Der Attentäter von Hanau war misogyn, aber kein Incel

Vereint im Frauenhass

Warum der Attentäter von Hanau zwar misogyn, aber kein ­sogenannter Incel war.

Der Mann, der am 19. Februar 2019 in Hanau neun Personen in und in der unmittelbaren Umgebung von Shishabars, seine Mutter und sich selbst erschoss, folgte einem Trend unter ethno­nationalistischen Attentätern: Er hinterließ eine Bekennerschrift. In dieser schrieb er über Verschwörungen, seine rassistischen Vernichtungsphantasien und auch über sein Verhältnis zu Frauen (Jungle World 9/2020). Er habe keine Frau gehabt wegen »besonders hoher Ansprüche«. Seine Idealfrau beschreibt er als blond mit großen Brüsten. Beiläufig erfährt man, dass seiner Ansicht nach Intelligenz und Attraktivität bei Frauen selten gemeinsam auftreten. Die Kontaktaufnahme zu einer der wenigen Damen, die den zukünftigen Massenmörder von sich überzeugen konnten, scheiterte, angeblich weil deren Eltern ihn ausspionieren ließen. Letztendlich habe er sich dagegen entschieden, eine Frau zu »nehmen«, da er von finsteren Mächten überwacht worden sei. Zudem behauptet er, dass ein mangelndes Sex- und Beziehungsleben »freude- und leistungshemmend« sei, was auch ihn einige Jahre lang betroffen hätte. Warum er seine Mutter erschoss, darüber lässt sich bislang nur spekulieren, denn aus der Bekennerschrift lässt sich dafür keine Begründung jenseits eines generell abwertenden Frauenbilds ableiten.

Im Gegensatz zum Selbstmitleid der Incels strotzt das Bekenner­schreiben des Attentäters von Hanau von wahnhafter Selbstüberschätzung.

Die Subkultur der selbsterklärten ­involuntary celibates, kurz Incels, zeichnet sich nicht nur durch extremen Frauenhass aus, in den vergangenen Jahren machten Incels auch mit Mord­anschlägen von sich reden (Jungle World 1/2019). Daher spekulierte man alsbald sowohl in den herkömmlichen wie in den sozialen Medien, ob es sich bei dem Attentäter von Hanau um ­einen Incel gehandelt haben könnte.

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Wer sich ein wenig mit der Incel-Subkultur auskennt, kann jedoch aus dem Manifest und der Tatsache, dass der Anschlag explizit rassistisch motiviert war, schließen, dass es sich bei dem Mörder nicht um einen Incel handelte – um einen Frauenfeind jedoch schon. Frauenhass bezeichnet eine Studie der Anti-Defamation League als Einstieg in rechtsextremes Denken. Er ist bei vielen sogenannten Amokläufern und Terroristen ein wiederkehrendes Moment.aher vernichtenswert

Der Frauenhass der Incels ist Teil der sogenannten black pill-Ideologie, die sich ferner durch Nihilismus, Selbsthass und eine obsessive Fixierung auf vor allem die eigenen Äußerlichkeiten auszeichnet. Frauen würden einen Mann verachten, wenn dieser nicht wie der Schauspieler Robert Pattinson (­bekannt aus der Vampirfilmserie »Twi­light«) aussähe, erfährt man etwa auf den einschlägigen Foren. Und man selbst, so die gängige Selbsteinschätzung in der Szene, stehe auf der Attraktivitätsskala nun einmal sehr weit unten (in der Regel sehen Incels aus wie normale junge Männer). Frauen müsse man dafür bestrafen, dass sie sich den vermeintlich hässlichen Incels verweigerten und nur mit den im ­Szenejargon als Chads bezeichneten blonden angloamerikanischen Supertypen schlafen, wie sie Pattinson ­gewissermaßen verkörpert. So sehr die Incels die angebliche Oberfläch­lichkeit von Frauen geißeln, verachten sie sich für ihre eigene vermeintliche Unansehnlichkeit. Auf den Foren ­geben neben den obligatorischen misogynen Hassphantasien Postings den Ton an wie: »Wenn du ein hässlicher Mann bist, ist es vorbei für dich«, oder: »Wieso habt ihr euch noch nicht das Leben genommen?«

Der Attentäter, der am 9. Oktober in Halle erst vergeblich versuchte, eine Synagoge anzugreifen, und daraufhin zwei Menschen mit einer selbstgebastelten Schusswaffe ermordete, hatte Verbindungen zu jener Szene, die sich auf Incel-Foren und zynischen Online-Imageboards wie 4chan trifft. Dies erschließt sich zum einen aus seinem während des Angriffs geschalteten Livestream, zum anderen aus seinem auf dem Anime-Board Meguca veröffentlichten Bekennerschreiben. Man findet dort Referenzen auf Memes wie »Catgirls«, eine objektivierende Männerphantasie aus Manga und Animes, die eine Kreuzung aus Frauen und Katzen darstellt. Der Täter bezeichnet sich selbst als »Neet«, was für »not in education, employment or training« steht, eine Abkürzung, die viele User dieser Boards als abwertende Selbstbeschreibung verwenden.

Selbsthass ist eines der maßgeblichen Charakteristika der Incel-Ideologie. Während der Attentäter von Halle sich den kompletten Livestream hindurch dafür geißelt, ein Versager zu sein, und dem für seine Online-Gemeinde recht typischen Selbsthass frönt, findet sich davon im Manifest des Mörders von Hanau nichts. Im Gegensatz zum Selbstmitleid der Incels strotzt das Bekennerschreiben des Attentäters von Hanau von wahnhafter Selbstüberschätzung. Der Attentäter in Halle hinterließ ein Bekennerschreiben auf Englisch, während das des Attentäters von Hanau auf Deutsch verfasst ist. Dies lässt darauf schließen, dass der Attentäter von Halle sich an das internationale Publikum von Chan-Boards wandte. Es gibt zwar auch ein Video des Attentäters von Hanau, in dem er auf Englisch die US-amerikanische Bevölkerung vor ­geheimen Militärbasen warnt, dies erscheint jedoch eher als Ausdruck von paranoidem Größenwahns – ob der Täter einem internationalen Netzwerks von Gleichgesinnten zugehörte, ist bislang nicht bekannt.

Bei den von Incels verübten Anschlägen ist die primäre Motivation Rache für die als Kränkung empfundene Sex­losigkeit. Die Opfer sind in der Regel Frauen. Im Gegensatz dazu legt das Bekenntnis des Attentäters von Hanau einen eliminatorischen Rassismus als primäres Tatmotiv nahe. In dem Bekennerschreiben bezeichnet er nicht sich selbst als Versager, sondern Angehörige bestimmter »Rassen und Kulturen« als unproduktiv und daher vernichtenswert.

Der selbsterklärte Incel Elliot Rodger, der 2014 nahe dem Campus der University of California in Santa Barbara sechs Menschen ermordete und 14 weitere verletzte, hinterließ ebenfalls eine Bekennerschrift. Darin erfährt man nicht nur, dass ihn die Studentinnen einer populären Sorority nicht beachteten und er damit nicht damit leben konnte, sondern auch von seinem Hass auf schwarze Männer, vor allem auf Schwarze mit weißen Partnerinnen. Ein identitätsstiftendes Merkmal der Incels ist Rassismus jedoch nicht unbedingt; das ist in erster Linie Frauenhass. Bei einer Umfrage auf dem großen Incel-Forum Incels.co bezeichneten sich 56,1 Prozent der teilnehmenden User als »weiß«. Es handelt sich also mitnichten um eine ethnisch homogene Gruppe. Zugleich lassen sich bei nichtweißen Incels oftmals rassistische Denk- und Ausdrucksweisen feststellen. Mitglieder indisch-pakistanischer Herkunft bezeichnen sich selbst beispielsweise als »Currycels«. Weiße Incels jedoch sind in der Regel nicht nur frauenfeindlich, sondern auch rassistisch, insbesondere in Bezug auf Schwarze. Schwarze Männer existieren in ihrer Vorstellung ausschließlich als Gangster oder Drogendealer. Auch ihre Vorstellungen von Frauen sind so sexistisch wie rassistisch: Weiße Frauen gelten als selbstgerechte und oberflächliche Schlampen, schwarze Frauen als triebhaft und animalisch, asiatische Frauen hingegen als unterwürfig und daher als ideale Partnerinnen.

Die Online-Gemeinde der Incels mag sich als große Selbsthilfegruppe für zu kurz gekommene und benachteiligte Männer verstehen, die einander in ihrem hoffnungslosen Leben Halt geben, aber das ist mitnichten der Fall. Eher stachelt man sich gegenseitig zum Hass auf Frauen und Minderheiten auf und suhlt sich zugleich in Selbstmitleid. Bei genauerer Untersuchung der Incel-Foren stößt man auch immer wieder auf antisemitische Verschwörungstheorien – beispiels­weise heißt es, Juden kontrollierten die Medien.

Es ist nicht überraschend, dass verschiedene Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bei den Incels in der Regel gebündelt auftreten. Gerade Antifeminismus und Antisemitismus gehen historisch schon seit jeher Hand in Hand. Heutzutage findet sich diese Verbindung in der auf den französischen Rechtsextremen Renaud Camus zurückgehenden Verschwörungstheorie des »Großen Austauschs« wieder (Jungle World 01/2020). Diese besagt, dass jüdische Kommunisten der Frankfurter Schule Hollywood und die Universitäten kontrollieren, mit ­ihrer feministischen Propaganda die Männer verweichlichen und die Frauen zum Feminismus verführen, auf dass diese sich nicht gegen all die Geflüchteten wehren können, die in Scharen von niemand anderem als dem Juden George Soros nach Europa und die USA geleitet werden. Dies führt dann in Konklusion zu einem »Genozid an den Weißen«, gegen den man als Retter seiner Rasse aufbegehren müsse. Auch bei Incels ist ­diese Theorie nicht selten anzutreffen. Diese Täter-Opfer-Umkehr und der ­daraus folgende Aufruf zur autoritären Revolte bilden das verbindende Element in der Motivation gegenwärtiger Terrorangriffe: Die Täter sind in der ­Regel sich gekränkt fühlende Männer, die Soldaten einer »größeren Sache« sein wollen.