Epidemien und der Rang der Nationen

Virus und Nation

Was kümmert mich der Dax Von

Ein Virus schert sich nicht um die Nationalität, aber das bedeutet nicht, dass vor einer Krankheit alle gleich sind. Vielmehr geben Epidemien Aufschluss darüber, welchen Rang eine Nation in der Welt einnimmt. In der Demokratischen Republik Kongo (DRK) starben im vorigen Jahr 2 230 Menschen an Ebola, doch wird dies kaum zur Kenntnis genommen, da die Gefahr der globalen Verbreitung derzeit gering ist. Da es diese Gefahr aber noch immer gibt, standen für die Ebola-Bekämpfung immerhin 400 Millionen US-Dollar bereit. Für die Bekämpfung der Masern, an denen 2019 in der DRK 6 000 Menschen starben, waren nur acht Millionen US-Dollar übrig.

Anzeige

Nationale Hierarchien zeigen sich auch bei Evakuierungs- und Hilfsbemühungen für Ausländer, die in Wuhan eingeschlossen sind. Trotz vieler Versuche, so beklagten etwa 300 Kameruner Ende Januar in einem offenen Brief, sei der Botschaft ihres Landes keinerlei Information zu entlocken gewesen, während »Kollegen aus Nachbarländern moralische und materielle Hilfe erhielten«. Für das deutsche Verteidigungsministerium ergab sich eine seltene Gelegenheit, Entschlossenheit und Effizienz zu demonstrieren. »Die Bundeswehr war bestens vorbereitet«, lobt die Bundeswehr ihren Einsatz, Deutsche aus »Wuhan nach Hause zu holen«. Ausgeflogen wurden 126 Personen, der Airbus A310 »Kurt Schumacher« bietet Platz für 214. Hätte man da nicht wenigstens ein paar Bürgern anderer EU-Staaten eine Rückflugmöglichkeit anbieten können?

Auch jenseits der Regierungspolitik widerlegt der Umgang mit dem neuen Coronavirus die Behauptung, die Globalisierung führe zu wurzellosem Kosmopolitismus. Aus zahlreichen Ländern wurden Anfeindungen gegen und Angriffe auf Chinesen beziehungsweise Menschen, die als solche eingestuft wurden, gemeldet. Das rassistische Ressentiment aktualisiert Klischees über ein Volk, das Tiere verspeist, die man selbst nicht als Nahrungsmittel betrachtet, und resümiert, dass es deshalb die Krankheit verdient und sie nun gefälligst daheim zu behalten habe. In westlichen Ländern verbindet sich dies mit einer Abwehrhaltung gegen die unheimlichen Aufsteiger. In ärmeren asiatischen Staaten hingegen gelten die Chinesen bereits als Neokolonialisten und die neuen Yankees: laut, protzig und kulturlos. Den Theorien der soft power folgend müsste die chinesische Regierung das bedauern, aber vielleicht ist es realitätsnäher, sich am guten alten Niccolò Machiavelli zu orientieren, der meinte, für einen Herrscher sei es wichtiger, gefürchtet als geliebt zu werden. Den Aufstieg zur Weltmacht hat China geschafft, und der Rest der Welt fürchtet sich schon, wenn ein Chinese hustet.