Mark Fishers Gedanken zu Depression gehören zu den zentralsten des Theoretikers

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Mark Fishers Gedanken zu Depression und Therapie wurden nicht breit diskutiert, nehmen in seinem Werk aber eine zentrale Stellung ein. Zweiter Teil einer Serie zur deutschen Veröffentlichung von »k-punk«.

Am 6. Februar erschien »k-punk«, die gesammelten Blogeinträge des britischen Kulturtheoretikers Mark Fisher, beim Berliner Verlag Edition Tiamat. Fisher befindet sich in diesem Verlag in bester Gesellschaft mit anderen dissidenten linken Intellektuellen wie Wolfgang Pohrt, Robert Kurz oder Eike Geisel, die wie er mehr oder weniger Distanz zur Universität gewahrt haben. Stärker noch als jene hat Fisher diese prekäre Lage allerdings zu einem zentralen Thema seines entsprechend fragmentarischen, ohne die große Monographie auskommenden Œuvres gemacht. »Fast immer, wenn ich mit der Akademie zu tun hatte, war das eine im wörtlichen – und klinischen – Sinne deprimierende Erfahrung«, schreibt er in einem E-Mail-Wechsel mit der Village Voice (»Warum K?«), und es darf vorausgesetzt werden, dass es sich dabei nicht um eine frivole Hyperbel handelt. Denn am 13. Januar 2017 nahm sich Fisher, seit seiner Teenagerzeit an rezidivierender Depression leidend, das Leben. Er teilte das Schicksal vieler, wenn auch nicht aller seiner ehemaligen Mitstreiter an der Universität von Warwick, mit deren Art, Theorie zu betreiben, man im akademischen Bereich keinen Blumenstrauß gewinnen kann. Zwar mangelt es nicht an Arbeiten zu denen, die Fisher oft zitierte, namentlich Deleuze /Guattari, Derrida, Jameson und auch Marx. Fisher schrieb allerdings gegen eine dominante »libidinös-diskursive Konfiguration« an, die er »Vampirschloss« taufte: »Wo Selbst­bewusstsein ist, stifte Skepsis. Sag: Nicht so schnell! Wir müssen genauer darüber nachdenken.

Fisher diagnostizierte einen »therapeutischen Turn« in der britischen Gesellschaft, der mit der Verabschiedung der Klassenpolitik koinzidiert und ein »emo-politisches« Disziplinarregime installierte.

Überzeugungen zu haben, ist repressiv, und könnte zum Gulag führen.« (»Raus aus dem Vampirschloss«). Trotz Promotion blieb ihm der Zugang zu einer Professur verschlossen. Er arbeitete unter anderem als Lehrer und als prekärer Freelancer, die Theoriearbeit musste am Wochenende er­ledigt werden, was Fishers Werk unübersehbar formal und inhaltlich geprägt hat. »Was die zerklüftete Zeit des Prekariats verhindert, ist die Arbeit an langfristigen Projekten.« (»Prekarität und Paternalismus«). Fishers bevorzugte Form war dementsprechend das Blog, die erschienenen Online-Beiträge bringen es in der nun vorliegenden Auswahl auf stolze 622 Seiten.

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Fishers Thesen zur »Wirtschafts­ontologie« des Neoliberalismus, zu Retrophänomenen in der Popkultur und seine Proklamation der »Abschaffung der Zukunft« sind breit diskutiert worden. Weniger Aufmerksamkeit – obwohl alles andere als apokryph – haben Fishers Überlegungen zu psychischen Erkrankungen wie der Borderline-Persönlichkeitsstörung und vor allem der Depression auf sich gezogen, dennoch handelte es sich dabei um einen der Schwerpunkte seines Denkens.

Leider ist die Auswahl der deutschen Übersetzung von »k-punk« auch ein Ausdruck dieser Rezeption: So fehlt im deutschsprachigen Band etwa der einschlägige Beitrag »Anti-Therapy«, ein wichtiges Dokument der Weiterentwicklung von Fishers These der Geburt der Depression aus dem Geist des Neoliberalismus, wie sie bereits in »Kapitalistischer Realismus« und »Gespenster meines Lebens« formuliert wurde. In besagtem Beitrag diagnostiziert Fisher einen »therapeutischen Turn« in der britischen Gesellschaft, der mit der Verabschiedung der Klassenpolitik durch New Labour koinzidiert und ein passiv-aggressives, »emo-politisches« Disziplinarregime installierte, das sein Unwesen in allerlei ideologischen Staatsapparaten treibt (nicht zuletzt im Schulbetrieb, den Fisher aus erster Hand kannte), und das unerwünschtes Verhalten bei seinen Untertanen, das unter den Bedingungen von Austerität und Flexibilisierung notwendigerweise nicht ausbleibt, auf den Weg der therapeutisch begleiteten Selbstoptimierung bringen soll: »Die Wut auf die Verwaltung kann nur ein Zeichen sein, dass es Dir nicht gutgeht. Ein bisschen aus dem Gleichgewicht.« (»Furcht und Elend im neoliberalen Großbritannien«).

»Die herrschende Ontologie«, schreibt Fisher in »Kapitalistischer Realismus«, leugnet soziale Ursachen für Depression, die Fisher ohnehin lieber als »kollektive Depression« (»Zu nichts gut«) bestimmt. Vielmehr soll der Ontologie gemäß gelten, dass »Unglück«, wie Eva Illouz in »Die Errettung der modernen Seele« resümiert, das Resultat einer »schlecht gehandhabten Seele« sei, womit die Leistung der Psychologie in einer Theodizee bestünde: Sinnloses Leiden ist so nicht denkbar, sowohl, wer glücklich, als auch wer unglücklich ist, darf sich das jeweils selbst zuschreiben.

Dagegen legte Fisher entschiedenen Widerspruch ein und war sich auch nicht zu fein, auszusprechen, was unter der etwas schwammigen Rubrik der »sozialen Ursachen« verstanden werden kann, die auch ihn betrafen: »Die soziale Macht, die am meisten Auswirkungen auf mich ­gehabt hat, war Klassenmacht.« (»Zu nichts gut«) Oder: »Es ist nicht überraschend, dass Menschen, die unter solchen Verhältnissen leben – in denen ihre Arbeitszeit und ihre Bezahlung ständig steigt oder sinkt, und die Arbeitsverhältnisse äußerst fragil sind –, Angst haben, depressiv und ohne Hoffnung sind.« (»Die Privatisierung von Stress«) Umso bemerkenswerter sollte es sein, dass die Verhältnisse als selbstverständlich hingenommen und Ursache wie Heilung des Leidens an ihnen im Inneren – der Seele oder der Hirnchemie – gesucht werden. Fishers Erklärungen für die bei Lichte betrachtet merkwürdige Denkbewegungen dieser Art lautet bekanntlich »kapitalistischer ­Realismus«, nämlich das fraglose Hinnehmen, dass an den Verhältnissen nichts geändert werden kann, was nicht einmal mehr ausgesprochen werden muss.

Fisher kann keinen Geringeren als Sigmund Freud selbst als Zeugen für seinen Pessimismus gegenüber den Möglichkeiten von Therapie in der Klassengesellschaft aufrufen. Dieser hatte in einer Ansprache vor dem 5. Internationalen psychoanalytischen Kongress zu Protokoll gegeben, dass »der Arme noch weniger zum Verzicht auf seine Neurose bereit ist als der Reiche, weil das schwere Leben, das auf ihn wartet, ihn nicht lockt«, was ihn dazu brachte, sein Plädoyer für die Demokratisierung der Psychoanalyse um die Forderung nach »materieller Unterstützung« zu ergänzen. Statt lediglich Sozialfürsorge wünschte Fisher sich allerdings eine Repolitisierung psychischer Krankheit und eine »Erneuerung des Klassenbewusstseins« zur Abwehr des Projekts der herrschenden Klasse, das in der Unterwerfung unter die »kollektive Depression« bestehe. Für ihn selbst kommt eine solche Erneuerung zu spät.

Mark Fisher: k-punk. Ausgewählte Schriften (2004 – 2016). Aus dem Englischen von Robert Zwarg, mit einem Vorwort von Simon Reynolds. Edition Tiamat, Berlin 2020, 624 Seiten, 32 Euro