus an. Das war früher nicht so. Es ist auf jeden Fall eine Veränderung im Gange. Die sozialen Bewegungen sind endlich in Russland ­angekommen. Vielleicht in rudimentärer Form, aber die Leute machen etwas, sie kämpfen für ihre Rechte.