Die Konkurrenz der Erdölförderländer in der Coronakrise

In Konkurrenz vereint

Wegen der Coronakrise ist der Erdölpreis gefallen. Das stellt das brüchige Bündnis der Förderländer Saudi-Arabien und Russland auf eine harte Probe, könnte dieses aber mittelfristig zulasten der USA stärken.

Kaum jemand dürfte sich noch an den 5. Oktober 2015 erinnern. An jenem Tag besuchte König Salman als erster saudischer Herrscher Moskau. Nicht einmal die eigens für diese Visite angefertigte goldene Rolltreppe, auf der Salman der Regierungsmaschine entstieg, sorgte dafür, dass das erste Treffen der Staatsoberhäupter der beiden wichtigsten Erdölexportländer in der russischen Hauptstadt im Gedächtnis blieb. Dabei läutete der Besuch nach Jahrzehnten der Feindseligkeit eine Kooperation zwischen den von Saudi-Arabien geführten Staaten der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und dem von Russland geführten Block der unabhängigen Förderländer ein, die kaum zu erwarten gewesen war.

Anzeige

Die Kooperation stabilisierte für einige Jahre den 2014 wegen die Fracking-Programme der US-Regierung sinkenden Ölpreis und wurde schließlich am Rande des G20-Gipfels im chinesischen Hangzhou 2016 institutionalisiert. Daran konnte nicht einmal die 0:5-Niederlage der saudischen Fußballnationalmannschaft im Eröffnungsspiel gegen Russland bei der Weltmeisterschaft 2018 etwas ändern, die Kronprinz Mohammed bin Salman, de facto Regent anstelle seines greisen Vaters, als Gast des russischen Präsidenten Wladimir Putin im Moskauer Luschniki-Stadion mitansehen musste. Wortreich pries der Gast damals nicht nur die Stärke des russischen Teams, sondern auch die auf Jahrzehnte angelegte »gemeinsame Stützung der Öl- und Gaspreise«.

Mit der als »Opec+« bezeichneten Kooperation zwischen den Opec-Staaten und den unabhängigen Förderländern schien es vor gut einem Monat jedoch schneller als erwartet zu Ende zu gehen. Was die unterschiedlichen Interessen im Syrien-Konflikt nicht vermocht hatten, besorgte die Covid-19-Pandemie. Die Nachfrage nach Erdöl brach zunächst in China und dann auch in den europäischen Staaten ein, die Preise fielen stark. Allein in der Volksrepublik sank das Einfuhrvolumen im ersten Quartal dieses Jahres um 30 Prozent. Zuvor hatte China 14 Millionen Barrel pro Tag importiert (ein Barrel sind 159 Liter).

Ob die vereinbarte Reduzierung der täglichen Fördermenge um 9,7 Millionen Barrel ausreichen wird, um den Ölpreis zu stabilisieren, ist offen.

Für das zweite Quartal erwartet die Internationale Energieagentur (IEA) einen Rückgang der täglichen globalen Erdölnachfrage um 20 Millionen Barrel, was etwa 20 Prozent entspricht. Der Opec+ war es gelungen, den Weltmarktpreis für ein Barrel Rohöl der Sorte Brent, der 2016 auf unter 30 US-Dollar gefallen war, für einige Jahre auf relativ konstante Werte von über 60 US-Dollar zu steigern. Anfang März fiel der Preis wegen der gesunkenen Nachfrage rapide auf unter 25 Dollar. Am 30. März konnte man ein Barrel für weniger als 23 Dollar kaufen, die New York Times schrieb vom »schnellsten Kollaps der Ölpreise seit 25 Jahren«.

Für die Förderländer, bei denen es sich fast ausschließlich um vom Öl abhängige Rentenökonomien handelt, ist dies eine Katastrophe. Schon ein kurzer Blick auf die Zahlen verdeutlicht das. Staaten wie der Irak, Libyen, Venezuela, Kuwait oder Algerien exportieren fast nur diesen Rohstoff; in Nigeria liegt der Anteil an den Exporteinnahmen bei 88, in Saudi-Arabien bei 85 Prozent, in Kolumbien und im Iran sind es über 70 Prozent. Selbst Russlands Ausfuhreinnahmen speisen sich zu 55 Prozent aus Erdöl- und Erdgasverkäufen. Ein Sinken der Weltmarktpreise erzeuge »riesigen Druck auf die Staatshaushalte und macht in einigen Fällen schwierige politische Situationen noch schwieriger«, kommentierte die IEA bereits nach den Einbrüchen der Jahre 2014 und 2015. Daran hat sich nichts geändert. Im Durchschnitt bräuchten die Opec-Staaten einen Ölpreis von 90 US-Dollar pro Barrel für einen ausgeglichenen Staatshaushalt, zeigt eine Analyse der Investmentbank RBC Capital Markets; bei Krisenstaaten wie Libyen, Nigeria oder Venezuela seien es gar deutlich über 150 Dollar pro Barrel.

Ganz so dramatisch ist die Lage bei den beiden wichtigsten Förderländern nicht. Saudi-Arabien benötigt einen Ölpreis von gut 83 Dollar pro Barrel, um ein ausgeglichenes Staatsbudget zu erreichen; Russland schafft das bereits bei 42 Dollar pro Barrel. Aber die Spielräume dieser beiden bedeutendsten Ölexporteure sind deutlich größer als die aller anderen Staaten der Opec+-Gruppe. Beide Länder weisen eine sehr geringe Staatsverschuldung auf. Die saudi-arabische Staatsschuldenquote liegt bei 25, die russische bei 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das erleichtert den Zugang zu Krediten. Zudem sind die Kassen noch gut gefüllt. Während Saudi-Arabien traditionell über gigantische kurzfristig mobilisierbare Währungsreserven verfügt – derzeit sollen es 500 Milliarden US-Dollar sein –, hat auch Russland nach der Erfahrung von 1998 vorgesorgt. Damals hatte die von Saudi-Arabien ausgehende Erhöhung der Fördermengen zu einem Preisverfall von Erdöl und Erdgas und schließlich zum Staatsbankrott geführt. Der mit 150 Milliarden US-Dollar gefüllte Staatsfonds sei »ausreichend, um Einnahmeausfälle bei einem Ölpreis von 25 bis 30 Dollar pro Barrel über sechs bis zehn Jahre auszugleichen«, teilte das russische Finanzministerium Anfang März vorsorglich mit.

So schien zunächst, wie in Krisenzeiten alles andere als unüblich, ein Handelskrieg bevorzustehen. Auf den seit dem Golfkrieg von 1991 schwersten Einbruch des Ölpreises am 8. März reagierten die Regierungen Saudi-Arabiens und Russlands so, wie man es aus der Geschichte der Beziehungen zwischen beiden Ländern vor 2015 gewohnt war. Das Schwinden der Einnahmen stellte sowohl die russischen Großmachtambitionen als auch Mohammed bin Salmans Plan »Vision 2030« in Frage, der durch den Bau von Luxusresorts und Entertainment-Zentren sowie die Entwicklung neuer Industrien die Abhängigkeit vom Ölexport mindern soll. Die Zeit der Kooperation schien vorbei und die einer entfesselten Konkurrenz um die verbliebenen Marktanteile eröffnet zu sein: Russland weigerte sich, die Fördermengen wie von der Opec vorgeschlagen zu reduzieren, Saudi-Arabien wollte vor allem China Rabatte gewähren, und der russische Energieminister Aleksandr Nowak sowie sein saudischer Kollege Abdulaziz bin Salman pflegten einige Wochen den dazu gehörigen konfrontativen Tonfall.

Doch in der vergangenen Woche konnte ein Kompromiss gefunden werden. Obwohl die Förderkosten saudischen Öls mit 2,8 Dollar pro Barrel und die des russischen mit etwa 20 Dollar noch im profitablen Bereich liegen, hätten beide Länder einen weiteren Preiskrieg nur unter erheblichen Opfern durchhalten können. Anton Ussow, der Verantwortliche für die Öl- und Gasbranche bei der Unternehmensberatung KPMG und einer der angesehensten Fachleute auf dem Gebiet, hatte darauf bereits vor einigen Wochen hingewiesen. »Meiner Meinung nach ist Krieg ausgebrochen, doch Sieger wird es dabei unter den erdölproduzierenden Ländern nicht geben. Man muss wohl zurück an den Verhandlungstisch und alles dafür tun, dass sich der Markt stabilisiert – obwohl dies kurzfristig kaum gelingen wird«, sagte er der russischen Tageszeitung Wedomosti.

Vergangene Woche wurde auch auf Druck der US-Regierung vereinbart, die tägliche Fördermenge im Mai und im Juni um 9,7 Millionen Barrel zu reduzieren. Ob das ausreichen wird, um den Ölpreis zu stabilisieren, ist offen. Saudi-Arabien soll seine Fördermenge um 30, Russland die seine um 15 Prozent reduzieren. Der Preis stieg dennoch nur auf etwas über 30 Dollar pro Fass und stagniert gegenwärtig. Die meisten Experten gehen mittelfristig von keiner weiteren signifikanten Steigerung aus.

Das könnte sogar eine weitere politische Annäherung der Regierungen Russlands und Saudi-Arabiens gegen deren neuen Hauptkonkurrenten bewirken: Denn härter noch als Russland und Saudi-Arabien trifft der niedrige Ölpreis die Fracking-Industrie in den USA. Die im Januar von der US-Energieinformationsbehörde EIA angekündigte Erhöhung der Produktion von 12,3 auf 13,3 Millionen Barrel pro Tag wurde nicht nur abgesagt; die USA mussten sich im Zuge der Vereinbarung verpflichten, ihre Produktion um 250 000 Barrel zu senken. Die Profitabilität der Branche steht generell in Frage. Bei Produktionskosten von 45 bis 70 Dollar pro Barrel für das minderwertige und deshalb auch billigere Öl der Sorte WTI dürfte sich die Förderung auch langfristig kaum rechnen; am Montag lag deren Preis bei rund 23 Dollar pro Barrel. Die USA könnten wieder zum weltweit größten Erdölimporteuer werden. Das würde auch ein neuerliches Förderkartell um die Achse Riad-Moskau begünstigen.