Besuch eines zapatistisches Tanzfestival im mexikanischen Chiapas

Die Zapatistas bitten zum Tanz

In Mexiko veranstalteten die Zapatistas kürzlich das Tanzfestival »Báilate Otro Mundo«. Zu sehen gab es zahlreiche Tanzstücke, begleitet von Ausstellungen und Konferenzen. Im Mittelpunkt standen der künstlerische und politische Austausch.

Die Popcornmaschine am Eingang des Auditoriums brummt. Sie ist ein Überbleibsel des Kinofestivals, das in den Tagen zuvor hier im Caracol Tulan Ka’u stattgefunden hat. Mit ihren Popcorntüten in der Hand nehmen die Zuschauerinnen und Zuschauer im Auditorium Platz. Geboten werden dieses Mal Tanzvorführungen. Mitten im Stück brandet Applaus auf. Nicht immer wartet das Publikum damit bis zum Ende der Aufführung, der Beifall ertönt spontan, manchmal unerwartet, dann auch wieder zwischen den Vorführungen. Zu sehen sind unterschiedlichste Tänze und Tanzstile, auch die Tänze der zapatistischen Dörfer.

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Vom 15. bis 20. Dezember 2019 fand zunächst im neuen Caracol Tulan Ka’u und an den letzten beiden Tagen im Caracol Jacinto Canek im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas das erste zapatistische Tanzfestival mit dem Titel »Báilate Otro Mundo« (Tanz dir eine andere Welt) statt. Es sollte den Stellenwert verdeutlichen, den Kunst und Kultur mittlerweile in der zapatistischen Bewegung erlangt haben.

26 Jahre ist es her, dass Tausende Indigene der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) am 1. Januar 1994 in Chiapas den Aufstand ausriefen. Ihre Erhebung nannten sie den »Beginn des Krieges gegen das Ver­gessen«. Der EZLN machte nicht nur auf die Isolation und die soziale Ungleichheit aufmerksam, unter denen verschiedene indigene Gruppen litten, sondern ebenso auf das Leid vieler anderer Mexikanerinnen und Mexikaner im ganzen Land.

Als sich der Konflikt mit dem mexikanischen Staat nicht beilegen ließ und dieser seine repressive Politik gegen indigene Gemeinden fortführte, entschloss sich der EZLN dazu, autonome Strukturen in den Gemeinden aufzubauen. 2003 schufen die Zapatistas an fünf Orten in sogenannten Caracoles (Schneckenhäusern) die »Juntas de Buen Gobierno« (Räte der guten Regierung). Die Caracoles fungierten als regionale Verwaltungssitze, in deren Umfeld sich das Leben der zapatistischen Gemeinden abspielt. Dank ihrer Organisationsweise konnten die Zapatistas Schulen und Kliniken, Kooperativen und Werkstätten aufbauen. In ­ihren Gemeinden versuchten sie so, Grundlagen für Wohnen und Arbeit, ­bedarfsorientierte Landwirtschaft, Erholung und Kunst zu schaffen.

Letztere erhielt zuletzt einen immer wichtigeren Stellenwert in den zapatistischen Gemeinden. Seit 2016 haben die Zapatistas verschiedene Kunst­festivals ins Leben gerufen, die unter dem Label »Comparte« laufen – einem Wortspiel aus compartir (teilen) und arte (Kunst). Damit wenden sie sich sowohl an eigene Basisgemeinden als auch an mexikanische und internationale Künstlerinnen und Künstler. Im Medium der Kunst und ihre verschiedenen Spielarten wollen die Zapatisten sich über weltweite Kämpfe und den Widerstand gegen den Kapitalismus austauschen.

Da in Mexiko seit dem 1. Dezember 2018 mit Andrés Manuel López Obrador von der sozialdemokratischen Partei Morena ein Präsident regiert, der von vielen in Mexiko und der Welt als links angesehen wird, stellte das Jahr 2019 eine neue Herausforderung für die zapatistische Bewegung dar. Viele sind der Ansicht, dass es zurzeit bessere Ausgangsbedingungen für antikapitalistische Kämpfe gebe als in den vorherigen Regierungsperioden. Doch López Obrador kündigte unter anderem die Verwirklichung des großangelegten Infrastrukturprojekts »Tren Maya« an, das die Halbinsel Yucatán etwa mittels des Ausbaus einer Eisenbahnstrecke besser erschließen soll. Umweltschutzgruppen und die Zapatistas befürchten negative ökologische und soziale Folgen des Projekts. Zudem gründete der Präsident im vergangenen Frühjahr die Nationalgarde, deren Soldaten vornehmlich die Migrantinnen und Migranten an der Südgrenze des Landes aufhalten sollen. Kritiker der Regierung bemängeln aber, dass die National­garde auch gegen Gegner der Großprojekte und widerständige Gemeinden eingesetzt werde (Jungle World 31/2019).

Am 17. August 2019 kündigte der EZLN die Gründung neuer Caracoles an (Jungle World 35/2019), darunter auch das Caracol Tulan Ka’u. Damit unterhält die Bewegung zwölf autonome Verwaltungsbezirke. Zusammen mit der Ankündigung der räumlichen Expansion luden die Zapatistas für Dezember 2019 zu einer »Kombo für das ­Leben« ein. Diese bestand aus dem zweiten Kinofestival, »Puy Ta Cuxlejatic«, und der ersten Ausgabe des Tanzfestivals »Báilate Otro Mundo«.

Das Auditorium im Caracol Tulan Ka’u mit Platz für ungefähr 1 000 Besucherinnen und Besucher heißt ­Marichiweu, was so viel bedeutet wie: »Wir werden hundertmal siegen«, ­entliehen aus der Sprache der indigenen Mapuche in Chile. Es ist gut besucht. Die meisten im Publikum tragen zapatistische pasamontañas, die bekannten Sturmhauben, oder rote Halstücher. Zu sehen gibt es vieles Verschiedenes, von arabischem Tanz bis zu Hip Hop, von Klassik bis zu Gegenwartstanz, von modern dance bis zu Neoklassik, dazu kommen Performances, Bauchtanz und Tänze mit Feuer.

Besucherinnen und Besucher schlendern an einer Ausstellung mit Foto­grafien von Tänzerinnen vorbei. Zudem gibt es während des Festivals mehrere Konferenzen und eine Buchvorstellung. Das Buch erzählt die Geschichte der Tanzkompanie »Barro Rojo« (Roter Ton) und ihrer Verbindung zur Guerilla in El Salvador als Beispiel eines Tanzes, der mit sozialen Kämpfen verbunden war.

Aus dem Spanischen von Timo Dorsch.