Corona-Kitsch im Feuilleton

Das Feuilleton stirbt zuletzt

Die freizeitphilosophischen Kommentare zur Coronakrise bestätigen die Berufsweisheit: je schlimmer die Verhältnisse, desto launiger die Journalisten.

Auf seinem Blog berichtet Armin Wolf, Moderator und stellvertretender Chefredakteur der ORF-Fernsehinformation, über den ersten Tag in seiner »Corona-WG«: »Mein Büro ist ca. 15 Quadratmeter groß. Die größte Herausforderung wird hier wohl, zwei Wochen lang Ordnung zu halten. Immerhin werde ich in diesem Raum täglich rund 20 Stunden verbringen. (…) Sämtliche Bücher und Unterlagen habe ich in einen meiner ­beiden Kästen verräumt, der zweite wird mein Kleiderschrank. Die anderen ›Isolierten‹ wohnen entweder in geräumten Büros oder in den Künstlergarderoben. Die Garderoben haben eigene Duschen, aber keine Fenster. Ich habe ein Fenster, dafür sind es zu den Gemeinschaftsduschen gut 600 Meter durch abgeriegelte Gänge im Haus (…) Mein WC – die Toilettenanlage im Newsroom – ist nur etwa 100 Meter entfernt, immerhin.«

Freundlich, lustig und aufmerksam werden Deutsche immer erst, wenn sie gewiss sind, dass andere früher als sie selber sterben.

Obwohl seine Redaktion Angst habe, ihre Mitarbeiter könnten wie Opa im Luftschutzkeller einen »Lagerkoller« entwickeln, ist Wolf frohen Mutes. Schließlich gibt es »einen kleinen Fitnessbereich, einen recht großen Raum mit drei Tischtennis­tischen (zwei ohne Netz), einem Wutzler und vier Playstations, einen Aufenthaltsbereich mit Couchen und Sesseln, einen kleinen Garten und einen Speisesaal«. Die Bettwäsche wird einmal wöchentlich gewechselt, Fieber dreimal täglich gemessen, die Zähne kann man sich am »Gemeinschafts-WC« putzen, und jeder verfügt über zwei Handtücher, die »alle drei Tage« ausgetauscht werden. Für Leute, bei denen zu Hause das einzige Handtuch neben dem Wasch­becken steht und die Zahnbürste zum Fliesenschrubben dient, müssen es paradiesische Zustände sein.

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Seit sie zwei Meter Abstand halten, sich nach Ausgabe des Bons bei der bislang ignorierten Kassiererin wie bei einer couragierten Notarzthel­ferin bedanken, sich den Mund morgendlich mit Domestos spülen und statt zwei Stunden zwei Wochen für den Verzehr einer Tüte Chips benö­tigen, entdecken die Bundesbürger ihr Leben neu. Die Gäste bei Anne Will sitzen weit genug voneinander entfernt, um sich nicht zuhören zu müssen, Johannes B. Kerner moderiert in der Quarantäne seine Selbstgespräche, die Nachbarn bringen der alten Frau, deren Wohnung sie nach ihrem Ableben übernehmen wollen, lächelnd die Einkäufe ins Haus, und jede E-Mail in den Virenschutzbunker von Kollegen wird mit einem munteren »Bleib gesund!« beendet.

»Für uns war das ein spontanes Experiment, an dem wir sehr gern teilgenommen haben«, verlautbaren Günther Jauch, Oliver Pocher und Thomas Gottschalk, nachdem RTL ihre »Quarantäne-WG« nach ebenso kurzer wie unbemerkter Laufzeit aus dem Programm genommen hatte. Symphonieorchester spielen statt vor halb hustendem, halb schnarchendem Publikum vor leeren Sesseln, Technoclubs übertragen Online-Partys in versiffte Wohnküchen, Besitzer verwaister Buchläden lesen auf Youtube Rezensionen ab und Philosophieprofessoren versuchen ihr dauerarbeitsloses Publikum durch virtuelle Slam-Auftritte aufzumöbeln.

Natürlich erwägen Deutsche angesichts solch prächtiger Zustände nicht etwa, an den Nordpol umzusiedeln, sondern freuen sich im Ge­genteil am neuen gemeinschaftlichen Wärmestrom. Freundlich, lustig und aufmerksam werden Deutsche nämlich immer erst, wenn sie gewiss sind, dass andere früher als sie selber sterben. Darum herrscht im Notstandsstaat, dem zwar manchmal die Atemmasken, aber nie die krea­tiven Ideen ausgehen, seit Wochen unverwüstliche Überlebenslust. Während Blogger, Coaches und sonstige Freiberufler per Homeoffice emo­tionale Nachbarschaftshilfe anbieten, schaltet das Feuilleton auf sorgen­faltige Selbstreflexion um und kontempliert wie ein ideeller Gesamt-Rilke über den Blick aus dem eigenen Fenster, die Sorge um sich und die Offenheit der Zukunft.

Sogar Thomas Glavinic bekommt Auge in Auge mit dem Virus etwas auf die Reihe und verarbeitet für die Welt seine Coronakrise in einem »täglichen Fortsetzungsroman«, der gleich am Anfang in die Vollen geht: »Welche Absichten verfolgte der Mensch, der zum ersten Mal den anderen von Gott erzählte? … Jeder, der die geniale Idee des ersten Propheten aufgriff, verfolgte dabei ein bestimmtes Ziel, und wenn er sich nicht allzu ungeschickt anstellte, hatte er damit auch Erfolg, denn Menschen können mit Unsicherheit schlecht umgehen, sie brauchen eine Hausordnung, regelmäßige Belohnungen für Wohlverhalten sowie ein Protokoll, das die Konsequenzen ­individuellen Fehlverhaltens regelt.« Bei dem »Menschen«, von dem ­Glavinic spricht, handelt es sich um Glavinic, denn er ist der einzige Mensch, den Glavinic kennt, weshalb seine Menschenkenntnis Glavinic-Kenntnis ist. Auch Corona drang als Glavinic-Corona in Glavinincs Welt: »Wer weiß, wie lange ich von den Geschehnissen nichts gewusst hätte, wären da nicht die E-Mails von italienischen Verwandten gewesen, denn ich lebe seit mehr als drei Jahren außerhalb dessen, was eine Mehrheit meiner Mitmenschen als Wirklichkeit bezeichnet.«

Als die Coronawirklichkeit aber schließlich seine Unwirklichkeit affizierte, packte das Virus den Dichter mit existentieller Wucht: »Ich konnte nicht länger als eine Stunde pro Nacht schlafen, ich konnte nicht aufstehen, schlief diese eine Stunde also auf meinem Schreibtischstuhl, ich konnte mich nicht waschen, ich konnte nicht kochen, ich konnte kaum etwas essen, ich konnte weder E-Mails noch Anrufe beantworten, und nicht immer, wenn ich ins Bad musste, bewältigte ich den Weg.« Alles wie immer, könnte man sagen, nur dass Glavinic sich jetzt wegen Corona statt wegen Glavinic um Glavinic sorgt, aber der Ausnahme­zustand macht aus Gewohnheiten Entscheidungen und aus Banalitäten achtsame Erfahrung. Im Licht der Notlage widmet die »Kulturzeit« auf 3Sat den Wortbrei ihres Denk-Burschis Markus Gabriel in ein »Corona-Tagebuch« um, Richard David Precht klärt über die »Coronapanik« auf, die sich anders als die Klimadebatte um »etwas vergleichsweise Harmloses« drehe, und die Chefredakteurin des Philosophie Magazins, Svenja Flaßpöhler, erklärt der Deutschen Welle in ihrem Schrebergarten, warum der »Stillstand« ein »Denkraum ist, der uns geschenkt wird«: »Gut finde ich auch die Erfahrung, dass unser Konsumverhalten sehr empfindlich eingeschränkt ist, und wir auf uns zurückgeworfen sind. (…) An die Stelle des Besorgens muss dann die Sorge um das eigene Dasein treten.«

Ob sie nun Quizsendungen moderieren oder einen Doktor in Non­sensologie haben, in ihrer Freizeit was mit Viren machen oder einfach auf Nachbarschaftshilfe stehen: Wenn Deutsche im Zeichen der Krise den Mund oder den Laptop öffnen, ­sprechen oder schreiben sie nicht, sondern es spricht und schreibt aus ihnen. Während der leichtere Blödsinn, den sie produzieren, in den Filterblasen der sozialen Netzwerke hängenbleibt, schöpfen die fleur de sel des Tagesgewäschs die Feuilletons ab, die seit ihrer Entstehung davon leben, dass mehr geschrieben wird, als geschrieben werden muss, und deshalb auch das Weltende über­leben werden. In ihrer Frühzeit resultierte aus dem freimütigen Bekenntnis zur Nutzlosigkeit, versteckt zwischen Politik- und Wirtschaftsteil, der besondere Charme dieser Textgattung. In einer großen Zeit aber, in der alle sich mit einem zackigen »Ich komm’ dir lieber nicht zu nahe« begrüßen, der Verzicht auf den Wangenkuss als Zärtlichkeit durchgeht und jeder angehalten ist, sich vor dem Masturbieren die Hände zu waschen, lässt sich den Abfalltexten, die in der Presse Kultur heißen, die Marschrichtung entnehmen, auf die das Volk sich einschwört: Sie sind schlecht geschrieben, sie sind deprimierend, sie sind dumm, sie sind überflüssig, sie öden an, und sie klingen gerade deshalb nach der Hölle auf Erden.