Linke verstehen nicht, was das ­Problem mit Pornos ist

Ich bin auch Täter

Gewalt und nicht Sex ist das Wesen von Pornographie – und die Konsumenten sind nicht immer nur die anderen.

Auf zwei linken Festivals wurden heimlich Videoaufnahmen in Klos und Duschen gemacht, die später auf einer Online-Pornoplattform auftauchten. Als dies bekannt wurde, waren viele empört und forderten Konsequenzen (»Jungle World« 8/2020). Aber versteht die Linke das Problem?

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»Was sagst du zu ›Monis Rache‹, Jacinta?« fragt mich mein bester deutscher Freund Jens.

Ich zucke gleichgültig mit den Schultern.

»Was?« sage ich. »Männer sind Schweine, auch linke Männer. Bist du wirklich überrascht?« Ich empfand es ehrlich gesagt als etwas beleidigend, dass er jetzt so tat, als würde es ihn überraschen, dass jemand vom Organisa­tionsteam des linken Festivals »Monis Rache« heimlich Aufnahmen von Frauen in einem Dixieklo machte und an die pornographische Internetplattform X-Hamster verkaufte (Jungle World 4/2020).

»Aber die meisten Männer, auch linke Männer, stehen auf so was nicht«, sagt er nun, »das ist eine kleine Minderheit.« Es sei sogar falsch, diese Aufnahmen als Pornographie zu bezeichnen.

Denn es sei schließlich »gar kein Sex zu sehen« gewesen.

»Ja?« frage ich.

»Es war ein sexueller Übergriff«, findet er, »denn die Geschlechtsorgane dieser Frauen wurden öffentlich zur Schau gestellt, ohne ihre Einwilligung. Das eigentliche Schlimme daran ist, dass sie es nicht wollten. Wenn sie es wollten, wäre das Pippifax! Aber diese Videos, die gefilmt worden – das ist kein Porno.«

Ich sage nichts. Denn bei den Pornos, die ich guckte, als ich noch Pornos guckte, gab es nie Sex zu sehen. Nicht in den Bukkake-Videos mit den Frauen, die oft wie Mädchen aussahen, denen das Sperma der johlenden Männer über das Gesicht lief, die um sie herumstanden. Nicht bei denen von Frauen in Käfigen, bei denen ein Mann seinen Penis durch die Gitter steckt. Oft gab es gar keinen Penis zu sehen. In einem Video war ein Mann zu sehen, der angeblich Weltmeister im Tittenschlagen war, in einem anderen eine nackte Frau, die an einer Hundeleine durch Erfurt gezogen wurde. Oder eine Frau sollte einen Butt-Plug tragen, im Supermarkt.

Ich sehe Pornos, wenn ich sie mir ansehe, wie ein Täter. Es muss kein Sex vorkommen, denn es geht nicht um den Sex. Es geht um die Erniedrigung und um die Gewalt. Ich gucke Vergewaltigungspornos und Folterpornos und hasse mich dafür. Während ich gucke, will ich, dass alles darin echt ist. Was ich damit meine: Ich hoffe, dass die Bilder echt sind, dass die Frauen entweder nicht wussten, dass sie gefilmt wurden, oder dass sie das nicht wollten. Wenn ich gekommen bin, ändert sich die Luft im Zimmer und ich bin wieder normal und hoffe diese Dinge nicht mehr.

Ich gucke nicht nur wie ein Täter, ich bin ein Täter. Eine Täterin, aber das klingt so harmlos. Das Wort »Täter« klingt in meinen nicht muttersprachlichen Ohren genau wie »Opfer«, genderlos. Ich bin Täter, keine Frau, kaum mehr noch ein Mensch, sondern ein Wesen voller Verbrechen. Ich mache ab und zu Pornopausen, und wenn ich wieder anfange, gucke ich zunächst erst die fast noch normalen Sachen. Blowjobs, so brav, dass sie fast romantisch sind. Aber ich gucke immer mehr und immer Schlimmeres und am Ende klicke ich nur die Videos an, in denen Frauenkörper geschnitten werden oder es Waterboarding gibt.

Seit langen finde ich, dass Pornographie – diese Bilder, in denen (vor allem) weibliche Erniedrigung und menschliches Elend gezeigt werden – nichts mehr mit Sex zu tun hat. Die Täter wollen ­sehen, dass Frauen wissen, dass sie keine Macht haben. Sie sind Beweisvideos – vielleicht.

Vor zwei Wochen bezeichnete Sandrine Walter in dieser Zeitung (Jungle World 8/2020) die »Monis Rache«- und Fusion-Festival-Affäre als einen, ja sogar den »Me Too«-Moment eines Teils der deutschen Linken. »Was die Vorfälle bei ›Monis Rache‹ und dem Fusion Festival von anderen Auseinandersetzungen über sexuelle Übergriffe unterscheidet, sind zum ­einen die ungewöhnlich hohe Zahl potentiell Betroffener, zum anderen die dank des Internets eindeutig dokumentierten Taten«, schreibt sie.

Ja, das stimmt. Bei »Monis Rache« gibt es definitiv klar definierte Opfer und Täter. Anders als wenn, zum Beispiel, Roman Polanski eine Teenagerin vergewaltigt, muss man jetzt keine so idiotischen Fragen diskutieren wie die, ob die Mutter wusste, wo sich das Opfer gerade aufhielt. Oder was eben sonst so bei Vergewaltigungsfällen diskutiert wird: Was für Schuhe hatte die Frau an? Und war sie betrunken?

Bei »Monis Rache« ist das tatsächlich egal, denn selbst der frauenfeindlichste Kopf der Welt bekommt die nötige mentale Verrenkung nicht fertig, um zu ­behaupten, die Betroffenen seien auch noch selbst schuld.

Walter verweist auch zu Recht darauf, dass es bei analogen sexuellen Übergriffen in der Regel schwer ist, zu beweisen, ob diese »geplant und beabsichtigt, also vorsätzlich« waren. Im Fall von »Monis Rache« bestehe hingegen kein Zweifel, und deswegen sollen feministische Linke diesen Vorteil nutzen, »um eine breite Öffentlichkeit für das Thema zu schaffen«. Selten sei die Gelegenheit so günstig gewesen. Da ist etwas dran. Aber sind diese Linken überhaupt dazu in der Lage, über diese Dinge zu diskutieren? Verstehen sie überhaupt, worum es geht?

»Wenn die Frauen gewollt hätten, dass sie gefilmt werden, wäre das Porno«, erklärt Jens.

»Ach so«, sage ich.

Ich bin ein Täter, denke ich, aber auch ein Opfer. Ich denke ab und zu sogar, dass, wenn ich nie sexuell missbraucht, angegriffen und vergewaltigt worden wäre, es diese Gewalt in mir nicht gäbe. Es gibt einen Hass in mir, eine kalte, eiskalte, gefährliche Gewalt, die Pornographie begehrt. Ich könnte schnell, denke ich, pornosüchtig werden. Nicht nach feministischen Pornos.

Die habe ich schon geguckt, sie haben mir auch gefallen, ich schaute sie gerne an – so wie wenn man in einer fremden mittelgroßen deutschen Stadt früher als erwartet ankommt und schnell irgendeine Fotoausstellung besucht, um sich die Zeit zu vertreiben. Für mich ist, ehrlich gesagt, Pornographie ohne Gewalt und Erniedrigung kein richtiger Porno mehr.

Ich bin Täter, aber auch Opfer, wer kann schon sagen, zu welchem Anteil. Manchmal in der U-Bahn lächelt mich ein fremder weißer Mann an und ich denke, Mist, irgendein Video von mir ist doch im Internet gelandet. Und dieser Mann erkennt mich jetzt. Ich schaue zu ihm zurück und lächele nicht. Als ob er ein Hai wäre, so gucke ich ihn an.

Ich bin Täter und Opfer, ich bin auch unsolidarisch. Als ich von den Videoaufnahmen auf der Fusion erfuhr, war meine instinktive Reaktion keine von Solidarität oder gar Mitleid mit den Opfern. Ich versuchte nur rauszukriegen, um welche Toiletten es sich handelte, und mich daran zu erinnern, ob ich damals meine Periode hatte und wie oft ich kacken musste.

»Wer wird geil bei so was?« fragt Jens, und er sieht wirklich verwirrt aus. Er ist zu nett, um mit mir befreundet zu sein, denke ich, und vielleicht ist er überhaupt einfach zu nett für diese Welt.
Wen macht das Anschauen von ­Videos geil, in denen Frauen, die nicht wissen, dass sie gefilmt werden, pissen? Wen machen Videos geil, in denen Frauen, die nicht wissen, dass sie gefilmt werden, ihren Tampon wechseln? Wen machen Videos geil, in denen Frauen, die nicht wissen, dass sie gefilmt werden, kacken?

Manchmal wenn ich kacke, hart drücken muss und mein Tampon fast voll ist, macht es »ping« und er fliegt von alleine raus, wie wenn man Popcorn macht. Wen macht so was geil?

Und sind diese Leute alle Perverse und Außenseiter? Was ist mit den Hunderttausenden in Deutschland, die sich gerade romantische Point-of-view-Aufnahmen von Blowjobs ansehen? Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt. Ich weiß nur: Wenn ich zugebe, dass Pornographie mich seelisch ein bisschen abgetötet hat, tun alle so, als ob ich prüde wäre. Aber prüde ist das falsche Wort, denn in den Bildern, um die es geht, geht es nicht um Sex.

Vielleicht sollte es jetzt eine »Me Too«-Bewegung geben, aber nicht nur in der linken Szene. Nicht nur in der Politik, im Journalismus, im Sport und an Schulen. Nicht nur wegen Festival- oder Kneipentoiletten. Nicht nur in der ­Öffentlichkeit. Sondern tief in uns drinnen, in mir drin. Im Herz oder vielleicht im Bauch, richtig tief drin im Unterleib, so tief drin, dass es sogar den perversesten X-Hamster-Zuschauer nicht geil macht. Me too. Ich auch. Ich bin auch Opfer. Ich bin auch Täter. Was ich an Pornos liebe, ist die Gewalt. Und diese Gewalt kommt auch von mir.